Editorial Jahresrückblick : #2013

Warum ist Twitter Motto dieser Ausgabe? Ein Editorial.

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Foto: TSP
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Das Jahr begann mit einem Aufschrei. Im Januar druckte der „Stern“ einen Artikel, in dem der FDP-Politiker Rainer Brüderle angeprangert wurde: Er habe einer Reporterin gegenüber Anzüglichkeiten geäußert. Noch am selben Tag meldeten sich junge Frauen bei Twitter via #aufschrei zu Wort und begannen eine Sexismusdebatte. Innerhalb kurzer Zeit beteiligten sich Zehntausende daran. Mit Anne Wizorek (siehe oben) bekam der Furor ein prominentes Gesicht. Nie zuvor war in Deutschland derart über ein soziales Netzwerk politisch mobilisiert worden.

Twitter (englisch: Gezwitscher) war plötzlich auch für all jene ein Begriff, die bis heute keine dieser Kurznachrichten (Tweets) lesen oder schreiben. Auch der Hashtag (#) oder das blaue Vögelchen als Emblem von Twitter haben sich 2013 in der öffentlichen Wahrnehmung etabliert.

In TV-Talkrunden wie „Hart aber fair“ oder „Günther Jauch“ werden inzwischen ganz selbstverständlich Twitter-Kommentare von Zuschauern verlesen, Diskussionsteilnehmer solcher Sendungen twittern bisweilen live. Während des Kanzlerduells zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück wurden 132 000 Tweets verfasst, darunter nicht wenige von Bundesministern, die im Studio dabei waren.

Twitter ist längst zum digitalen Megafon von Popstars und Politikern geworden, Prominente und Möchtegerns tragen damit ihre Streitereien öffentlich aus (siehe letzte Seite). Argentiniens Präsidentin Christina Kirchner wurde von der „FAZ“ zur „Twitterkönigin“ erklärt, weil sie das Medium virtuos zu Propaganda und Selbstinszenierung nutzt und so vor allem zu jüngeren Wählern Kontakt hält.

Aufsehen erregte auch der Börsengang des Unternehmens Twitter, dessen Zentrale in San Francisco sitzt. Anfang November wurde die Aktie erstmals an der New Yorker Börse notiert – von der Wirtschaftspresse beäugt wie der Start von Google oder Facebook. Der Vorstandsvorsitzende Dick Costolo wurde mit ausführlichen Porträts bedacht; seitdem weiß jeder, dass der 50-Jährige in seinem früheren Leben Komödiant bei einem Improvisationstheater war.

Twitter also, mit seinen höchstens 140 Zeichen langen Nachrichten. Sie können klug sein, poetisch, bösartig, saublöd, relevant oder einfach nur Nonsens. Rund 1,5 Milliarden Mitglieder gibt es weltweit! Grund genug für uns, den Jahresrückblick 2013 unter dieses Motto zu stellen.

Lesen Sie große und kleine Geschichten, die uns bewegt haben – und die Tweets dazu. Viel Vergnügen dabei wünscht Ihnen ...Norbert Thomma

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