Familienurlaub mit Komplikationen : Hurra, wir leben noch!

Die Kinder haben eine Superidee: Familienurlaub in Thailand. Und weil nur Spießer auf Reiseführer hören, haben wir alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Die Geschichte eines irren Abenteuers - jetzt auch als Podcast.

Thomas Gsella
Glänzende Aussichten. Der Wat Plai Laem Tempel in Ban Bo Phut auf der Insel Ko Samui.
Glänzende Aussichten. Der Wat Plai Laem Tempel in Ban Bo Phut auf der Insel Ko Samui.Foto: mauritius images

Ziemlich genau ein Jahr ist es nun her, dass unsere zwei Töchter acht und dreizehn waren und beim mittäglichen Samstagsfrühstück fragten:

„Mama-a?“

„Papa-a?“

Wir würden in diesen Sommerferien echt voll gern nach Thailand fahren mit zwei Erwachsenen …“

„… die dann alles falsch machen, was man falsch machen kann. Kommt ihr mit?“

Meine Frau und ich waren nie Supererzieher, und irgendwann ist es dann halt zu spät. Nicht mal verhauen können wir, jedenfalls nicht so, dass es sich gewollt anfühlt.

„Gute Idee“, sagten wir, und das war es ja auch. Thailand ist ein Land mit erwärmenden Temperaturen und Einwohnern, bezaubernden Stränden und Dschungeln, märchenhaften Elefanten und Insekten und sagenhaften Schiffen und Bussen, aber das wussten wir noch nicht an jenem Samstagmittag. Beim lokalen Reisebüro erfuhren wir den Reisepreis, verkauften unsere Diamanten und Lebensversicherungen und bestiegen ein teures Flugzeug der Marke Etihad, das uns zunächst ins arabische Abu Dhabi bringen sollte und auch brachte.

Die Araber tanzen arktische Polka

Allerdings nicht sofort. Weil Araber zu Hause auf kochendem Sand leben und Abkühlung zu schätzen wissen, machten sie einen langen Umweg über die eiskalte Stratosphäre. Dort stellten sie die Klimaanlage auf Schockgefrieren, rissen sich die Schleier vom Leib und tanzten arktische Polka. Genau weiß ich es aber nicht mehr, weil ich zwei Wolldecken um Kopf und Körper rollte, bevor ich dann endlich ohnmächtig wurde.

Irgendwann war’s wieder wärmer. Wir tauten auf, gratulierten uns zum Weiterleben und mussten aussteigen: Abu Dhabi. Zum Glück hatte man vergessen, die Flugzeugturbinen auszuschalten, und so fühlten wir uns auf der glühenden Ausstiegstreppe wie ein richtiges Raumschiff beim Wiedereintritt.

Später erkannten wir, dass die Luft überall so heiß war, und die Turbinen wohl doch aus gewesen waren. Da verstanden wir das mit dem Schockgefrieren schon besser, und ich fragte meine Frau, ob Araber ihre Schleier vielleicht nur tragen, damit sie in der Stratosphäre was zum Ausziehen haben. Statt einer kühlen Entgegnung bekam ich eine kochende Fanta.

Wir erwachten aus dem Fiebertraum und tranken einen Eimer After-Sun

Aber kälter war Thailand dann auch nicht. Weil wir vor Fahrtantritt nicht wussten, wie Asien mit Töchtern geht, hatten wir für die erste Woche ein feines Beachresort auf der Insel Koh Samui gebucht mit Luxus-Air-Condition, die die Hüttentemperatur dann tatsächlich auf angenehme 42 Grad herunterfuhr, gerade richtig fürs Anlegen von Badekleidung. Zwei Minuten später sprangen wir in den Pool und gleich wieder hinaus, danach blitzschnell ins Meer und gleich wieder hinaus, dann wieder Pool, Meer, Pool, Meer, Pool, Meer und so weiter. Nach einer halben Stunde kamen wir überein, dass beide Wassersorten dadurch nicht kühler wurden und man in Thailand halt nur schwimmen geht, wenn einem die siedend heiße Atemluft irgendwie zu kalt ist.

Also rief ich „Zeit zum Mittagsspaziergang!“, und ein paar Minuten später liefen wir am Strand entlang, fünf, sechs Kilometer vielleicht, nur schnell bis zum nächsten Örtchen. Weil wir Mutter Natur nicht ins Handwerk pfuschen wollten, hatten wir Sonnenmilch und Sonnenhüte im Koffer gelassen, und es klappte vorzüglich: Etwa alle 100 Meter verdoppelte sich die Leucht- und Schmerzintensität der Rötungen, unsere Haut konnte gar nicht so schnell abfallen, wie neue Schichten nachgarten, wir verbrannten und pellten uns in simultaner Permanenz, und als wir das Örtchen erreichten, bildeten die Einheimischen eine Gasse, rollten einen Teppich aus, fielen auf die Knie und fragten uns, ob wir ihr neuer König werden wollen, denn seit 100 Jahren habe kein Europäer diese Strecke überlebt.

Als wir aus dem Fiebertraum erwachten, war es Nacht, und ein Taxi trug uns in unsere Hütte. Wir tranken einen Eimer After-Sun, krochen ins Bett und schliefen zwei Nächte und zwei Tage nicht, weil unsere Haut partout nicht unten liegen wollte und das Im-Stehen-Schlafen so ermüdend war, dass wir uns andauernd hinlegen wollten, aber, wie gesagt, nicht durften. Irgendwann fiel unseren Töchtern dann ein, dass sie noch wachsen müssen, und wir gingen essen.

Nur Spießer hören auf Reiseführer

Der erste Satz jedes Thailandreiseführers lautet: „Speisen Sie NIE, NIE, NIEMALS an Straßenständen, vor denen die Einheimischen Sie mit panischen Bewegungen und weit aufgerissenen Augen warnen!“, aber auf Reiseführer hören Spießer, keine Abenteurer. In fernen Ländern soll man eintauchen in den Strom der Ereignisse und reiten auf dem Rücken des Neuen, und wenn ein Fleisch für westliche Augen und Nasen komisch aussieht und riecht, kann ja das Fleisch nichts dafür. Konnte es in diesem Fall aber doch, und nachdem uns ein Taxi in unsere Hütte getragen hatte, leerten wir unsere Mägen nach Art der Abenteurer und versuchten noch mal, auf unserer Haut zu schlafen. Dann gingen wir schwimmen, weil uns die siedend heiße Atemluft irgendwie zu kalt war.

Am nächsten Morgen sagten unsere Töchter: „Falsch gemacht habt ihr jetzt echt voll genug. Ab heute dürft ihr auch was richtig machen.“

„Wir fahren nach Koh Tao“, sagte meine Frau. „Eine Insel weiter nördlich, da ist es bestimmt kühler.“

Als wir Koh Tao erreichten, waren alle Europäer tot

Der zweite Satz jedes Thailandreiseführers lautet: „Betreten Sie NIE, NIE, NIEMALS mit vollem Magen das kleine, lustig blaue Schiffchen, das zwischen Koh Samui und der übrigens deutlich heißeren Nachbarinsel Koh Tao verkehrt!“, aber weil wir ja nach dem komischen Fleisch schon nicht gestorben waren, betraten wir das kleine, lustig blaue Schiffchen mit vollem Magen.

Das war auch gut so, denn nach einer halben Stunde eilten alle Europäer auf die Dachreling, wo sie ihre Mägen nach Art der Abenteurer leerten, und weil wir was zum Mitmachen in uns hatten, bekamen wir auch einen Platz und genossen die freie Sicht auf das holprige Meer und die unter uns liegenden Erdgeschossfenster. Blöd war nur, dass sie geöffnet waren und der Fahrtwind dann allerlei europäisches Magenzeug hineinwehte. Thailänder sind sehr gastfreundliche Menschen, aber nach den Kommentargeräuschen zu urteilen, schienen sie schon ein bisschen verstimmt.

Zum Ausgleich waren vier Stunden später, als wir Koh Tao erreichten, alle Europäer tot. Pick-ups brachten unsere Leichen ins Badebuchtresort, unterwegs boten viele Thailänder am Straßenrand Essbares feil und trauten sich dabei ganz nahe an uns heran, weil sie ja wussten, dass weiße Leichen nichts mehr im Magen haben. Zu ihrem Glück nichts mehr im Magen, könnte man sagen, denn die Straße war noch deutlich holpriger als das Meer.

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