Emilia Romagna für Feinschmecker : Pasta non basta: Wie man sich durch Bologna schlemmen kann

„La grassa“ - die Fette - nennen die Italiener ihr Bologna. Der Tourist hat es gut: Neben jeder Attraktion wartet eine Köstlichkeit.

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Mit Mortadella und Ricotta. In der Altstadt füllt man Tortellini auch mit Leidenschaft.
Mit Mortadella und Ricotta. In der Altstadt füllt man Tortellini auch mit Leidenschaft.Foto: Giorgio Salvatori/Emilia Romagna Turismo

In der Via Pescherie Vecchie 3/e hängt ein rotbrauner Boxsack von der Decke. Daneben baumeln, zu dichten Trauben gebunden, zwei Dutzend birnenförmige Punchingbälle. An Sportgeräten wie diesen trainieren Faustkämpfer gern ihre Schlagkraft und Kondition. Doch das hier ist kein Boxcamp, sondern ein Restaurant, das „Zerocinquantino“. Ungläubiges Staunen, dann nähergetreten und mit den Fingerknöcheln gegen den Sack geklopft. Eine Kellnerin kichert und sagt: „Alles echt, eine Mortadella. Sie wiegt 115 Kilogramm und wird bald angeschnitten, dafür hängen wir eine neue auf.“ Ein Monstrum von Wurst. Und die Punchingbälle entpuppen sich als eingewickelte Schinken, die den Gästen nach und nach serviert werden. Merkwürdiges Bologna.

Duft von Küchen und Kaffee durchweht die Gassen

Links und rechts vom essbaren Boxsack stapeln sich in den Geschäften glitzernde Fischleiber, goldgelbe Käselaibe, knusprige Brotberge neben farbenprächtigem Gemüse und Obst, Männer in Metzgerkluft schleppen blutige Fleischbrocken auf den Schultern. Bei „Paolo Atti & Figli“ (Via Caprarie 7), einem antiken Laden mit Marmorboden und geschnitztem Holztresen, verkaufen sie seit 1886 hausgefertigte Delikatessen. Um die Ecke im „Sfoglia Rina“ (Via Castiglione 5/b) werden die frischen Tortellini und Tagliatelle präsentiert wie Edelsteine oder Armbänder bei Swarovski, selbstverständlich kann man die Pasta auch vor Ort verspeisen.

Überhaupt wird, vor allem in diesem Teil der Stadt, von früh bis spät getrunken, gekaut, Eis geschleckt, gelacht, sich zugeprostet. Duft von Küchen und Kaffee durchweht die Gassen. Und mit jeder Stunde wird einem klarer, warum Bologna „la grassa“ genannt wird, die Fette.

Alte Mauern. Bologna heißt wegen ihrer Ziegelsteinarchitektur auch „la rossa“.
Alte Mauern. Bologna heißt wegen ihrer Ziegelsteinarchitektur auch „la rossa“.Foto: Giuseppe Oliva/Emilia Romagna Turismo

Das alles lässt sich spielend zu Fuß erkunden. Denn ein weiser Rat hat im frühen Mittelalter angeordnet, die Häuser müssten, um Wohnraum zu schaffen, die Bürgersteige überdachen. So ziehen sich bis heute gut 40 Kilometer Bogengänge (die sogenannten portici) durch die Stadt, ein Traum für schwach pigmentierte Flaneure, die stundenlang im Schatten herumstromern können und nebenbei Paläste, Hinterhöfe, Eisdielen oder Kirchen entdecken.

Alles da für Kopf und Bauch

Dieser Verkehr hier, sehr unitalienisch. Nach elf Tagen (geschworen beim flüssigen Blut des Heiligen Gennaro von Neapel!) ist die erste Autohupe zu hören, und das auch nur, weil ein Busfahrer drei leichtsinnige Jungs vor einem frühen Tod bewahren wollte. Ansonsten dominieren Fahrräder. Sie sehen allesamt aus, als wären sie kürzlich aus einem Kanal in Amsterdam gefischt worden: mit einer ansehnlichen Rostschicht überzuckert. Gesteuert werden sie mit mediterraner Somnambulität.

Es wirkt ein wenig, als würden die Radler an einem wissenschaftlichen Feldversuch teilnehmen, bei dem ermittelt wird, wie langsam man sich fortbewegen kann, ohne umzukippen. Weitere Studien zum Thema lassen sich in der Via de’ Coltelli 21 treiben. Dort werkelt Claudio Gironi in einer winzigen Reparaturwerkstatt, etwa 120 Räder sind da wie Kletten miteinander verklebt; ab und an hängt er ein Pappschild ins Fenster, nun ginge wirklich keine Speiche mehr rein.

Das mit den Fahrrädern mag an den Studenten liegen. Beinahe ein Viertel der 400 000 Einwohner besucht die Universität, 1088 gegründet und damit die älteste Europas. Das erklärt nicht unbedingt die hohe Dichte an Eisdielen, aber die an teils sehr spezialisierten Buchhandlungen (ganz nebenbei hatte Bologna mal die höchste Dichte an Klöstern in Italien, von denen inzwischen die meisten säkular genutzt werden). Und ganz allmählich wird einem klar, warum die Stadt auch „la dotta“ genannt wird, die Gelehrte.

Senf und Sartre, Grisham und Grissini

Es gibt einen Ort, an dem die Fette und die Gelehrte aufs Wunderbarste verschmelzen. Das „Ambasciatori“ (Via degli Orefici 19) war bis vor zehn Jahren ein Kino, seitdem gibt es auf drei Etagen Lektüre und Kulinarisches zu kaufen, wild gemischt. Weinladen, Café, Tausende von Büchern, Osteria, Feinkost. Senf und Sartre, Umberto Eco (er lehrte an der Uni) und Essig, Grisham und Grissini, Moleskin und Malvasia, Reiseführer und Reis.

Alles da für Kopf und Bauch. Mit diesem Motto können die Streifzüge durch Bologna beginnen. Wo immer es etwas Interessantes zu sehen gibt, sind es zur nächsten Schlemmerei nur wenige Schritte. Und so lässt sich diese Stadt am besten paarweise erklären, jeweils eine touristische Entdeckung und eine kulinarische Besonderheit zusammen.

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