Ein Stasi-Romeo der DDR erzählt : Sein Deckname war Wolfi

So wie im aktuellen ZDF-Dreiteiler "Der gleiche Himmel": Auf Befehl der DDR-Staatssicherheit schlief er mit Westfrauen. Was war seine Mission? Und gab es sie wirklich, die Flirtschule des MfS?

Sportlich, attraktiv, wortgewandt. So präsentierte sich der Agent in den 70er Jahren. Bevorzugtes Reiseziel: Goldstrand.
Sportlich, attraktiv, wortgewandt. So präsentierte sich der Agent in den 70er Jahren. Bevorzugtes Reiseziel: Goldstrand.Foto: privat, Repro: Kitty Kleist-Heinrich

Vielleicht hätte er diese Geschichte ja für immer in sich versenkt, hätte sie nie rausgelassen, sie einfach totgeschwiegen. Wenn nicht diese Filmpräsentation gewesen wäre: „Der gleiche Himmel“ wurde im kleineren Kreis vorab gezeigt, ein ZDF-Dreiteiler, der jetzt am Montag im Fernsehen startet. Tom Schilling spielt darin einen Romeo-Agenten, so nannte man in der DDR die eigenen „Kundschafter des Friedens“, die mit der Klassenfeindin ins Bett gingen, um an ihre Geheimnisse zu kommen.

„Das ist doch meine Geschichte“, dachte Wolfi, als Gast bei dieser Premiere. Wolfi, so lautete früher sein Deckname bei der Stasi, anders möchte er heute in diesem Zusammenhang auch nicht genannt werden. Er ist inzwischen 64 Jahre alt, in seinem Beruf erfolgreich. Und bis jetzt weiß niemand sonst, was er vor mittlerweile 40 Jahren getan hat: Auf Befehl vögelte er fürs Vaterland.

Eine Formulierung, die er freilich nie benutzt hat. Sie soll in der geheimen Stasi-Schule in Belzig verwendet worden sein, wo Agenten auf ihre Aufgaben vorbereitet wurden. Wolfi hat sie nicht besucht.

Doch wie er Tom Schilling sah, der im Film all sein Können als Stasi-Casanova einsetzt, um eine Analystin aus der geheimen US-Abhörzentrale auf dem Teufelsberg für sich zu gewinnen, da fiel ihm alles wieder ein. Nein, ihm ist es nie gelungen, Geheimes vom Teufelsberg abzuschöpfen, auch keinem anderen Romeo, das ist und bleibt Fiktion in einem Spielfilm. Doch das mit der gespielten Liebe im Auftrag der Staatssicherheit war Teil seines Lebens, vier Jahre lang, von 1974 bis 1978.

Hatte er eine todsichere Masche?

Das Café in Grünau sieht mit seinem Jugendstilinterieur noch aus wie vor 40 Jahren, beinahe wenigstens. Damals traf Wolfi mitunter seine FOs hier, die Führungsoffiziere. Er erzählt von der Geschichte mit Susi, Rechtsreferendarin aus Niedersachsen, Mitte 20, blond, groß, sportlich, in die war er wirklich verliebt. Ein Problem, denn Liebe war nicht erwünscht. Distanz wahren, hieß die Devise, mental freilich nur, ansonsten war Abstand in diesem Metier ganz und gar nicht gewollt. Wie sich schon an seiner Ausrüstung zeigte, zu der immer eine Packung Kondome gehörten.

Susi traf er Mitte der 70er Jahre. Er bekam ihr Foto, den Namen, und ihm wurde gesagt, wo er sie finden würde: In einem Hotel an Bulgariens Goldstrand. Es war nicht sein erster Einsatz und nicht sein letzter. Hatte er eine todsichere Masche? Wolfi, immer noch sportlich fit, schürzt die Lippen, überlegt. Er ist keiner, der schnell spricht, war er nie. Gib nicht zu viel von dir preis, hieß die erste Lektion für künftige Romeo-Agenten.

Wie also ging er vor? Man muss behilflich sein, bei der Auswahl zum Beispiel, neben ihr vor einem Schaufenster, am Hotelbuffet oder am Strand. Welche Hilfe bietet man am Strand an? Wolfi schaut, als ob er einen für ein wenig minderbemittelt hält. Sonnenschirm aufspannen, Liege verrücken, ganz egal, irgendwas geht immer.

Möchtest du ein Eis? Wolfi fragte das strategisch geschickt, kurz bevor die anderen schwimmen wollten. Sie mussten allein gehen, denn Susi wartete ja nun, bis er mit dem Eis zurückkam. So hatte er sie von ihrer Gruppe getrennt. Das war immer die erste Aufgabe: Du musst sie aus der Gruppe herauslösen. Mit Susi, das hätte was Ernstes werden können, sagt er heute, gern hätte er noch das Foto von ihr. Er sah sie nur einmal wieder. Zum Glück – für sie und ihn.

Auch in der Bundesrepublik gab es Romeo-Agenten

Die bulgarische Schwarzmeerküste war damals eines der bevorzugten Jagdreviere der Stasi. Es gab noch ein anderes: Bonn, die Bundeshauptstadt. Markus Wolf, Chef der HVA, des Auslandsgeheimdienstes der DDR, hat zwar in seinen Memoiren geleugnet, Agenten mit einer derart „speziellen Auftragsstruktur“ entsandt zu haben, die Realität sah anders aus, wie Stasi-Offizier Werner Stiller nach seiner Flucht 1979 in den Westen verriet. Gerade Sekretärinnen gerieten ins Visier der HVA. Sie waren schlechter abgeschirmt als ihre Chefs, doch oft genauso gut informiert.

Auch der Westen bestritt, Romeo-Agenten einzusetzen, was ebenfalls nicht stimmte. Elli Barczatis, Sekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, steckte ihrem Liebhaber Karl Laurenz geheime Unterlagen zu. Laurenz arbeitete für den BND-Vorläufer „Organisation Gehlen“, wurde enttarnt und wie Barczatis 1955 hingerichtet.

Aktiver aber war die HVA. Marianne Quoirin, Autorin des Buches „Agentinnen aus Liebe“, geht von 80 Romeos aus, die zwischen 1960 und 1990 in der Bundesrepublik „operierten“. Etwa 40 Frauen wurden ihre Opfer – und dann Täterinnen.

Sie saßen zum Beispiel im Büro des damaligen CDU-Generalsekretärs Kurt Biedenkopf oder im Direktorium des Nato-Generalsekretariats. Sie waren einsam, erfuhren in der Männerrepublik der 60er und 70er Jahre oft wenig Wertschätzung. Doch sie wurden beobachtet. Plötzlich war da einer, kannte ihre Interessen, Wünsche, Sehnsüchte. Romeos tischten abenteuerliche Geschichten auf, mit denen sie ihre ungewöhnliche Neugier verbrämten.

Der nette Mann etwa, der sich 1977 im Café „Rhein-Pavillon“ mit Gabriele K. verabredete, hieß weder – wie von ihm behauptet – Frank Dietzel, noch war er für ein Münchner Friedensforschungsinstitut tätig. Gabriele K. beschaffte ihm trotzdem jahrelang Akten von ihrem Arbeitsplatz in der Bonner US-Botschaft und nahm ihrem Frank noch die dürftigste Legende ab.

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