Erinnerungen an die Gegenwart : Wie ich die Nato inhaftiere!

Will die Nato den IS nun bekämpfen, oder nicht? Unser Kolumnist fragt nach

von
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Seit dem 22. Juli bombardiert der Nato-Partner Türkei – mitten im Wahlkampf – jeden Tag kurdische Stellungen der PKK, und das sogar in Kobane, also jener Stadt, die zum weltweiten Symbol des Widerstands gegen den IS-Terror geworden war. Und die Nato? Wieso will sie einerseits den IS bekämpfen und unterstützt ihn andererseits so entscheidend, indem sie den Kurden so massiv schadet?

Und seltsamer noch: Wieso schaut die Nato nicht genauer hin, wer die Anträge stellt – und in welcher Situation? Warum schließt die Nato nicht wenigstens in einem Nebensatz auf ein innenpolitisches Motiv der Türkei und ihres Präsidenten, den die linke, prokurdische Partei der HDP durch ihren Einzug ins türkische Parlament offenbar in den Wahnsinn getrieben hat?

In der Geschichte der Nato gab es bisher fünf Sondersitzungen. Eine beantragte Polen (Russland, Krim), vier Mal war es die Türkei; am 28. Juli traf man sich in Brüssel nach dem ersten IS-Anschlag auf türkischem Boden. (Am 20. Juli waren im kurdischen Amara-Kulturzentrum von Suruç 34 Menschen gestorben, Studenten und Aktivisten aus der Gezi-Bewegung, die nach Suruç gekommen waren, um später der Stadt Kobane beim Aufbau zu helfen).

Ein IS-Anschlag also war der Grund für die fünfte Sondersitzung. Ein paar andere Sätze mischte aber Erdogan geschickt, kurz vorher, in die zu erwartende Zustimmung der Nato für den Kampf gegen den IS-Terror und kündigte an, dass auch der Friedensprozess mit den Kurden nicht fortsetzbar sei. Tatsachen hatte er schon vorher geschaffen, die ersten Bomben auf kurdische Stellungen in Kobane fielen am 22. Juli. Was aber war der Anlass, mit welchem Recht?

Zwei Polizisten wurde erschossen, in ihren Wohnungen

Laut regierungsnahen Medien seien kurz vor den türkischen Angriffen zwei Polizisten von PKK-Kämpfern in Ceylanpinar erschossen worden. Bei „Al Jazeera“ hieß es, die zwei Polizisten seien eines seltsamen Todes gestorben; in ihrer Wohnung erschossen, ohne dass es Einbruchsspuren an den Türen gegeben habe. „Fuat Avni“, der twitternde Whistleblower, der mehrmals Verhaftungen von regierungskritischen Journalisten vorausgesagt hatte, twitterte sogar eine Verwicklung des türkischen Staates in den Anschlag.

Natürlich laufen solche Nachrichten nicht über die türkischen Nachrichtenagenturen, aber warum übernahm Brüssel, übernahm auch Berlin offenbar so bedenkenlos die Ankara-Version der Geschehnisse?

Heute habe ich mir vorgestellt, ich sei Tatort-Kommissar, um die Mitschuld der Nato zu ermitteln. Ich fahre erst einmal ins Verteidigungsministerium, um Ursula von der Leyen zu vernehmen, die aber ist in Aachen, reiten. In Brüssel vernehme ich, zusammen mit Sibel Kekilli, die Nato. Die erste Frage lautet, ob der Nato bekannt sei, dass es unterschiedliche Hinweise auf den Anschlag von Suruç gebe?

Die Nato zuckt mit den Schultern. Ich frage weiter: Haben Sie mal darüber nachgedacht, wie es zu den sogenannten Vergeltungsschlägen gegen die Kurden gekommen ist? Haben Sie Statistiken, in welchem Verhältnis türkische Bomben auf den IS und die PKK gefallen sind? Bomben und Bömbchen? Wenn Sie schon so eine folgenschwere Entscheidung treffen, liebe Nato, warum wird dann der Anschlag von Suruç nicht untersucht? Hat die Nato keine Geheimdienste? Oder schaue ich zu viel „Homeland“? Und warum wissen die türkischen unabhängigen Journalisten über die wahren Absichten des türkischen Präsidenten mehr als ganze Natostäbe? Und, zum Schluss: Wie ist es möglich, dass ein Nato-Mitglied die grundlegenden Artikel des Nordatlantikvertrages so ad absurdum führen kann?

Da die Nato nie antwortete, nahm ich sie mit auf die Wache.

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