Fahrradtrend : Was taugen Bambusräder?

Sechs Millionen Autos verpesten Pekings Luft. Ein Kollektiv belebt die vergessene Radkultur jetzt wieder. Der Bambus rollt!

Markus Wanzeck
Schööön! Bambusräder sind leicht wie Aluminium und echte Unikate.
Schööön! Bambusräder sind leicht wie Aluminium und echte Unikate.Foto: promo/BBB

Es sind Augenblicke wie dieser, da weiß Claudio Rebuzzi: Alles richtig gemacht. Alle Mühen, all der Aufwand, das ganze Risiko, der Umzug aus Südafrika nach Peking waren es wert. Später Nachmittag, es klopft an der Tür. Rebuzzi, 29 Jahre, Mitinhaber der wohl außergewöhnlichsten Fahrradwerkstatt Pekings, springt auf und begrüßt den Besucher. Kelvin He, Student, möchte sein Rad abholen: ein Bambusrad. Den Rahmen hat Kelvin He vor zwei Wochen selbst gebaut. Inzwischen hat Rebuzzi für seinen Kunden die Räder, den Sattel, den Lenker montiert. Zeit für die Probefahrt.

Kelvin He steigt auf, tritt in die Pedale, verschwindet im Gewirr der Pekinger Hutongs, wie die traditionell bebauten Gassen heißen. „Schööön!“, ruft er, als er von seiner Jungfernfahrt zurück ist. Seliges Grinsen. Nur die Bremsen: irgendwie komisch. Rebuzzi, akkurat gestutzter Vollbart, Kapuzenpulli und Wollmütze, sitzt selbst auf. Kurzer Check, alles klar. Ruckeln sich ein, die Bremsen, sagt er mit Kennerblick. Brauchen immer ein bisschen.

Ungebremst jedenfalls ist Kelvin Hes Begeisterung. „Heutzutage kauft man ja alles“, sagt er. „Das Einzige, was die Leute selbst zusammenbauen, sind Ikea-Regale.“ Er streicht stolz über sein Gefährt. „Das hier habe ich ganz allein gemacht. Fühlt sich großartig an, es in den Händen zu halten.“

Der wichtigste Rohstoff der Wundervelos wächst in der Provinz Zhejiang

Ikea simuliert Individualität. Am Ende gleichen sich die Wohnzimmer der Welt wie einst in China die grauen Mao-Anzüge für die Massen. Ein Bambusrad dagegen: Mehr Unikat geht kaum. Kein Rad ist wie das andere. Nicht in der Form. Nicht in der Farbe. Nicht im Gewicht.

Eineinhalb bis zwei Kilogramm wiegt ein solcher Rahmen aus Bambusrohren, zehn bis elf Kilogramm das komplette Fahrzeug. „So leicht wie Aluminium“, sagt Rebuzzi über das Material. „Und was die Dämpfung angeht, können es unsere Räder locker mit Stahl aufnehmen.“

Der wichtigste Rohstoff dieser Wundervelos wächst in der Provinz Zhejiang, südlich von Schanghai. Phyllostachys reticulata. Großer Holz-Bambus. Lässt sich leicht verarbeiten, ohne Spezialmaschinen. Ein durchschnittlicher Werkzeugkasten ist alles, was man braucht.

Und ein bisschen Platz. Kaum länger als eine Autogarage ist die Werkstatt von „Bamboo Bicycles Beijing“ und auch nicht viel breiter. Um sich darin bewegen zu können, hat Claudio Rebuzzi morgens als Erstes die schon fertig montierten Fahrräder rausgeschafft, in die Gasse. Endlich Raum, um sich ein wenig hin und her zu bewegen! Um das Rad, vielleicht nicht neu zu erfinden, das wäre etwas überdreht, aber es wiederzubeleben.

Junge Chinesen haben nur zwei Wünsche: eine Wohnung und ein Auto

Denn das Fahrrad ist eine aussterbende Spezies in Peking, jener Metropole, die einst als Radhauptstadt der Welt bekannt war. Vor 30 Jahren glichen ihre Straßen einem breiten, endlosen Fluss aus Radlern. Heute steht die Stadt im Stau. Stoßstange an Stoßstange, rund sechs Millionen Autos. Vergangenes Jahr hat mal jemand die Zeit gestoppt: Auf dem Westabschnitt der Zweiten Ringstraße, einer der Hauptverkehrsadern, standen sie acht Stunden lang still. Jeden Tag.

Es spricht wenig dafür, sich hier ein Auto zuzulegen. „Doch junge chinesische Männer haben zwei Wünsche“, erklärt Rebuzzi, „eine eigene Wohnung und ein eigenes Auto.“ Sonst sinken ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt. „Ohne Wohnung und ohne Auto keine Frau. So ist das in China nun mal.“

Bamboo Bicycles Beijing, kurz BBB, ist ein kleiner Gegenentwurf zu den großen Gestaltungskräften, die Peking zu dem gemacht haben, was es heute ist – und die das Rad auf den Randstreifen der Geschichte abgeschoben haben. Es waren jene Überreste, die ausrangierten Drahtesel, die in den Gassen standen, verlassen, verstaubt, verendet, die das Projekt BBB zum Leben erweckten. David Chin-Fei Wang, ein chinesischstämmiger Amerikaner, der seit einigen Jahren in Peking lebt, sammelte sie ein und setzte sie neu zusammen, zu fahrtüchtigen Bikes.

Einmal, als Wang ein Alu-Gerippe mit besonders dickem Radgestänge aufsammelte, drängte sich ihm ein Vergleich auf: Wie ähnlich diese Rohre doch dem Bambus vor dem benachbarten Tempel sahen! Man könnte doch einfach ein Fahrrad aus Bambus bauen!

Bald darauf strampelte Wang auf seinem ersten gebastelten Bambusrad durch Peking. Er wollte, was er ersonnen hatte, mit möglichst vielen teilen, und ihm kam die Idee, Bambusrad-Workshops anzubieten. Wang suchte und fand Mitstreiter. Am 12. April 2014 stellte die Gruppe ihre BBB-Idee auf einer Crowdfunding- Plattform vor. Keine drei Wochen später war die selbstgesetzte Hürde genommen: 112 Unterstützer hatten 15 000 US-Dollar gespendet, für die Ausstattung einer Werkstatt und das Material der ersten 25 Bambusgefährte.

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