Emeli Sandé im Interview : "Musik muss ein Werkzeug sein, um eine Botschaft zu verbreiten"

Sie wollte Ärztin werden, jetzt ist Emeli Sandé eine der erfolgreichsten Sängerinnen aus Großbritannien. Ein Gespräch über Pop, Politik und Nina Simone.

von
Markenzeichen Sturmhaube. Nicht nur ihre eindringliche Stimme machte die Schottin Emeli Sandé berühmt, auch ihre Frisur half ein wenig nach.
Markenzeichen Sturmhaube. Nicht nur ihre eindringliche Stimme machte die Schottin Emeli Sandé berühmt, auch ihre Frisur half ein...Foto: promo

Wenn Popstars reisen, geht es nicht unter Kontinentenhüpfen in fünf Tagen. Donnerstag Paris, Samstag New York, Montag Berlin. Emeli Sandé soll trotzdem eine der Situation angemessene Laune haben. Das Management in Form eines deutschen Mitarbeiters weist nur an: „Wenn Sie sich einen Gefallen tun wollen, fragen Sie nicht nach Adele!“

Eigentlich heißt die 29-jährige Sängerin nämlich Adele Emeli Sandé, nur kam der gebürtigen Schottin eine Sängerin mit gleichem Vornamen zuvor. Aber wer würde jetzt noch Emeli und Adele verwechseln, nach diesem großen Moment im Sommer 2012. Da schmetterte Sandé das Lied „Abide With Me“ auf der Eröffnung der Londoner Olympischen Spiele. Wer ist diese schwarze Frau mit den hochtoupierten blonden Haaren und dieser wahnsinnigen Stimme?, fragten sich Millionen Zuschauer. Danach wurde die zierliche Soul-Sängerin zum Star.

Vier Jahre und eine sehr lange Auszeit später bittet sie im Berliner „Hotel am Zoo“ zur Audienz. Das zweite Album „Long Live the Angels“ erscheint. Emeli Sandé kauert in einem Sessel, als bräuchte sie eine Stütze für das Gespräch. Ihre Haare liegen völlig flach auf dem Kopf, da muss noch ordentlich Haarfestiger rein, bis daraus der typische Sandé-Turm erwächst. Sie antwortet leise, langsam, fast schüchtern. Aber vielleicht läge sie jetzt einfach nur gern im Bett.

Mrs. Sandé, in Großbritannien verkauften Sie mehr als zwei Millionen Exemplare Ihres Debüts „Our Version of Events“. 66 Wochen in den Top Ten – das hatten vor Ihnen zuletzt die Beatles geschafft.
Als der Erfolg kam, habe ich jede Möglichkeit genutzt, die Musik zu spielen und sie zu promoten. Ich musste erst mal damit klar kommen, dass sich so viele Menschen mit ihr identifizierten. Plötzlich war ich nicht mehr das Mädchen aus Aberdeen, das noch Teilzeitstudentin und Songschreiberin war, sondern die Popsängerin aus London.

Ein weiter Weg von Ihren Anfängen.
Mit acht Jahren habe ich in ein Heft mein erstes Lied geschrieben: Es hieß „Yesterday is Tomorrow“.

Warum gleich so bedeutungsschwanger?
Ich kannte Musik nur als sehr ernsthafte Kunst. Mein Vater hat mir oft Lieder mit einem gewissen Anspruch vorgespielt. Von Nina Simone oder Stevie Wonder, Geschichtenerzählern, die es vermochten, die politischen Ereignisse ihrer Zeit in Lieder zu verpacken. Deshalb dachte ich immer: Musik muss ein Werkzeug sein, um eine Botschaft zu verbreiten. Ich erinnere mich, als ich mit acht Jahren zum ersten Mal Nina Simone hörte. Wir saßen in Aberdeen im Auto, warteten darauf, dass meine Mutter von der Arbeit kam, und mein Vater schob eine Kassette ins Autoradio. Da hörte ich diese Person, die offenbar auf einer Konzertbühne stand und zu den Zuschauern sagte: Martin Luther King Junior wurde gestern erschossen, deshalb habe ich dieses Lied geschrieben. Und das war „The King Of Love“. Diese unglaublichen Akkorde gingen mir durch und durch. Ich fragte meinen Vater: Wer ist das – ein Mann oder eine Frau? Und ich dachte, okay, Musik ist für die Erwachsenen eine ernste Angelegenheit, da geht es um Leben und Tod. Sie ist kein Witz. Das Erlebnis gab den Ausschlag für mich, „Yesterday is Tomorrow“ zu schreiben. Wenn wir nicht reflektieren, was in der Geschichte passiert, wie können wir dann eine vernünftige Zukunft aufbauen?

Musik war also politische Erziehung für Sie?
Sie spielte mit hinein. In unserer Wohnung hing ein Bild von Martin Luther King, er war das große Vorbild in unserer Familie. Mein Vater brachte meiner Schwester und mir viel über die Geschichte Afrikas und der Schwarzen bei. Er kam aus Sambia und hatte seine gesamte Jugend dort verbracht.

Haben Sie als Kind Afrika romantisiert?
Bestimmt. Wir waren angewiesen auf die wenigen Dinge, die wir in der Schule lernten und auf die Erzählungen meines Vaters. Manche davon waren wirklich fantastisch, ganz besonders wenn es Gute-Nacht-Geschichten waren: Ich wurde von Löwen gejagt! Meine Schwester und ich fragten uns oft, ob es diese Welt da draußen wirklich gibt.

Trotzdem waren Sie erst vor zwei Jahren zum ersten Mal in Sambia. Warum so spät?
Wir hatten uns jedes Jahr vorgenommen, dass wir fahren würden, nur war es ziemlich teuer, das für vier Personen, meine Eltern, meine Schwester und mich, zu organisieren. Deshalb haben wir das Projekt oft verschoben. Als wir dann endlich dort waren, war das überwältigend für mich.

Was haben Sie über sich begriffen?
Ich habe nie verstanden, warum ich diese Leidenschaft für das Singen besaß und diesen unerschütterlichen Glauben daran. Als wir nach Sambia fuhren, sah ich, wie jeder in dem Dorf meines Vaters abends am Feuer saß, betete und aus voller Kehle sang. Diese gemeinsamen Harmonien, die haben mich sehr berührt. Ich glaube, diese Lust an Musik habe ich von der Familie meines Vaters geerbt.

Sie haben sich problemlos in Sambia zurechtgefunden?
In Schottland sind wir reserviert, wir geben jedem zur Begrüßung die Hand. In Sambia umarmten uns alle im Dorf, es gab Gefühlsausbrüche, niemand hielt sich zurück. Das kam mir im ersten Moment komisch vor. Ich kannte doch kaum jemanden und zwang mich, mich emotional zu öffnen.

Im Dorf gab es keinen Strom, Ihr Vater brachte extra einen Generator mit.
Daran schloss er einen DVD-Spieler und einen Laptop an und zeigte die DVD von meinem Konzert in der Royal Albert Hall. Meine Familie klatschte, wenn die Leute auf dem Bildschirm klatschten. Aber es war für sie schwer zu verstehen, dass das Mädchen im Film mit dem neben ihnen identisch war. Bizarr, den Auftritt noch mal mitten im Nirgendwo zu sehen – wie ein Portal in eine andere Welt.

In Sambia haben Sie einen Verein unterstützt, der Missbrauch von Frauen bekämpft.
Die Wohltätigkeitsorganisation heißt „I Care About Her“. Einmal gingen wir mit einer Gruppe Frauen auf einen Markt, damit sie dort allein handeln, unabhängig ihr Geld verdienen konnten und dabei nicht von ihren Männern kontrolliert wurden. Häusliche Gewalt ist in Sambia ein alltägliches Problem, sie ist tief verwurzelt in der Kultur. Nein, warten Sie, das ist das falsche Wort …

Die Gewalt ist im Alltag verankert?
Sie ist einfach akzeptiert. Die Organisation versucht, die Mentalität der Menschen zu verändern. Frauen sind genauso zu respektieren wie Männer. Mir wurde nach dem Besuch klar, was für ein Glück ich hatte, in Schottland aufzuwachsen.

Die Sängerin im Juli 2015 während eines Konzerts in Rotterdam.
Die Sängerin im Juli 2015 während eines Konzerts in Rotterdam.Foto: Paul Bergen/dpa

Als Mädchen mit schwarzer Hautfarbe?
In den Alltag spielte es weniger hinein, als man denkt. Mein Musikgeschmack war anders, meine Mitschüler hörten Teenie-Pop, ich lieber schwarze Sängerinnen aus den 1970er Jahren.

In Ihrer Generation dominiert eigentlich Hip-Hop.
Ich war sogar Teil einer Rap-Gruppe in Aberdeen. Wir sind ein paar Mal in Nachtclubs aufgetreten, ich kann nur gar nicht rappen. Die anderen Mädels haben irgendwann gesagt: Sing mal lieber den Refrain! In der Musik, im Alltag habe ich mich dabei immer als schwarze Frau definiert.

Was bedeutet das in Großbritannien?
Das Gleichgewicht zu finden. In England haben wir viele Menschen, die in der zweiten Generation im Land leben, deren Eltern entweder aus der Karibik oder aus Afrika kamen. Es gibt eine direkte Verbindung zum Herkunftsland, aber eine völlig gegensätzliche Kultur, mit der man aufwächst. Im Moment habe ich den Eindruck, dass ich dank meiner Afrikareise zum ersten Mal beide Seiten gut ausbalanciert habe.

Um dieses Gleichgewicht herzustellen, behaupten Sie, mussten Sie lernen, auch einmal Nein zu sagen?
Ich konnte schon entscheiden, was ich tun wollte. Nur hatte niemand erwartet, was mit der ersten Platte passierte. Es gab ein paar Leute, die mir rieten, sofort ein zweites Album aufzunehmen. Mein Instinkt hat mir gesagt, das wäre nicht richtig. Jetzt kann ich den Fans besser zeigen, was ich über mich gelernt habe.

Und zwar?
Dass es nicht schlimm ist, anderen zu sagen, wie man sich fühlt. Dass eine Frau nicht immer nett und verständnisvoll sein muss.

Ihre Karriere haben Sie als Songschreiberin begonnen, schrieben für Stars wie Alicia Keys und Rihanna. Weil Sie Angst vor der Bühne hatten?
An die Auftritte musste ich mich sehr gewöhnen. Besonders vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London war ich extrem nervös. Ich erinnere mich noch, wie ich im Stadium stehe und weiß, dass etwa 60 000 Zuschauer dort sitzen, aber es sich gar nicht danach anfühlt. Die Arena war mucksmäuschenstill, es war wie ein surrealer Traum, nur das Mikrofon vor mir und dieses Meer an Menschen dahinter.

In solchen Momenten wünscht man sich, wieder eine Songwriterin zu sein?
Ich genoss es schon, Lieder zu schreiben, meine Gefühle preis zu geben und mich trotzdem hinter einer anderen Person verstecken zu können.

Ist ein eigenes Lied ein klein wenig wie ein Kind, das man ziehen lässt?
Na ja, es ist nur die Seite eines Tagebuches, das ich weggebe. Persönliche Songs, die hoffentlich tiefer gehen als ein schneller Hit.

Zuerst haben Sie nicht an die Musikerkarriere geglaubt. Nach der Schule schrieben Sie sich an der Universität für Medizin ein.
In der Schule gefielen mir nicht nur Fächer wie Musik, sondern auch die wissenschaftlichen. Ich finde es toll, wenn Dinge einen Sinn ergeben, deshalb fand ich Mathematik und Physik sympathisch. Als ich für das Medizinstudium akzeptiert wurde, habe ich mich riesig gefreut. Mein Ziel war, einen Abschluss zu bekommen. Ich habe ein Jahr Neurologie studiert, ich finde die Psychiatrie spannend – und faszinierend, wie das Gehirn funktioniert.

Haben Sie einen offenen Schädel gesehen?
Ja, in unserem ersten Jahr haben wir Leichen geöffnet.

Und Sie sind nicht umgefallen?
Zum Glück nicht. Wenn ich engagierter gewesen wäre, hätte ich an der Uni meinen Doktor gemacht. Aber die Musik kam dazwischen.

Jetzt können Sie wenigstens Ihre Kollegen auf der Tour verarzten.
Ha, das würde ich mir wünschen. Nein, ich habe so viel vergessen, ich müsste noch mal drei Jahre studieren, um wieder reinzukommen.

Das Album „Long Live the Angels“ ist soeben bei Universal erschienen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben