Eine Nacht im Iglu : Unter der Schneedecke

Eine Nacht in der Natur, mit Sekt im Partnerschlafsack, auf Lammfell gebettet – klingt romantisch? Doch die Hütte aus Eis will nicht recht gelingen, und die Nase gefriert.

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Wer Pause machen will...
Wer Pause machen will...Foto: Martin Bredl/Bohamiatours

Der Schnee glitzert zum Erblinden, die Nase holt sich gerade einen Sonnenbrand, und die kommende Nacht ist, gottlob, noch einen vollen Tag weit weg, da sagt Martin Bredl in seinem alles verharmlosenden Niederbayerisch ganz beiläufig diesen unheilvollen Satz: „Ich an eurer Stelle würd’ ja so spät wie möglich ins Bett gehen. So eine Nacht im Iglu kann lang werden.“

Ich ahne, dass das eine dumme Idee war: mitten im Bayerischen Wald, an der Grenze zu Tschechien, einen auf Inuit machen, sich ein Schneehaus bauen, um darin zu übernachten. Auf der Webseite von Bredl, der Abenteuerurlaub in Eisenstein anbietet, stand, dass die Temperatur im Iglu nicht unter null Grad sinkt. Das sollte wohl ein Trost sein.

Immerhin habe ich einen Mann gefragt, ob er für diesen Ausflug meine Wärmflasche sein möchte. Männer können, weil sie mehr Muskeln haben, leichter Wärme herstellen. Frauen können, weil sie mehr Fett haben, leichter Wärme speichern. Dünne Frauen können nichts davon. Ich bin eine recht dünne Frau. Gut, dass Bredl Romantikübernachtungen samt Partnerschlafsack verkauft.

Jetzt, an einem Samstagmorgen, stehen wir in Skianzügen und mit dicken Handschuhen auf dem Abhang hinter der Jugendherberge des 1000-Einwohner-Ortes, am Himmel keine Wolke, und wollen unser eigenes Iglu bauen. Auf Inuktitut, der Sprache von 155 000 Bewohnern Zentral- und Nordostkanadas sowie Grönlands, heißt Iglu schlicht Haus.

...muss durch den Schnee schlüpfen.
...muss durch den Schnee schlüpfen.Foto: Martin Bredl/Bohemiatous

Weltweit eröffnen immer mehr Iglu-Hotels

Bredl, 43, lange blonde Locken, eigentlich schon immer Abenteurer und als Marketingleiter einer Firma lange unglücklich, hat sich für 150 Dollar eine schwarz-gelbe Plastikbox aus den USA bestellt. Damit hat er die ersten Reihen Schneeziegel, unser Fundament, schon errichtet, wir sollen draufsatteln.

Mit einem Hebel klemme ich die Kiste an einen Schneeblock, gemeinsam schaufeln wir Lagen Schnee hinein und streichen sie mit den Händen fest. Schon für ein kleines Iglu verbaut man etwa eine halbe Tonne. Nicht klopfen! Das gibt Risse in den Wänden unseres neuen Heims, mahnt Bredl. Ziegel um Ziegel sollen wir uns in einer sich verjüngenden Spirale vorarbeiten. Die ersten zerrinnen uns zwischen den Fingern, sobald wir die Box verschieben. Der Schnee ist heute pulvrig, nicht pappig, zu leicht. Minderwertiges Baumaterial.

Ich bin nicht die Einzige, die sich so eine Nacht in der Kälte romantisch vorstellt. Weltweit eröffnen immer mehr Iglu-Hotels. Die Erde erwärmt sich, die Menschen zieht es ins Eis. Großstädter suchen die regulierte Naturerfahrung, Überlebenskampf mit sicherem Ausgang und Käsefondue. Das geht beispielsweise auf dem Zugspitzplatt, wo die Iglus kunstvoll zu Eispalästen geschnitzt sind. In Norwegen gibt es ganze Iglu-Suiten, inklusive Gläsern aus Eis, in Quebec heiraten Menschen sogar im Schneehotel. Und jeder hat seine eigene Bautechnik: Manche stellen Drahtkäfige hin und schießen mit der Schneekanone drauf, andere schneiden, nach Tradition der Inuit, Blöcke aus dem Boden.

Wir dürfen im selbstgebauten Iglu nicht übernachten, zu riskant

Erfahrene Inuit brauchen nur eine Stunde, um so ein schützendes Schneehaus zu errichten. Zwar leben sie nicht mehr darin, aber noch immer dienen die Iglus ihnen als Unterschlupf bei Wetterumschwüngen auf der Jagd. Deshalb lernen Kinder die Bautechnik in der Schule.

Pulvriger Stoff. An diesem Tag war der Schnee nicht pappig genug für ein sicheres Heim.
Pulvriger Stoff. An diesem Tag war der Schnee nicht pappig genug für ein sicheres Heim.Foto: J.Schroeder

Wir hingegen, sagt Bredl, bräuchten einen ganzen Tag. Bredl ist kein Inuit. Aber er ist in Bayerisch Eisenstein aufgewachsen, vom Winter erzogen, hat früh Schneehaufen ausgehöhlt und Eskimo – in seiner Kindheit war das Wort noch erlaubt – gespielt.

Wieder zerbröckelt ein Ziegel. Wir sind keine Naturtalente. Bredl wird uns deshalb nicht im eigenen Bauwerk schlafen lassen. Zu riskant. Stattdessen dürfen wir uns einen seiner bereits gefertigten gigantischen Maulwurfshügel aussuchen. Wir verzichten auf den schwierigsten Teil, das Dach. Bredl wird später, wenn die Mauern so weit sind, dass sie ein Loch von einem Meter Durchmesser übrig lassen, eine Holzplatte in die Öffnung klemmen, sie von außen zuschaufeln. Dann wird er das Iglu wässern wie eine gigantische Palme und über Nacht gefrieren lassen. Holzplatte raus, Schneezelt bezugsfertig.

Ich frage ihn, wie oft er schon in einem seiner Iglus übernachtet hat. Er schaut mich verständnislos an. Nein, eine ganze Nacht habe er sich nie angetan. Warum auch?

In Bredls Auto fahren wir am Nachmittag an den Großen Arber, mit 1455 Metern der höchste Gipfel der Gegend, im Sessellift nach oben versuche ich, nicht an die bevorstehende Nacht zu denken. Wir schnallen Schneeschuhe an die Winterstiefel, stapfen durch Zauberlandschaften, vertilgen auf der Chamer Hütte riesige Germknödel, rasen fünf Kilometer auf einem Holzschlitten ins Tal. Das Iglu ist jetzt ganz weit weg.

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