Eine Hebamme spricht : "Am ehesten fallen die Machos um"

Kurs zur Geburtsvorbereitung? Unsinn! Bei Milchstau Quark auf die Brust? Bröckelt! Luise Kaller weiß alles übers Kinderkriegen – mehr als 10 000 hat sie schon geholt

von und
Luise Kaller
Luise KallerFoto: Mike Wolff

Frau Kaller, was tun Sie denn da? Schalten Sie Ihr Handy aus?


Ich stelle es auf Vibrationsalarm. Bei einer meiner Frauen kann es jeden Augenblick losgehen – da will ich erreichbar sein.


Angenommen, der Anruf käme mitten in der Nacht. Haben Sie einen todsicheren Wachmach-Trick?


Duschen. Doch ganz oft müssen die Frauen mich auch ungeschminkt und fern der Heimat ertragen: Wenn es heißt „Muttermund bei fünf Zentimetern“, bin ich mit dem Auto von Halensee aus in sieben Minuten im Virchow-Klinikum. Den Polizeipräsidenten habe ich schon reich gemacht.

Seit 45 Jahren holen Sie Babys auf die Welt. Ist das für Sie anstrengender geworden, weil die Frauen sich heute mehr über die Geburt informieren als früher?

Ja. Die Schwangeren lesen viele Bücher und besuchen Kurse. Das Problem dabei ist, niemand kann sich wirklich auf eine Geburt vorbereiten. Die meisten Frauen unterschätzen, was diese Schmerzen mit einem machen. In der Wehe könnte man die Welt verraten.


In einem Geburtsvorbereitungskurs vermitteln erfahrene Kräfte den werdenden Eltern Gebärpositionen und Atemtechniken. Das ist doch sinnvoll.


Eine Hochschwangere bekommt durch einen solchen Kurs den Eindruck, sie hätte irgendeinen Einfluss auf den Vorgang Geburt. Das ist ein Irrtum. Es gibt keine andere Situation im Leben einer Frau, in der sie auch nur annähernd so fremdbestimmt ist. Oft wird den Paaren dort auch eingetrichtert, sie sollten auf eine PDA …


… eine Periduralanästhesie, also Teilnarkose …


… verzichten. Am Ende steht der Mann heldenhaft neben seiner vor Schmerzen schreienden Frau und sagt: „Nicht wahr, Schatz, wir haben uns gegen eine PDA entschieden. Wir wollen den Urschmerz erleben.“


Ist Halbwissen nicht hilfreicher als gar kein Wissen?


Eben nicht. Manchmal fragen mich die Frauen: „In welcher Phase bin ich denn?“ Dann sage ich, gut, die Eröffnungsphase ist zu Ende, aber selbst ich kann nach mehr als 10 000 Geburten nicht wissen, ob das Kind in einer Viertelstunde kommt oder erst in zwei Stunden. Da ist der Muttermund vollständig offen – nur: Wann schiebt sich das Kind durch? Oft ist es so, dass man den Frauen sagt, durchhalten, es kommt jetzt gleich. Doch schließlich dauert es vier lange Stunden.


Von Ihnen stammt der Satz: „Ein Ungeborenes hat keine Facebook-Seite.“ Was meinen Sie damit?


Das Ungeborene hat etwas Geheimnisvolles. Es besitzt seinen eigenen, nur begrenzt vorhersehbaren Rhythmus. Manche Frauen denken, wenn sie vom Glukose-Toleranztest bis zur Fruchtwasseruntersuchung das ganze Programm vorschriftsmäßig absolviert haben, läuft auch die Geburt nach Plan. Am Ende sind sie bitter enttäuscht, wenn sie es nicht schaffen und zum Beispiel ein Kaiserschnitt gemacht werden muss.

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