Entschleunigung in der Uckermark : Warum es Berliner nach Lychen zieht

Die Kleinstadt in der Uckermark liegt an sieben Seen, hier erfand man die Heftzwecke. Nicht nur Herr Wichmann (CDU) liebt Lychen.

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Gleiten und Genießen. Das bedeutet Floßen heute. Doch bis in die 1970er Jahre war es in Lychen harte Arbeit.
Gleiten und Genießen. Das bedeutet Floßen heute. Doch bis in die 1970er Jahre war es in Lychen harte Arbeit.Foto: Paul Hahn

Am Tag, als der große Regen kommt, herrscht in Lychen himmlische Ruhe. In einer von sieben Seen umspülten Stadt kann Wasser nun wirklich niemanden schrecken. Tags zuvor ist in Berlin eine Sintflut niedergegangen. Keller voll, Straßen überflutet, Feuerwehr im Dauereinsatz. Wie verletzlich er doch ist, der arrogante Organismus Stadt. Dann hat das Tief Nachsehen mit den verweichlichten Städtern gehabt und ist nach Norden, nach Brandenburg abgezogen. Tiefgraue Wolken überqueren den Landkreis Oberhavel und kommen zeitgleich mit der Regionalbahn in der Uckermark an. Rinnsale markieren ihren Weg. Sie fließen und gurgeln durch glänzend sattes Grün. Die Luft ist prall von Tropfen. Wenn sie auf der Zunge zerplatzen, schmecken sie mineralisch und rein. Müssen sie ja. Lychen ist Luftkurort.

Wurlsee, Zenssee, Stadtsee, Nesselpfuhl, Platkowsee und Großer Lychensee werfen dicke Blasen. Und der Oberpfuhlsee erst. Die Floßanlegestelle an der Minipromenade erzählt von der jahrhundertealten Tradition des ehrwürdigen Gewerbes in der amtlich bescheinigten Flößerstadt. Nur ist bei dem Wetter keiner da, der dem Wispern längst verblichener Flößer lauschen kann, die einst von Lychen aus auf ihre vierwöchige Reise nach Berlin gingen.

Floß fahren, das war hier lange Zeit harte Arbeit. Bis in die 1970er Jahre hinein. Das gleich um die Ecke gelegene Museum des Flößervereins erzählt davon. Heute ist Floßfahren ein Vergnügen. Ganz sich dem lautlosen Gleiten hingeben, dem Erspüren von Wasser und Wind. Henning Storch schippert regelmäßig über die Seen. Auch bei Regen. So ein Sonnensegel taugt prima als Spritzschutz. Und der Flößer ist erstens Naturbursche und zweitens durch Heimatliebe gegen alle Unbill imprägniert. Als er aber ein Kuhhorn an den Mund setzt und raues Getute über das weite Wasser schallen lässt, kommt das doch ziemlich überraschend.

Lychen ist ein guter Ort für Lebenskünstler

Eine Plauder- und Flößerstunde später ist klar: Henning Storch, 49 und Vater von sieben Kindern, ist nicht nur Lychener, sondern auch Bierbrauer und vor allem Naturtöner. Der an der Hochschule für Musik Hanns Eisler zu Berlin ausgebildete Hornist entpuppt sich doch tatsächlich als Mitglied des Berliner Alphorn-Orchesters. „Außenstelle Lychen“, ergänzt er. Früher war er Mitglied der Schweriner Philharmonie.

Lychen wurde 1248 gegründet, Gut 3200 Menschen leben hier.
Lychen wurde 1248 gegründet, Gut 3200 Menschen leben hier.Foto: Paul Hahn

Nun hat man ja aufgrund der um die Jahrhundertwende von Gotthold Pannwitz in Hohenlychen gegründeten Tuberkulose-Heilstätten schon vom „märkischen Zauberberg“ reden hören, aber so eine alpine Musiktradition gehört hier nun wirklich nicht hin. Da widerspricht Storch aber ganz schnell. „Hörner sind überall heimisch, auf der ganzen Welt wird durch Röhren gepustet.“ Und im mecklenburgischen Parchim hätten Archäologen sogar mal ein Holzhorn aus dem 11. Jahrhundert ausgegraben. Na, dann soll es wohl so sein mit der uckermärkischen Alphorn-Blaserei. Das Instrument hat er allerdings nur sonntags auf der öffentlichen Floßtour dabei. Da spielt er es auf dem Zenssee, dessen Steilufer ein schweizerisches Echo abgeben.

Ein Flößer, der zugleich Musiker und Bierbrauer ist. Lychen scheint ein guter Ort für Lebenskünstler mit gebrochener Erwerbsbiografie zu sein. Nicht nur die gut 3200 Menschen, die hier leben, sondern auch die ganze 1248 gegründete Stadt haben einiges hinter sich. Das macht, dass dieses Idyll für Wasserwanderer, Radler, Angler im Ortsbild ebenfalls vielfach gebrochen ist. Der Dreißigjährige Krieg und zwei Großfeuer verheerten im 17. und 18. Jahrhundert die Stadt. Trotz der teils noch erhaltenen, sechs Meter hohen Wehrmauer fiel sie mal an Mecklenburg, mal unter die Schweden.

Uhrmacher Johann Kirsten hat die Heftzwecke erfunden

Der vor gut 100 Jahren an das Florieren der hiesigen Heilstätten gebundene Aufschwung des Touristenortes verwandelte sich im Nationalsozialismus zu einem Albtraum. In den repräsentativen Gemäuern, die derzeit ein Investor zu Luxusbehausungen und einem Hotel umwandelt, führte der SS-Arzt Karl Gebhardt damals verbrecherische Versuche an Frauen aus dem nahe gelegenen KZ Ravensbrück durch. Das Original des barocken Rathauses auf dem Markt wurde im Krieg zerbombt. Und daneben künden die leer stehende „HO Gaststätte Ratseck“ und eine Zeile Plattenbauten vom Untergang der DDR. Immerhin: Das nicht nur als Lichtspieltheater genutzte „Alte Kino“ hat überlebt. Hier ist Kultur zu Hause. Genau wie in den sich neuerdings ansiedelnden Künstlerwerkstätten und der auch für Konzerte genutzten Kirche St. Johann.

Die St. Johannes Kirche thront über der Stadt.
Die St. Johannes Kirche thront über der Stadt.Foto: Paul Hahn

Deren tröstende Kräfte wirken auch, wenn die Schleusen des Himmels sich nie wieder zu schließen scheinen. Was zuerst wie der Gimmick eines einzelnen Poesiefans aussieht, sind Lyriktafeln, die überall im Städtchen an Zäunen, Laternen und Wänden blühen. Seit dem Kunstfest 2012 werden sie von Künstlern und Bürgern erneuert, erklärt eine Lychnerin. „Mach wieder Wasser aus mir / Strömen will ich im Strom / Ins Meer münden“, zitiert ein blaues Schild ein Gedicht von Rose Ausländer.

Neben den bemalten Holzschildern sticht in der Fürstenberger Straße, die zu den Resten des gleichnamigen Stadttores führt, ein Blechschild ins Auge: Es erinnert an den Uhrmacher Johann Kirsten. Der Mann hat die Heftzwecke erfunden. In Lychen. Jawohl! Hier wird sie allerdings „Pinne“ genannt und tritt ab 1904 einen Siegeszug über die Pinnwände der Welt an.

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