Entlassene Sexualstraftäter : Unerwünschte Nachbarn

2011 zogen zwei entlassene Vergewaltiger nach Insel, Sachsen-Anhalt. Das Dorf war wütend – und ängstlich. Wie leben die Männer heute?

Michaela Schwinn, Jesko zu Dohna
Dunkle Wolken. Im Dorf Insel erinnert heute nichts mehr an die Demonstrationen.
Dunkle Wolken. Im Dorf Insel erinnert heute nichts mehr an die Demonstrationen.Foto: Erol Gurian

Insel sieht an diesem Morgen wie eine Postkartenidylle aus. Die Sonne taucht die Gassen in warmes Licht, die verlassene Dorfstraße schlängelt sich vorbei an alten Höfen und neu angelegten Vorgärten. Eine Frau in Warnweste bläst Laub von der Einfahrt. Als ein Auto um die Kurve biegt, schaut sie kurz auf, blickt mit zusammengekniffenen Augen auf das Kennzeichen. Hinter verschlossenen Toren kläffen Hunde. Sonst herrscht Stille.

Nichts erinnert mehr an die Proteste, die Insel vor fünf Jahren in die Schlagzeilen brachten. Der Ort in der Altmark wurde in der Öffentlichkeit zum „Nazi-Dorf“, seine 450 Bewohner zum „tobenden Mob“. Über ein Jahr lang protestierten Demonstranten vor einem grauen Bauernhaus im Ortskern. Mit Tröten und klapperndem Kochgeschirr belagerten sie die Straße zum Hof.

Neonazis mischten sich unter die Menge, versuchten das Grundstück zu stürmen. Später kamen Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und ein Bus mit 70 Landtagsabgeordneten. Einige von ihnen hielten als Gegendemonstration ein Banner in die Luft: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Was passiert war: Hans-Peter W. und Günter G. waren in das Dorf in Sachsen-Anhalt gezogen. In den 70er und 80er Jahren hatten sie mehrere Frauen vergewaltigt, waren zu Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Zu diesem Zeitpunkt war die Sicherungsverwahrung auf zehn Jahre beschränkt. Diese Obergrenze hob die Bundesregierung unter öffentlichem Druck 1998 auf.

Die Verwahrung von G. und W. wurde immer wieder verlängert, auch nach Verbüßung der Haftstrafe. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erklärte 2009 diese Praxis für rechtswidrig. Etwa 70 Straftäter, darunter auch die beiden Männer, kamen daraufhin frei.

"Wir lauern nicht hinter den Büschen"

Monatelang bemühten sich die Männer um eine eigene Wohnung – erfolglos. Edgar von Cramm, ein Tierarzt, der die Wellensittiche von G. in der JVA behandelt hatte, vermietete ihnen schließlich sein Bauernhaus in Insel. Nach vier Wochen erfuhren die Einwohner davon, Horrorgeschichten gingen um, manche Anwohner trauten sich nachts nicht mehr aus dem Haus.

Die Proteste begannen. Der Alltag schluckte sie: die Stimmen der Ablehnung, des offenen Hasses. Doch wie leben die Menschen fünf Jahre nach den Anfeindungen? Was wurde aus all der Wut in Insel?

Auf seiner Veranda hat Günter G. den besten Ausblick. In Filzsocken geht er über das feuchte Holz. Die Hand mit tiefgestochenen Knasttattoos in der Hosentasche, die andere bewegt er durch die Luft wie ein Dirigent. Sein Finger zeigt auf den neu gepflanzten Rosenbusch, auf die Scheune, in der er 20 Hühner hält, schließlich auf den Nachbarzaun.

Spanplatten und Plastikplanen versperren die Sicht in den Hof. „Die haben sie wegen uns an den Zaun genagelt“, murmelt G. in seine Barthaare, dunkelgelb vom Nikotin. „Sie wollen nicht, dass wir den Kindern beim Baden zusehen.“

Er wollte sie besitzen

Günter G. sackt in einen Rattan-Sessel. Den Zigarettenrauch zieht er durch eine Spitze tief ein, bevor er weiterredet. „Ich weiß nicht, warum die Leute Angst vor uns haben“, sagt er, „wir lauern ja nicht hinter den Büschen“.

G. ist 70 Jahre alt. Seine Hände zittern, als er die Hosenträger zurechtrückt. Sie klemmen am Bund seiner ausgewaschenen Sporthose. G. ist krank, er hat taube Hände, Probleme mit dem Gleichgewicht. Dunkle Schatten liegen unter den Augen, mit denen er nur noch schlecht sieht.

Sein letztes Opfer war erst 15. Das Mädchen saß auf seiner Couch und löste Kreuzworträtsel, als er plötzlich die Haustüre verschloss. Er zog ein Klappmesser, drängte die Jugendliche aufs Bett. Viermal vergewaltigte G. sie in dieser Nacht. Immer wenn sie sich wehrte, schlug er auf sie ein, drohte, sie abzustechen.

Er wollte sie besitzen, sagt Günter G. später. 37 Jahre war Günter G. damals. Starker Alkoholiker, keine Ausbildung. Mit Gelegenheitsjobs finanzierte er seine Sucht. Als er festgenommen wurde, hatte er 2,5 Promille. Fünf Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung lautete das Urteil. Gutachter hielten ihn für so gefährlich, dass sein Aufenthalt ständig verlängert wurde – 26 Jahre saß er insgesamt.

Die Anwohner haben resigniert

Alle paar Tage holpern in Insel Verkaufswagen über das Kopfsteinpflaster. Erst der Fischverkäufer, dann der Metzger, zuletzt der Bäcker. Das nächste Geschäft ist in Stendal, zwölf Autominuten entfernt. Schon vor Jahren hat die letzte Kneipe ihre Türen geschlossen.

In Insel sieht es aus wie in vielen anderen Dörfern Sachsen-Anhalts: verfallene Häuser, wenig Arbeit, wenig Leben. Die Altmark ist eine der strukturschwächsten Gegenden Deutschlands.

Die Bäckereiverkäuferin lächelt hinter dem Tresen. Zwei Frauen kaufen Nussecken und Schrippen. „Die Vergewaltiger? Ach Gott, die grüße ich nicht“, sagt die eine, Birkenstock und Dauerwelle. „Lebt der Alte überhaupt noch? Ich dachte, der ist schon tot“, sagt die andere. „Ja, besser wär’s, wenn die bald sterben“, antworte die eine.

Viele Anwohner, die damals Plakate malten und in Tröten bliesen, haben resigniert. „Am Anfang war ich gegen die“, sagt ein Mann in weißem Unterhemd, der gerade Einkäufe auslädt. „Klar bin ich bei den Demos mitgelaufen. Aber sie verhalten sich ruhig. Also passt das.“

Die lautstarken Proteste sind verklungen. Und doch liegt Wut in den Stimmen der Dörfler. „Wir hatten ja keine Wahl“, sagt eine Frau im Blumenkleid. Die Politiker verließen Insel wieder. Die beiden Männer blieben.

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