Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : „Kennen Sie sich hier aus?“

Immer schön hilfsbereit gegenüber Fremden sein – das hat man mir, wie vielen Mädchen, früh eingetrichtert. Nun hindert mich diese gestrenge Schule der Freundlichkeit buchstäblich am eigenen Fortkommen.

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Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Das Muttersein bringt es mit sich, dass ich viel häufiger „an der frischen Luft“ bin als früher. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur zu kurze Matschhosen! Also schiebe ich den Buggy durch Mitte. Zum Abenteuerspielplatz, zum Kaiser’s und wieder zurück.

Ich erkenne es schon von Weitem. Gleich wird das Paar mit den teuren Wollmänteln direkt auf mich zusteuern, die Frau hat einen zerknüllten Hotel-Stadtplan in der Hand:

„Entschuldigung, kennen Sie sich hier aus?“

„Ja?“

„Wir wollen zu den Hackeschen Hinterhöfen.“

Warum immer ich?

Oder neulich. Ich will in den S-Bahnhof Oranienburger Straße, was gerade nicht so leicht ist, denn der Aufzug ist kaputt. Alle Leute hasten die Treppe runter. Das Kind sitzt auf meiner Hüfte, den Buggy schleife ich hinterher. Endlich unten angekommen, identifiziere ich ein weiteres Problem: Der Fahrkartenautomat ist umringt von Menschen mit Gepäck.

Ich stelle mich brav hinten an.

Ein junger Mann, der viel zu dünn angezogen ist, wendet sich zu mir:

„Do you know what ticket to Schonefeld?“

„You’ll need A, B and, most important, C.“

„Can you help us with the machine?“

Ich zähle die Leute durch. Es sind sieben. Also zwei zu viel für eine Kleingruppen-Tageskarte ABC. Obwohl, die Tageskarte plus zwei Einzelfahrausweise ABC ist = 23,10 Euro.

Eine S-Bahn Richtung Wannsee kommt und fährt. Ich tippe auf das Display und rechne weiter. Stopp, mit sieben Einzelfahrausweisen ABC fahren sie ein bisschen günstiger: 22,40 Euro.

Teltow Stadt kommt und fährt.

Der 20-Euro-Schein der zu großen Kleingruppe wird eingesaugt und ausgespuckt.

Aus den Augenwinkeln kriege ich mit, wie das Kind sein Rosinenbrötchen zerfetzt.

„Do we have to change at Friedrichstraße?“

„Yes, ähh, take the Regionalexpress.“

„What’s a Reschonaekspess?“

Die Reisegruppe steigt winkend in die Bahn. Die Türen schließen sich, und ich darf meinen Fahrschein kaufen.

Nachts kann ich nicht schlafen, ausnahmsweise nicht wegen des Kindes: Ich habe vergessen, denen zu erklären, dass sie ihre sieben Fahrscheine auch entwerten müssen.

Mir passiert das täglich, sogar auf dem Fahrrad. So heute, Universitätsstraße. Eine Frau mit Ballerina-Knödel auf dem Kopf bedeutet mir mit dramatischer Geste, dass ich anhalten soll. Erschrocken mache ich eine Vollbremsung, vielleicht ein Notfall.

„Entschuldigung, wissen Sie, ob ich ich hier parken kann?“

„Bitte?“

Ihr Mini steht direkt vor der Feuerwehrzufahrt zum Grimm-Zentrum.

„Nö.“

„Ach ja: Wie komme ich von hier zum Ampelmännchen-Café?“

Jeder ist Ausländer – fast überall. Auch ich vor 14 Tagen, in Paris. Und wie ich so unterm Regenschirm durchs Marais schlendere (das Smartphone hat den kürzesten Weg dorthin ermittelt), kommt ein Mann auf mich zu und fragt: „Pardon, connaissez-vous le quartier?“

„Non“, erwidere ich wahrheitsgemäß, schüttele den Schirm und laufe leichtfüßig wie eine echte Pariserin durch eine Pfütze.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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