Fernsehen : „Ich wackle nicht so gern an der Oberfläche rum“

Nur 21 Drehtage für einen 90-minütigen-Film – das kann ja nichts werden, sagt Nina Kunzendorf. Die Schauspielerin über den Verlust der Sorgfalt in Zeiten des Geldmangels und ihren inneren Mülleimer.

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Nina Kunzendorf hat eine Vorliebe für komplexe Charaktere und geht den Dingen gerne auf den Grund.
Nina Kunzendorf hat eine Vorliebe für komplexe Charaktere und geht den Dingen gerne auf den Grund.Foto: Mike Wolff

Frau Kunzendorf, in Ihrem aktuellen Fernsehfilm wirft sich Anke Engelke nach einem Streit auf offener Straße in Südafrika in den Staub und bittet Sie um Verzeihung …

… das war eine sehr laute Ecke. Wir drehten mit Steadycam, es gab keine Absperrungen, der normale Verkehr lief einfach weiter. Wir brüllten uns an, da hielt ein Auto neben uns, der Fahrer ließ die Scheibe herunter und rief: „Don’t fight, Ladies!“

Das hat es nicht in den Film geschafft.

Leider nein, wir mussten wiederholen, weil irgendwas nicht geklappt hatte. Anderes echtes Leben ist dafür dringeblieben: Gleich am ersten Tag haben wir in Kapstadt auf einem Markt gedreht. Plötzlich fingen die Leute an, ihre Stände abzubauen, das dengelte, schepperte und krachte – ein irrer Lärm. Die Regisseurin Sherry Horman wollte die Atmosphäre rough, lebendig. Wir drehten an Autobahnen, in lausigen Hostels …

Der ARD-Zuschauer wird enttäuscht sein, weil er weder sepiafarbene Ansichten vom Tafelberg noch glückliche Kinderhorden auf dem Dorf zu sehen bekommt.

Wer weiß, vielleicht freut er sich ja auch? Ich war zum ersten Mal in dem Land und fand es sehr irritierend, wie nah Arm und Reich parallel existieren. Da steht eine herrliche Villa, daneben verläuft ein Mords-Stacheldraht, und 200 Meter weiter leben die Menschen in Hütten ohne fließend Wasser. Man spürt, wie es unter der Oberfläche gärt.

Sie wollten das Elend nicht ausblenden?

Natürlich kann man nach Südafrika fahren und es sich gut gehen lassen. Dann muss man nur sehr vieles verdrängen. Es gibt sicher Leute, die gut darin sind. Ich bin es nicht.

Im Film geht es um die Agrarindustrie, einen Pharmakonzern, Lobbyisten. Sie spielen eine Journalistin, die auf der Suche nach ihrem Informanten immer tiefer in einen Strudel aus Filz und Korruption gerät. Wer gut und wer böse ist, bleibt lange unklar.

Wenn ich ehrlich bin, geht mir das bei der Betrachtung vieler politischer Zusammenhänge so: Manches ist irrsinnig komplex. Es erfordert einen genauen Blick und viel Zeit, da durchzusteigen.

Nina Kunzendorf

Sie wurde in Mannheim geboren. Die mit vielen Film- und Fernsehpreisen ausgezeichnete Schauspielerin lernte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg. Sie spielte unter anderem die Kommissarin Conny Mey im „Tatort“, eine angeklagte Hebamme in „Nacht der Angst“, die rabiate Mutter in der Komödie „Hilfe, wir sind offline!“. Ihr neuer Fernsehfilm, der Thriller „Tödliche Geheimnisse 2“ läuft am 26. August in der ARD. Der erste Teil ist ab dem 25. August in der Mediathek zu sehen.

Nina Kunzendorf, 45, hat zwei Kinder, sie lebt mit dem Regisseur Stefan Kornatz in Berlin zusammen.

2015 erhielt Kunzendorf die Lola für die beste weibliche Nebenrolle in "Phoenix".
2015 erhielt Kunzendorf die Lola für die beste weibliche Nebenrolle in "Phoenix".Foto: Kay Nietfeld/dpa

Sind Sie generell misstrauisch gegenüber schnellen Meinungen?

Es gibt Situationen, da sitze ich verwundert da, weil Menschen sich in Sekundenschnelle positionieren können. Ich werde immer vorsichtiger, langsamer – was nicht heißt, dass ich finde, dass man auf eine Meinung verzichten sollte.

Sie waren auf einer Anti-TTIP-Demo.

Da habe ich mich bemüht, mir im Vorfeld aus vielen Quellen Informationen zu beschaffen und eine klare Haltung zu entwickeln. Und so bin ich dann mit Überzeugung demonstrieren gegangen.

Nennen Sie Ihre Lieblingsquelle, bitte.

Deutschlandfunk! Wenn ich zu Hause bin, läuft der Sender fast immer. Früh morgens geht es los, mit den Politikerinterviews. Da sind hellwache Journalisten am Werk, die nicht lockerlassen und versuchen, schwadronierende Politiker auf den Topf zu setzen. Ich schätze es sehr, wenn ein Widerspruch transparent wird. Und dann, ach!, die Features.

Mal sehen, was Sie gerade verpassen … „Hitze, Ozon und Stickoxide – Stadtklima im Wandel“. Ein Interview mit einem Berliner Klimaforscher.

Interessant. Mir ist aktuell ein Beitrag über Medikamentengabe an behinderte Menschen in Heimunterbringung in Erinnerung.

Wie hören Sie Radio?

Wir haben eine offene Küche, mein Küchenradio beschallt den ganzen Raum.

Erinnern Sie sich, wann Ihre Leidenschaft fürs Radio begann?

Prägend war eher der fehlende Fernseher in meinem Elternhaus. Ich war immer scharf darauf, zu den Nachbarskindern gehen zu dürfen, um dort „Bonanza“ zu gucken. Später dann, als ein Fernseher im Haus war, das war so in der fünften Klasse, redeten alle über „Dallas“ und „Denver Clan“ – nur ich nicht, weil das bei uns nicht lief. Wie hieß die Sendung, bei der alte Herren rauchend das politische Tagesgeschehen besprachen?

„Der Internationale Frühschoppen“.

Genau. Unter anderem mit dem „Frühschoppen“ verbinde ich ein Sonntagsgefühl. Ich sehe meinen Vater, der im Sessel vor dem Fernseher sitzt. Eine feste Institution. So hab ich das abgespeichert.

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