Ein Buchhalter-Report : Zeichen der Zeit

Es gibt eine neue Idee, sein Leben zu planen: Bullet Journaling. Man braucht nur Stift, Notizbuch – und die richtige Technik.

Marius Buhl
Unvergesslich. Ob sie alle Termine einhält, darüber wachen im Bullet Journal von Julia Dengel eingeklebte Superhelden.
Unvergesslich. Ob sie alle Termine einhält, darüber wachen im Bullet Journal von Julia Dengel eingeklebte Superhelden.Foto: Julia Dengel

Morgens, kurz bevor Donald Trumps Tochter Ivanka in den Tag startet, setzt sie sich an ihren Schreibtisch und öffnet ein Notizbuch. Darin notiert sie die Aufgaben des Tages und versieht ihre Stichworte mit kleinen Zeichen: Gedanken markiert sie mit einem Strich, Wichtiges mit einem Sternchen, Termine mit einem Kringel, Aufgaben mit einen Punkt. Sie könne jedem nur empfehlen, es ihr nachzumachen, schrieb sie auf ihrem Blog.

Die Technik, die Ivanka Trump anwendet, hat einen Namen, Bullet Journaling (von Bullet Point, den Zeichen vor Aufzählungen). Die kurze Erklärung lautet so: Nutzer schreiben jeden Tag eine To-Do-Liste, markieren die Unterpunkte mit Zeichen, streichen Erledigtes und verschieben Unerledigtes in den nächsten Tag. Bewusst verzichten sie auf Apps und vertrauen Stift und Papier. Wer mag, kann den Aufgabenplan endlos anreichern – mit Bücherlisten oder einem Trainingsplan.

So entsteht eine Mischung aus Kalender, Tagebuch und Notizblock. Wie viele Menschen die Methode anwenden, ist schwer zu schätzen. Einen Hinweis gibt ein Bullet-Journal-Erklärvideo auf Youtube: Es wurde knapp drei Millionen Mal geklickt. Manche schicken E-Mails an den Erfinder, den New Yorker Ryder Carroll. Sie schreiben zum Beispiel: „You totally changed my life.“

"Apps lenken mich ab"

Der heute 36-jährige Carroll war noch ein Kind, als ein Arzt bei ihm eine Lernschwäche diagnostizierte. Seine Gedanken sprangen, er vergaß vieles. „Ich konnte mich nur schlecht konzentrieren, war immer abgelenkt.“ Sein Arzt empfahl ihm, alles zu notieren, an das er sich erinnern wollte. Das Ergebnis: wachsende Zettelberge, wirre Gedanken. „Was mir fehlte, war eine Technik“, sagt Carroll. Er ging zur Schule, später auf die Uni – und immer feilte er an einer Methode, seine Gedanken zu sortieren, 20 Jahre lang.

Eines merkte Carroll schnell. „Wenn ich etwas digital notieren wollte, erwischte ich mich, wie ich kurz darauf nach Flugtickets schaute. Apps lenken mich ab.“ Also nutzte er ein Notizbuch, blanko. Auf Seite eins schrieb er ein Inhaltsverzeichnis, die Seiten nummerierte er. Dann zeichnete er von Hand einen Jahreskalender und fügte alle Termine ein, die schon feststanden. Auf den Jahreskalender folgte ein Monatskalender. Und schließlich, das Herzstück, eine Notizbuchseite für jeden Tag.

Jeden Morgen, Carroll steht um 6.30 Uhr auf, blickt er nun in seinen Jahreskalender, dann in den Monatskalender, dann manövriert er alle Termine in den Tagesplan. Was er dort aufschreibt, bekommt ein Zeichen: Punkt, Kringel, Sternchen, Strich. Hat er eine Sache erledigt, übermalt er das Zeichen mit einem X. Verschiebt er sie, kritzelt er ein Dreieck darüber und trägt sie am nächsten Tag wieder ein. Am Ende jedes Tages, jeder Woche, jedes Monats, schaut er, welche Aufgaben unerledigt geblieben sind. Dann trägt er sie erneut ein.

Der Erfinder des Journals, Ryder Carroll notiert ziemlich nüchtern.
Der Erfinder des Journals, Ryder Carroll notiert ziemlich nüchtern.Foto: promo

Ein Bullet Journal eignet sich für Termine und tägliche To-Do-Listen

2012 erzählte Carroll Freunden von seiner Technik. Die rieten ihm, seine Idee zu veröffentlichen. Wenn der digitale Grafikdesigner aus New York Gesprächspartnern fortan erzählte, dass er nun stressfreier lebe, sich kaum ablenken lasse oder vergesse, schauten sie interessiert. Bald berichteten die ersten Blogger, später Buzz Feed, in diesem Sommer gar das „Wall Street Journal“. Carroll: „Die Technik traf wohl den Zeitgeist.“

Über einen dieser Artikel erfuhr auch Julia Dengel vom Bullet Journaling. Dengel leitet ein Bildungsinstitut in Klagenfurt. In ihrem Job, sagt sie, sei Planung wichtig. Bevor sie vom Bullet Journal wusste, nutzte sie Apps, um ihr Leben zu planen. Nur: Es gab keine, die sowohl Termine als auch tägliche To-Do-Listen sinnvoll verknüpfte, also nutzte sie mehrere gleichzeitig. Weil sie nichts vergessen wollte, sollte ihr Handy sie per Piepston erinnern. „Bald fiepte das Ding den ganzen Tag.“ Als Dengel von Ryder Carroll erfuhr, testete sie seine Methode. „Heute behalte ich meine Aufgaben viel besser im Kopf. Ich habe das Gefühl, ein geordneteres Leben zu führen.“

Auf ihrem Blog bezeichnet sie sich als Bullet-Journal-Junkie.

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