Ein West-Berliner im Plänterwald : Sie nannten es Vergnügungspark

Berlin trauert um den abgebrannten Spreepark. Zu Recht? Unser Autor erinnert sich mit unguten Gefühlen an einen Besuch 1977 – und das Abenteuer DDR-Grenze.

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Plänterwald-Besucher auf dem Kettenkarussell. Das Foto entstand Ende der 1970er Jahre.
Plänterwald-Besucher auf dem Kettenkarussell. Das Foto entstand Ende der 1970er Jahre.Foto: Ullstein

Wir waren 19 und 20 Jahre alt und aus West-Berlin. Vielleicht erklärt das ein bisschen unsere Sicht der Dinge, weil, ja, wir haben uns schlecht benommen. Weshalb ich diese Geschichte auch weitgehend verdrängt habe. Bis jetzt, bis der Spreepark abbrannte, den wir damals einfach nur Plänterwald nannten. Man konnte diese Woche einiges über den einzigen Freizeitpark der DDR lesen, wie schade es ist, dass der verloren zu sein scheint. Nun, um ehrlich zu sein: Damals, diese Geschichte spielt 1977, also, das reine Vergnügen erwartete uns nicht.
Könnte auch sein, dass dies mit unserer Einreise nach Ost-Berlin zu tun hatte. Die gestaltete sich sehr schwierig. Das Verfahren ging so: Ein paar Tage vorher begab man sich zu einem Passierscheinbüro und erwarb die Berechtigung, als West-Berliner Ost-Berlin besuchen zu dürfen. Als Einreisedokument musste man den „Behelfsmäßigen Personalausweis“ vorlegen, der war grün, anders als das graue Dokument, das Westdeutsche besaßen. Darauf legten die DDR-Behörden großen Wert, denn als West-Berliner war man nicht wirklich Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem musste man eine Begründung für die Einreise abgeben. Die drüben gern gehörte Antwort, wir sagten tatsächlich „drüben“, auf die Frage nach Ziel und Zweck der Einreise war: „Berlin, Hauptstadt der DDR, als Tourist“. So schrieb ich das auch.
Ganz klar war mir eigentlich nicht, was wir drüben wollten. Ich war zuvor nur ein einziges Mal in Ost-Berlin gewesen: mit meiner Tante im Pergamon-Museum. Das muss 1972 gewesen sein, kurz nach dem Viermächte-Abkommen. Vorher war es nämlich ziemlich schwierig, als West-Berliner nach Ost-Berlin zu gelangen. Nun, ich will nicht ungerecht sein, umgekehrt ging es gar nicht.
Vom Pergamonmuseum ist mir eigentlich nur hängen geblieben, dass es keine richtige Cola gab. Ein 15-Jähriger merkt sich so etwas. Diesmal war der Plan, einen draufzumachen. Für kleines Geld. Weil wir nämlich drüben schwarz tauschen wollten. Für eine West-Mark würden wir möglicherweise acht Ost-Mark bekommen. Die Frage war nur, wo macht man drüben einen drauf? Da fiel uns der Plänterwald ein, der einzige Dauerrummel zwischen uns und dem Kopenhagener Tivoli. Gut, es gab noch den Heidepark Soltau. Aber in die Heide fuhr man, wenn überhaupt, nur mit den Eltern. In West-Berlin gab es das Berliner Oktoberfest. Mit seinen nachgemachten Blaskapellen fand ich das jedoch extrem deprimierend. Das Deutsch-Amerikanische Volksfest war gut, weil die USA vor der Ära der billigen Flüge noch auf einem anderen Planeten lagen, man dort echte Amis gucken konnte. Die waren ziemlich cool, wie wir damals schon sagten. Es gab „Michelob“, also echtes amerikanisches Bier, und amerikanisches Eis. Dafür würden wir im Plänterwald Achterbahn fahren können, so oft wir wollten, in West-Berlin ein teures Vergnügen. Sie hatten dort einen Autoscooter, der nur nicht so hieß, sondern „Autoarena“, und ein „Kosmodrom“, das war so ein spinnenartiges Teil, an dem kleine Flieger hingen. Also gut, Plänterwald. Was sollte man an einem Wochentag nachmittags in Ost-Berlin sonst auch machen?

Wir waren zu dritt, Schummel, Chris und ich, und wir kamen in einem ziemlich großen Citroën DS Kombi, der eigentlich Chris’ Mutter gehörte. Citroën DS, das ist der, den man auch Haifischmaul nannte. Keine Frage, ein provokanter Auftritt, den wir am Grenzübergang Bornholmer Straße hinlegten. Die Kontrolle ging trotzdem relativ glatt, bis zu jenem Moment, als Schummel die dämliche Frage stellte, wo denn hier der Zwangsumtausch sei. Damals waren das 6,50 West-Mark, die zum Kurs eins zu eins in Ost-Mark umgetauscht werden mussten. Der Vopo, das war die gängige Abkürzung für Volkspolizist, fragte noch ein wenig ungläubig, dass Schummel doch sicher den Mindestumtausch meinte, worauf er leider antwortete: „Zwangsumtausch, Mindestumtausch, ist doch egal, ist doch eh das Gleiche.“ Ja, wir waren jung. Und Schummel war ziemlich kräftig und sah ein wenig eigenartig aus. Er trug immer einen schwarzen Anzug und eine gelbe Brille, dazu gelbe Schuhe und ein Hawaii-Hemd.

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