Englands Könige aus Deutschland : George, und noch mal George George, George

Erst als Englands Könige aus Deutschland kamen, wurde das Land so, wie wir es heute kennen: typisch britisch. Das wird nun gefeiert – auf beiden Seiten des Kanals. Eine Aufklärung.

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The Madness of King George: Nigel Hawthorne in dem gleichnamigen Film von 1994, mit Helen Mirren zur Linken.
The Madness of King George: Nigel Hawthorne in dem gleichnamigen Film von 1994, mit Helen Mirren zur Linken.Foto: IMAGO

Donnerwetter, Glück gehabt. Auf Platz 55 der Thronfolge stehen und dann König werden, das soll mal einer schaffen. Allerdings waren es nicht seine persönlichen Verdienste, die Georg Ludwig, Kurfürst von Hannover, nach oben katapultierten – sondern sein Taufschein. Das britische Parlament hatte von den katholischen Stuarts genug und daher beschlossen, dass fortan nur noch Protestanten König von Großbritannien werden können. Und als Queen Anne am 1. August 1714 starb, war da eben weit und breit niemand. Bis zu dem weit entfernten Verwandten aus dem alten Adelsgeschlecht der Welfen.

Am 20. Oktober wurde George I. gekrönt. Seine Frau hatte er zu Hause gelassen. Sophia Dorothea hatte sich die Freiheit erlaubt, das Gleiche zu tun wie ihr Mann und fremdzugehen. Also wurde sie von ihrem Gatten geschieden und für den Rest ihres Lebens nach Schloss Ahlden verbannt. Ihre Kinder durfte sie nie wieder sehen. In sein neues Reich brachte der Herrscher seine Mätresse mit.

Richtig glücklich war er nicht über sein neues Amt. Der Kurfürst, ein eher scheuer Mann, hing an seiner deutschen Heimat, die englische Sprache war ihm so fremd wie die ganze Kultur, seinen neuen politischen Gefährten misstraute er wie diese ihm. Wie sollte er das schaffen, zwei Jobs auf einen Schlag, über England herrschen und über sein viele anstrengende Tagesreisen entfernte Hannoveranisches Reich?

Eine Vernunftehe, keine Liebesheirat war die Personalunion, deren 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, mit einem gigantischen Feuerwerk an Ausstellungen, Filmen, Vorträgen und Konzerten. Und das auf beiden Seiten des Kanals. Wenn die Hannoveraner die Welt mit einigem Stolz darauf aufmerksam machen wollen, dass die Preußen nicht die einzigen mächtigen Herrscher aus deutschen Landen waren, ist das nicht verwunderlich. Dass aber auch die Briten dem Jubiläum so viel Aufmerksamkeit schenken, Prinz Charles noch kurz vor der Eröffnung der Hannoveraner Ausstellungen an diesem Wochenende (siehe Info-Kasten) die Schirmherrschaft übernommen hat, dass die Royal Collection so viele Objekte wie noch nie ausleiht und die Kritiker staunen und loben: Das ist die eigentliche Überraschung.

Denn als Glück haben auch die Briten den Amtsantritt der Welfen auf ihrem Thron damals nicht erlebt. Eher als große Niete, schon wegen potenzieller Interessenkonflikte der Doppelherrscher. Die Abneigung beschränkte sich keineswegs auf den fremdelnden ersten George, sondern schloss eigentlich sämtliche Nachfolger ein.

Bisher betrachteten die Briten George I. bis IV. bestenfalls als Witzfiguren, schlimmstenfalls als Katastrophe – wenn sie sich überhaupt noch erinnern an sie. Könige, die die Landessprache nicht beherrschten und ihre Frauen wegsperrten, die verrückt oder, nicht minder schlimm, provinzielle, humorlose deutsche Langeweiler waren, die amerikanischen Kolonien verloren und sich nicht einmal untereinander ausstehen konnten: Über Generationen hinweg hassten Väter und Söhne sich aus ganzem Herzen. Und die Mütter zeichneten sich auch nicht durch besondere Mütterlichkeit aus. „By George!“, möchte man rufen – ein Ausdruck, der ebenfalls auf die Welfen zurückgeht und nichts Gutes verheißt.

„The Glorious Georges“: Unter dieser Überschrift werfen Ausstellungen in den königlichen Palästen Hampton Court, Kensington und Kew nun einen differenzierteren Blick auf George I, II und III, ihre Verdienste und Eigenheiten. Der Titel ist eine ironische Anspielung auf die „Glorious Revolution“, die den Welfen überhaupt den Weg auf den Thron ebnete, und deutet schon an, dass man sich nicht glorifizierend, aber mit wohlwollendem Humor den Ahnen nähert.

Damit setzen Kuratoren fort, was jüngere Historiker schon vor einiger Zeit begonnen haben. Mit anderen Augen und genauerem Wissen betrachtet bekommt vieles scheinbar Negative durchaus etwas Positives. Dass die Georges sich in der Politik erst einmal eher zurückhielten – ob nun aus Unvermögen oder diplomatischem Geschick –, führte zur Stärkung der konstitutionellen Monarchie und der Etablierung des Premierminister-Amtes. Dass die Georges Gegenstand unzähliger Karikaturen wurden – eine politische Kunstform, die im 18. Jahrhundert einen unglaublichen Boom erlebte, mit William Hogarth an der Spitze –, kann man auch als Zeichen großer Meinungsfreiheit verstehen. Unter den ersten zwei Georges, so Desmond Shawe-Taylor, Kurator der Ausstellung „The First Georgians: Art and Monarchy“ in der Queens Gallery, entwickelte Großbritannien sich zur „liberalsten, kommerziell erfolgreichsten, pulsierendsten und kosmopolitischsten Gesellschaft der Welt“. Außerdem, wie ein Historiker so treffend meinte: Wenn das Volk über seine Monarchen lacht, haut es ihnen nicht die Köpfe ab. Und im Königsköpfen hatten die Briten einige Übung.

Schon der Film „The Madness of King George“, der auf dem gleichnamigen Stück von Alan Bennett („Die souveräne Leserin“) basiert, hat George III. neue Sympathien eingetragen. Darin spielt Nigel Hawthorne den König als aufbrausenden, aber zugleich zärtlichen und originellen Mann, dessen psychische Krankheit (über deren Natur und Ursache es bis heute verschiedene Theorien gibt) mit extrem qualvollen Methoden behandelt wird. Helen Mirren ist die ihn liebende Königin und Mutter seiner 15 Kinder. Die wilde Tragikomödie endet mit einem Happy End: der Rückkehr von „Farmer George“, wie der König wegen seiner Liebe zur Landwirtschaft und zum einfachen Leben auch genannt wurde, an den Hof. Der immer schlimmere, auch gewalttätige Wahnsinn des Alters wird ausgespart.

Die Musik zu dem preisgekrönten Film von 1994 lieferte Georg Friedrich Händel. Noch als einfacher Kurfürst hatte Georg Ludwig den Musiker nach Hannover eingeladen. Als er selber nach London kam, war Händel schon da, stieg nun zum inoffiziellen Haus- und Hofkomponisten auch von George II. auf, komponierte in des Königs Auftrag zum Beispiel die „Wassermusik“, unterrichtete das Königstöcherlein. George II. soll von Händels „Messiah“ so ergriffen gewesen sein, dass er aufsprang beim Halleluja, was ihm heute noch viele nachmachen. Eine der Hymnen, die er für George II. schrieb, wird bis heute auf jeder britischen Krönungsfeier gespielt.

Händel, dessen Musik in diesem Jahr besonders oft erklingt, dem eigene Ausstellungen als Musiker mit königlichem Auftrag gewidmet sind, war nicht allein. Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, erlebte das Land eine ungemeine kulturelle und geistige Blüte. So florierte das Theater, hatte mit David Garrick zum ersten Mal einen Schauspieler-Superstar. Aber irgendwie scheinen die Briten die Georges lange Zeit nicht mit dem eleganten „Georgian age“ in Verbindung gebracht zu haben.

Vielleicht wollte man es auch nicht wahrhaben: dass England ausgerechnet unter den Deutschen zu sich fand, Großbritannien so britisch wurde, wie wir es heute kennen. Die Erkenntnis ist nicht ganz neu, aber noch nie hatte man so reichhaltiges Anschauungsmaterial dafür. Unter den Stuarts war das katholische Frankreich tonangebend gewesen in allen Fragen des guten, das heißt: barocken Geschmacks. Jetzt wandte man sich bewusst von dem Einfluss ab. Die formelle, stark symmetrische Gartengestaltung wie in Versailles wurde abgelöst von den naturnahen Landschaftsgärten, für die England bis heute berühmt ist. Auch die Country Houses des Adels, die die Parks einrahmten, wurden nun (aus-)gebaut, in den Städten Vergnügungsparks für die aufstrebende Mittelschicht angelegt. Möbeldesigner Thomas Chippendale brachte sein stilgebendes Musterbuch heraus, der Tee wurde zur Institution. Die Georges ersparten dem Land eine blutige französische Revolution, stattdessen fand eine stille gesellschaftliche und die industrielle Revolution statt. Zu den florierenden Branchen, die sich nun entwickelten, gehörte die Porzellanindustrie, Wedgwood zum Beispiel. Auch in Sachen Mode fand ein Wandel statt, wurden eigene Stoffe hergestellt. Die Wirtschaft boomte, der Export übertraf den Import, Großbritannien entwickelte sich zur Konsumgesellschaft – mit den Schattenseiten von Sklaverei und bitterer Armut im eigenen Land.

Einem der Pioniere des neuen britischen Designs, dem schillernden Tausendsassa William Kent, widmet sich eine Ausstellung im Victoria and Albert Museum. Kent, anfangs selber noch ausschweifend barock, war der Erste, der zum Klassizismus in der Architektur neigte, stark geprägt vom italienischen Stil Palladios. Die elegante „Georgian architecture“ prägt heute noch das Bild vieler britischer Städte.

Zu seinen wichtigsten Auftraggebern zählt Queen Caroline, eine treibende Kraft bei der Englischwerdung des Landes wie ihrer Familie, die Englisch als Hofsprache anordnete. Desmond Shawe-Taylor erklärt die Gattin von George II. zur eigentlichen Heldin der von ihm kuratierten Schau in der Queens Gallery am Buckingham Palace – und man merkt ihm die freudige Überraschung dieser Entdeckung an. Queen Caroline, geborene Markgräfin von Brandenburg-Ansbach war die Intellektuelle der Familie. Eine außerordentlich gebildete, lesefreudige Dame – zu ihren Lehrern zählte Gottfried Wilhelm Leibniz. Sie lud Philosophen, Schriftsteller, Künstler und Musiker in ihre Salons, versöhnte Religion und Wissenschaft. Wenn ihr weniger kunstinteressierte Gatte mal wieder auf Reisen war, übernahm Caroline auch an der Seite des Premierministers die Regierungsgeschäfte.

Die Mäzenin, zu deren Verehrern Voltaire zählte, hängte vorzugsweise jene Ahnenporträts an die Wand, die die Legitimation der Welfen auf dem britischen Thron demonstrierten, und unterstützte die Entwicklung der eigenen Kultur. Zum Beispiel bei der Anlage der Gärten, die ein weiteres Hobby Carolines waren. Zehn Jahre hatte sie nur als Königin, bevor sie früh starb. Aber in die packte sie so viel, wie es nur ging.

Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten und zum Vierten: George IV., berüchtigt als verschwenderischer Lebemann kurz vor dem Bankrott, so fett, dass die Satiriker ihren Spaß mit ihm hatten, hat politisch wenig Spuren hinterlassen. Dazu hatte er zu lange warten müssen. Sein Vater war zwar krank, aber zäh; immerhin hat er den Stil seiner Zeit geprägt und als Regent, der die Regierungsgeschäfte von George III. übernahm, der Regency Period ihren Namen gegeben, die man aus Jane Austens Romanen kennt. Sein Bruder, der ihm mit 65 Jahren als William IV. auf den Thron folgte und weitgehend vergessen ist, hinterließ auf seine Art politische Spuren: Ohne legitimen Nachfolger, hatte er doch zehn Kinder mit einer irischen Schauspielerin. Sein Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel ist Großbritanniens Premierminister David Cameron.

Auf dem Thron abgelöst wurde William von seiner Nichte, die alle Vorfahren in den Schatten stellte. Sagenhafte 64 Jahre lang saß Queen Victoria auf dem Thron. Wenn man allein die Masse populärer Bücher über sie betrachtet, könnte man meinen, dass erst mit ihr Großbritannien begann. Vielleicht weil mit ihr die Personalunion endete. Denn so fortschrittlich war man in Hannover noch nicht, dass man sich eine Frau an der Spitze vorzustellen vermochte.

Allerdings konnte man, was die Praxis anging, von einer Union ohnehin nicht wirklich reden. Anders als Schottland (das durch eine Personalunion mit England verbunden war, bevor sie 1707 zu einem gemeinsamen Land verschmolzen), lag Hannover viel zu weit weg. George II. gründete immerhin noch die Universität Göttingen. George III., in London geboren, setzte in seinem ganzen Leben keinen Fuß auf deutschen Boden.

Das amtierende Oberhaupt des Hauses von Hannover, Ernst August, ist zwar auch Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland, aber in der Thronfolge weit abgeschlagen. Als Ehemann der Katholikin Caroline von Monaco käme er eh nicht infrage.

Aber im Londoner Kensington Palace, den die ersten Georges ausbauen ließen und dessen – öffentlich zugängliches – bemaltes Treppenhaus pünktlich zum Jubiläum renoviert worden ist, lebt wieder ein George, zusammen mit Mama und Papa: Prinz William und seine Frau tauften ihren Sohn George Alexander Louis. Er könnte, wenn er dann seinen Namen behält, der siebte werden.

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