Stimmen Dengels Erfahrungen mit Stift und Papier? Um die Wirkung der Handschrift zu verstehen, teilte der Forscher Pam Müller von der Princeton University 2014 eine Unterrichtsklasse. Eine Hälfte sollte Vorlesungen handschriftlich notieren, eine andere den Computer verwenden. Hinterher stellte Müller konzeptuelle Fragen zum Stoff. Ergebnis: Wer zu Stift und Papier griff, wusste mehr.
Der Neuropsychologe Michael Niedeggen von der Freien Universität Berlin kennt Müllers Studie. Seine Erklärung: „Wer Laptop oder Apps benutzt, tendiert dazu, Dinge eins zu eins von der Leinwand abzuschreiben. Wer aber von Hand paraphrasiert, durchläuft eine verbale Schleife mehr. Das Gelernte verankert sich – man vergisst weniger.“ Für die Tagesplanung, so Niedeggen, gelte das auch.
Hinzu komme ein weiterer Punkt, die Ablenkung. Wer in ein Notizbuch schreibe, konzentriere sich meist voll darauf. „Computer und Apps laden aber gerade aufmerksamkeitsschwache Menschen dazu ein, abzudriften.“
Um zu verhindern, dass er vergisst, Wichtiges einzutragen, hat Ryder Carroll sein Bullet Journal meist bei sich. Wenn er arbeitet, liegt es aufgeschlagen auf dem Tisch. Er sehe immer, welche Aufgaben noch unerledigt seien – und wenn er eine Idee habe, notiere er sie direkt. Was am Ende des Tages übrig bleibe, sagt er, wandere auf die Liste des nächsten Tages. „Spätestens, wenn man fünf Mal verschoben hat, erledigt man die Aufgabe, weil man sie nicht mehr sehen kann.“
Bullet-Journal-Junkies notieren Gedanken, Gewicht und gelaufene Schritte
Fünf Minuten verwendet er morgens auf sein Journal, nur ein Bruchteil einer ausgetüftelten Morgen-Routine. Er geht ins Fitness-Studio, er meditiert, er frühstückt, dann notiert er. „Ich bin mir meiner Gedanken nun bewusster“, sagt er, „ich lebe effizienter und bedächtiger.“ Abends, vor dem Schlafengehen, nimmt er sein Buch erneut zur Hand. Strukturiert, was er am Tag erledigt hat. Ordnet. Und schreibt drei Dinge auf, für die er an diesem Tag besonders dankbar war.
Julia Dengel hingegen widmet sich inzwischen volle 2,5 Stunden pro Woche dem Journal. Längst plant sie damit nicht nur ihren Tag, sondern notiert Träume und Erlebnisse. Sie sammelt Sticker und schneidet Motive aus Zeitschriften aus, die sie dann einklebt. Beendet Dengel eine Woche und blättert eine neue Seite auf, knipst sie davor ein Bild von der alten mit ihrem Smartphone. Dann bearbeitet sie das Bild und lädt es bei Instagram hoch. Viele Bullet Journalists machen das so: Unter den einschlägigen Hashtags finden sich eine halbe Million Bilder. „Die Lebensplanung wird zum Sport, die Fortschritte teilt man der Welt per Social Media mit“, sagt Niedeggen, der Neuropsychologe.
Das Schöne am Bullet Journal, da ist sich Carroll mit vielen Bloggern einig, sei die Vielfalt. Wer möchte, kann mittendrin auf einer Seite notieren, welche Bücher er bis zum Jahresende gelesen haben will. Über das Inhaltsverzeichnis findet sich die Seite schnell wieder. Im Tagesplan kann man Workouts festhalten, Ernährungsziele, ausgegebenes Geld, gelaufene Schritte, getrunkene Gläser Wasser, Körpergewicht. Oder doch lieber Restauranttipps? „Wir haben tausende Gedanken“, sagt Carroll, „wäre es nicht schade, so viele davon wieder zu vergessen?“
Ein deutscher Notizbuch-Hersteller profitiert von der Idee
Wie groß der Trend inzwischen geworden ist, merkt wohl kaum einer so deutlich wie Philipp Döbler. Der Deutsche leitet die Firma Leuchtturm, ein Notizbuch-Hersteller mit Sitz in Geesthacht. Ein Leuchtturm-Notizblock kostet knapp 20 Euro, härtester Konkurrent auf dem Markt ist Moleskine aus Italien.
Bei einem Besuch in den USA traf Döbler vor einigen Jahren auf Ryder Carroll. Der erzählte ihm von seiner Idee – und Döbler sah eine Chance. 1000 Notizbücher des Typs „1917“ versprach er dem Amerikaner für dessen laufende Crowdfunding-Kampagne. Wer Carroll etwas Geld überwies, damit dieser seine Idee vermarkten konnte, bekam ein Leuchtturm. Berichteten Blogger fortan über das Bullet Journal, fiel oft der Name Leuchtturm. Für Döbler eine Gratis-Kampagne.
Merkt er das an den Verkaufszahlen? „Wir haben im englischsprachigen Raum, also Australien, Großbritannien und Nordamerika, einen Umsatzanstieg von 50 Prozent“, sagt Döbler, obwohl, so genau könne er das doch nicht sagen, es sei schwierig, auszurechnen, welchen Anteil das Bullet Journal exakt habe. Nur so weiß er sicher: „Der Umsatzanstieg durch das Journal ist signifikant.“
Und Ryder Carroll? Der versucht nun selbst, mit seiner Idee Geld zu verdienen. Auf seiner Website verkauft er speziell designte Notizbücher mit Inhaltsverzeichnis, Seitenzahlen und Umschlag-Aufdruck. Stückpreis: 22 Euro. Die Bücher produziert Leuchtturm für ihn. Sie sind schon seit Wochen ausverkauft.
- Zeichen der Zeit
- Wer zu Stift und Papier greift, vergisst weniger
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