Drittgrößte Stadt Deutschlands : Gardelegen - die große Unbekannte

Gardelegen? Nie gehört? Die Stadt in Sachsen-Anhalt ist doppelt so groß wie München – der Fläche nach. Einwohnerzahl: 23 144. Ein Ortstermin.

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Große Stadt, ganz klein: Ein Teil von Helfried Schmelzers Miniatur-Gardelegen, Maßstab 1:200.
Große Stadt, ganz klein: Ein Teil von Helfried Schmelzers Miniatur-Gardelegen, Maßstab 1:200.Foto: Torsten Hampel

Die Stadt, über die allein er bestimmt und sonst keiner, liegt vor ihm. Er steht rauchend an ihrem Rand, sein Blick geht über die Dächer. Er schaut auf den angeblich einzigen dreieckigen Rathausplatz Europas, auf zwei Kirchen, auf Straßen und viel Fachwerk. „Einmalig“, sagt er, „einmalig ist das hier.“

Der Stadtbaumeister Helfried Schmelzer betrachtet sein Werk: „Eine komplett nachgebaute Stadt, das gibt’s sonst nirgends.“ Komplett, mit Mauer drumherum und Flutgraben. Dreieinhalb Jahre haben ihn die Bauarbeiten gekostet. Ein Stadtviertel fehlt noch, ein Viehmarkt auch. Bald soll das fertig sein, doch Schmelzer kann im Moment wenig tun. „Zu kalt“, sagt er, „ich brauche mindestens 15 Grad. Mein Kleber klebt sonst nicht.“ Es wird nicht geheizt hier drin, in der ehemaligen Malerwerkstatt der VHS-Bildungswerk GmbH Sachsen-Anhalt.

Ein Städtchen, damals wohlhabend geworden durchs Bier

Helfried Schmelzer, einst Mitglied der DDR-Nationalmannschaft im Schiffsmodellsport und gelernter Fliesenleger, heute arbeitslos und Stadterbauer, schaut auf Gardelegen. Sein Gardelegen hat Platz auf zwölf Quadratmetern Hartschaumplatte. Es ist ein Modell, gebaut im Maßstab 1:200, eine Mischung aus historischer Genauigkeit und Vermutungen. „Mitte 17. Jahrhundert“, sagt Schmelzer. Ein Städtchen, damals wohlhabend geworden durchs Bierbrauen, und klein genug, um auf eine Fläche zu passen, die nur etwas größer ist als zwei nebeneinandergestellte Tischtennisplatten.

Der Dreißigjährige Krieg war gerade durchgezogen, die Pest auch, weitere Kriege und Reiche würden kommen und gehen, bis schließlich im 21. Jahrhundert von oben folgender Beschluss erging: Wer im Maßstab 1:200 das gegenwärtige Gardelegen bauen wolle, müsse mit 2500 Tischtennisplatten kalkulieren. Sachsen-Anhalts Landtag verfügte: Gardelegen möge die drittgrößte Stadt Deutschlands werden.

Abgefahren! Mit dem Zug von Hamburg nach Berlin
Juten Tach & Moin! Hamburg ist gefühlt ein Vorort von Berlin. Wer seine Thermoskanne auspackt, kann sie auch schon gleich wieder zuschrauben: Die Fahrt dauert nur 90 Minuten.Weitere Bilder anzeigen
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14.08.2015 13:59Juten Tach & Moin! Hamburg ist gefühlt ein Vorort von Berlin. Wer seine Thermoskanne auspackt, kann sie auch schon gleich wieder...

Das echte Gardelegen da draußen, in dem Schmelzer sein Leben verbringt, Gardelegen im Altmarkkreis Salzwedel. Es ist seit fünf Jahren 632 Quadratkilometer groß. Berlin belegt 892 Quadratkilometer, Hamburg 755. München hat 310 und ist damit nur halb so groß wie Schmelzers Heimatstadt. Dafür wohnen in Bayerns Hauptstadt 60 mal mehr Menschen. Die Einwohnerzahl von Gardelegen: 23 144.

Wie lebt es sich hier, wo jedem einzelnen Einwohner – rein rechnerisch – fast 30 000 Quadratmeter zur alleinigen Verfügung stehen? Trifft man andere Menschen, begegnet man sich hier? Ist so etwas regierbar? Sind die Wege weit und der Alltag beschwerlich, oder ist es genau andersherum, wenn eine Kleinstadt zu so einer Größe aufgeblasen wird?

Schmelzer, der für sein Stadtmodell alle Innenstadtstraßen mit GPS abgelaufen und nachgemessen hat, sagt: „Gardelegen ist ja an und für sich schon interessant.“ Was denn genau? „Naja, überhaupt, die ganze Wandlung.“

Die Wandlung zur drittgrößten Stadt vollzig sich am 1. Januar 2011

Mandy Zepig, die amtierende Bürgermeisterin, sagt: „Das ist wie in einer Zwangsehe.“

Konrad Fuchs, ihr Vorgänger, der den Landtagsbeschluss umsetzte: „Was meinen Sie, wie viele schlaflose Nächte ich hatte.“

Hartmut Gala, zuständig für „Allgemeine Gefahrenabwehr“ im Ordnungsamt und damit einer derjenigen, der mit dem Ergebnis zurecht kommen muss: „Eine Runde durch alle Ortsteile, das macht bei mir 200 Kilometer. Aber man gewöhnt sich.“

Die Wandlung zur drittgrößten Stadt vollzog sich am 1. Januar 2011. Umlandsorte kamen hinzu. Breitenfeld und Dannefeld, Jävenitz, Jerchel und Jeggau, Sichau und Solpke, Sachau und Seethen, Estedt, Hottendorf, Kassieck, Köckte, Letzlingen, Lindstedt, Mieste, Miesterhorst und Peckfitz. In den Jahren zuvor hatte es schon andere Eingemeindungen gegeben.

Diese aber war die folgenreichste, und nicht alle Umlandsorte folgten ihr freiwillig. Mandy Zepig, die Bürgermeisterin, sagt: „Auch Gardelegen selbst war nicht unbedingt scharf drauf.“ Sie sitzt unterm Gewölbe ihres Rathausbüros, und damit mitten auf jenem einmalig dreieckigen Rathausplatz. Drei Handelsstraßen trafen hier einst aufeinander, eine von Nord nach Süd, eine von Ost nach West und eine schräge, so kam das.

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