Dr. Wewetzer : Die Blutspur zum Krebs

Neue Methoden der Blutuntersuchung können zwar noch keine umfassenden Krebstests liefern, aber sie sind dennoch eine wichtige Hilfe in der Behandlung.

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Bluttest statt unangenehmer Biopsie - bei der Krebsvorsorge noch lange nicht Alltag, aber auch keine Utopie mehr. (Symbolbild)
Bluttest statt unangenehmer Biopsie - bei der Krebsvorsorge noch lange nicht Alltag, aber auch keine Utopie mehr. (Symbolbild)Foto: picture-alliance/ dpa

Das Erbgut von Krebszellen ist meist stark verändert. Ihre in der DNS gespeicherte Erbinformation unterscheidet sich an vielen Stellen vom Bauplan intakter Zellen. Diese Abweichungen, Mutationen genannt, sind ein Hauptmerkmal der Krankheit und eine wesentliche Ursache für das ungehemmte und zerstörerische Wachstum der Tumorzellen. Zugleich sind die mutierten Gene ein Schlüssel zur Früherkennung wie zum Überwachen der Behandlung. Denn DNS aus Krebszellen lässt sich im Blut nachweisen. Dank moderner Erbgut-Entzifferungs-Automaten ist der universale Krebstest aus der Blutprobe keine Utopie mehr. Diese DNS-Lesegeräte werden immer schneller, zuverlässiger und preiswerter. Sie stöbern die verräterische Krebsspur im Blut auf.

„Liquid Biopsy“, flüssige Biopsie (Gewebeentnahme), heißt die neue Technik, die unter Krebsexperten für Aufregung sorgt. Drei Quellen werden angezapft. Im Blut schwimmt DNS, die aus abgestorbenen Krebszellen stammt, ebenso wie erbguthaltige lebende Tumorzellen und Exosomen, von Zellen abgesonderte winzige Bläschen mit Erbinformation. Dabei muss der Test zwischen der „kranken“ und der „gesunden“ Erbsubstanz unterscheiden. Letztere macht immerhin 99 Prozent aus!

Die einfachen Lösungen sind oft die schwierigsten

Das größte Ziel ist natürlich ein umfassender Krebstest. Man geht zum Arzt, gibt sein Blut ab und bekommt bald darauf mitgeteilt, ob da etwas gefährliches in einem schlummert oder nicht – und wenn ja, wo. Rechtzeitig erkannt, ist meist sichere Heilung möglich. Einfacher geht’s nicht! Leider ist der Weg zu diesem Test noch weit, die technischen Probleme vorerst nicht lösbar. Doch prinzipiell funktioniert die Idee, wie erste Studien belegen. So konnten französische Forscher bei fünf von 168 Personen mit erhöhtem Lungenkrebsrisiko den Tumor im Frühstadium feststellen. In China gelang ähnliches bei Nasen-Rachen-Krebs.

Näher am medizinischen Alltag sind flüssige Biopsien, wenn es um die Behandlung von Menschen geht, bei denen bereits Krebs festgestellt wurde. Der Bluttest kann ihnen belastende, riskante und mitunter unzuverlässige direkte Gewebeentnahmen aus dem Tumor ersparen.

Der Test kann zudem Auskunft darüber geben, welche Behandlung sinnvoll und welche überflüssig ist. Etwa, weil die Krebszellen gegen bestimmte Medikamente gefeit sind. Er eignet sich dazu, eine Therapie zu überwachen und rechtzeitig festzustellen, wenn diese versagt. Und schneller als herkömmliche Untersuchungen schlägt er Alarm, wenn ein Rückfall droht. Man gewinnt also wertvolle Zeit für Gegenmaßnahmen. Weil sich genau beobachten lässt, welche genetischen Veränderungen sich im Lauf der Krankheit ereignen, können flüssige Biopsien auch der Krebsforschung wichtige Impulse geben.

Allerdings wird es noch dauern, bis die Methode Routine ist. Vorerst müssen die Tests auf eine solide wissenschaftliche Basis gestellt werden. Einfache Lösungen sind eben oft die schwierigsten.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels und schreibt an dieser Stelle an jedem ersten Sonntag im Monat. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

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