Fitness-Typen : Pumpen, treten, spannen

Unsere Autoren trainieren seit Jahren ihre Beobachtungsgabe – im Sportstudio. Und was sehen sie dort? Frauen auf Delfin-Handtüchern treffen auf Männer mit Eisenkugeln. Eine Phänomenologie der Fitness-Typen.

von und Lydia Brakebusch
Frank Höhne für den Tagesspiegel
Diverse Fitness-TypenFrank Höhne

Die Kurssoldatin

Jeder Handgriff sitzt. Zack, umgezogen. Zack, Trinkflasche, Kopfhörer, Handtuch. Zack, Tasche in den Schrank. Zack, zack, rauf auf den Stepper. Sie ist die Perfektionistin unter den Fitnessstudiokundinnen. Sie verliert keine Minute, die nicht direkt ins Training fließt. Sie trägt die aerodynamisch passende Kleidung für jedes Workout, immer frisch gewaschen, immer gebügelt. Ihr Stil ist geprägt von Neonfarben, das unterstreicht ihre Energie und sorgt dafür, dass man sie schon von Weitem sieht und freiwillig zur Seite springt, wenn sie schwungvoll die Yogamatte auf ihrem Stammplatz im Kursraum ausrollt. Natürlich bringt sie ihre eigene Matte mit, denn natürlich sind die vom Studio viel zu dick, viel zu kurz, viel zu unhygienisch. Und natürlich kann sie schon den Kopfstand, bevor der Kursleiter ihn vormacht. Nach dem Kurs geht es, zack, aufs Laufband. Der Pferdeschwanz ist straff geschnürt und wippt im Stakkato. Sie läuft immer ein bisschen schneller als die anderen, die Arme im rechten Winkel gebeugt, die Finger gestreckt, robotergleich, hoch das Bein. Der Blick ist dabei nicht auf einen der Monitore gerichtet, die „Verbotene Liebe“ oder „Das perfekte Dinner“ zeigen, das lenkt nur ab. Sie schaut starr aus dem Fenster, geht im Kopf die Planung für den nächsten Tag durch oder checkt im Galopp die Mails auf ihrem Smartphone. Duschen, anziehen, schminken, raus. Der nächste Termin steht an.

Die Wohlfühlträumerin

Für sie ist das Training eine einzige Pyjamaparty. In plüschiger Schnuffelhose entert sie die Ecke für das Gewichtetraining und richtet sich auf einer der Hantelbänke ein – vorzugsweise einer mit Rückenlehne. Sie ist der Schrecken der Kurssoldatin, die Stotterbremse im Zirkeltraining. Wo sie sich niederlässt, da bleibt sie. Und nicht nur sie, auch ihre Freundin, denn Wohlfühlträumerinnen trainieren niemals allein. Das Delfinmotiv-Handtuch vom Fuerteventura-Urlaub wird auf dem Sitz ausgebreitet, glatt gestrichen und – es soll ja nichts verrutschen – penibel festgeklemmt. Die Freundin platziert sich auf dem Nachbargerät, und dann geht es los: Was die Praktikantin sich im Büro wieder geleistet hat. Was im Internet über Blattläusebefall bei Balkonblumen zu lesen war. Was der Robert dazu gesagt hat, dass die Katrin mit dem Jannik den neuen Film von dem Mann von der Angelina Jolie geguckt hat, obwohl doch der Jannik gerade erst die Mone verlassen hat und die Katrin doch die beste Freundin von der Mone ist und sich gerade erst wieder mit dem Robert vertragen hat. Währenddessen, ganz langsam, Zug für Zug, werden die Gewichte bewegt, dazwischen Pausen eingelegt, lang genug, um Sauerstoff für die nächste Litanei zu sammeln. Drei Mal 15 Wiederholungen? Na ja, so ungefähr. Erzählen statt zählen. Parlieren statt trainieren. Dann geht es mit Sack und Pack und Luffaschwamm und Hornhauthobel in den Wellnessbereich, um nach dem Saunagang im Ruheraum die Rechtslage bei Ullas Scheidung, die Wirkstoffe von Apfelessig und die Beziehungsprobleme im monegassischen Fürstenhaus zu diskutieren. Ruheraum kommt doch wohl von „Ausruhen“, nicht von „Ruhe“.

Die Seelentante

Sie ist nicht hier, um abzunehmen oder Muskeln aufzubauen. Sie ist hier, um eins mit sich selbst zu werden: die Sinne stimulieren, das Zentrum finden, das Chi fließen lassen und so. Im Kickboxkurs stöhnt sie bei jedem Lufthaken wie Tennisspielerin Monica Seles zu ihren besten Zeiten. Beim Yoga praktiziert sie eine Wellenatmung, deren ohrenbetäubendes Rauschen alle anderen aus dem Konzept bringt. Und während die Yogis sich vor Lachen am Boden kringeln, weil die Trainerin wieder „Spinat“ statt „Spagat“ und „Ananas“ statt „Asanas“ gesagt hat, verzieht sie keine Miene. Sie ist nicht zum Spaß hier, ihr Training ist Therapie. Danach geht es in Frotteebadeslippern in den Wellnessbereich – mit einer Kosmetiktasche voll ayurvedischer Öle und einem Proteindrink aus laktosefreier Milch. In der Sauna werden alle Gifte der Großstadt ausgeschwitzt, alle Poren öffnen sich dem neuen Selbst. Eingehüllt in einen Satinbademantel bettet sich die Seelentante dann auf die Ruheliege. Meditationsmusik über Kopfhörer schützt sie vor einer – „Die Sauna war aber heute wieder heiß, oder?“ – Kommunikationsattacke vonseiten der Wohlfühlträumerin, eine Schlafmaske schirmt das hektische Gezappel der Kurssoldatin ab. Ihre Gehirnhälften sind wieder im Einklang, die Energie der Eiswasserdusche pulsiert in ihren Adern, das Chi fließt. Alles loslassen, der Kiefer ist entspannt, die Stirn ist schön glatt. Ooommm, Shantiii ...

Die Karteileiche

Jetzt aber wirklich! Diese Woche gehe ich ins Fitnessstudio. Die Karteileiche hat einen Vorsatz – und führt ihn nie aus. Na ja, das stimmt nicht ganz. Einmal im Jahr geht dieser Typ Mann zum Sport, entweder nach Weihnachten, vor dem Strandurlaub in Barcelona oder nachdem ihn seine Freundin auf einen gewissen Bauchumfang hingewiesen hat. Er ist kein unathletischer Kerl, fährt wahrscheinlich mit dem Rad zur Arbeit, isst kein Fleisch aus dem Discountermarkt, hat aber mit der Festanstellung die Prioritäten verschoben. Sport beobachtet er von der Couch aus. Bis auf dieses eine Mal. Da wird er in ein größeres Kaufhaus gehen, dunkelblaue oder schwarze Trainingshosen kaufen (keine auffallenden Farben), schwarz-weiße Turnschuhe (klobig und günstig) und ein neues Duschgel im Drogeriemarkt (einfarbige Verpackung, ohne Fruchtzusätze). Im Fitnessstudio schließt er einen einjährigen Vertrag ab und macht ein Probetraining. Eine Stunde lang wird er den Trainer mit Fragen nerven, was passieren könnte, wenn er die Gewichte beim Zirkeltraining zu hoch einstellt, und bei welcher Übung er einen Bandscheibenvorfall erleiden könnte. Er schwitzt tellergroße Flecken auf sein T-Shirt. Diese Erfahrung euphorisiert ihn, er nimmt sich anschließend vor, mindestens einmal pro Woche vorbeizuschauen. Was nie passieren wird. Er wird zu einem Namenskärtchen, das in der Hängekartei mit den Trainingsdaten versauert – ein Ordner, der nie geknickt oder gefaltet wird, sondern jungfräulich auf den Tag wartet, an dem wieder Inventur ist und der Name entsorgt wird. Denn die Karteileiche hat inzwischen gelesen, dass man einen Sixpack auch mit Stromstößen aufbauen kann.

Der Bizeps-Spanner

Für manche schwulen Männer ist die Muckibude eine Kontaktbörse. Und zwar eine, für die sich der Stilteil der „GQ“ empfiehlt. Sie tragen ausnahmslos kurze Shorts, gern in Neonfarben und mit Bändchen am Bund, die Schuhe heißen Sneakers und tragen elegante Markenlogos – und bei den Shirts zählt nur eines: Je weniger Stoff verarbeitet wurde, umso besser. Sehen die Fetzen wie ausgeleierte Kittelschürzen mit großem Seiteneingriff aus? Toll! Denn man will sehen und gesehen werden. Bizeps, Trizeps, Pektoralis! Die korrekte Ausrundung ihrer oberen Partien ist ihnen viel Schweiß wert. Das führt zu seltsamen Proportionen. Mancher Davids-Oberkörper kommt auf Giacometti-Storchenbeinen daher. Bizeps-Spanner sind mindestens drei Mal pro Woche im Studio und haben einen Plan. Montags Arme, mittwochs Rücken, freitags Bauch. Konditionsübungen? Nur wenn alle Hanteln vergriffen sind. Selten dauert dieses effektive Training länger als eine Stunde. Typische Handbewegung nach einem Set mit den Zehn-Kilo-Gewichten: das Glattstreichen der Frisur. Typische Mundbewegung während einer Übung: das Formen imaginärer Worte. Denn über die Kopfhörer hört der Spanner Popmusik – und weiß: Das Leben ist ein Rihanna-Clip. Neuankömmlinge werden mit Scanner-Blicken abwärts des Gesichts gewürdigt. Nachher im Wellnessbereich gibt es die Chance, sich näherzukommen. Ja, selbst in sogenannten gemischten Saunabereichen ist die Flirtquote unter den Männern erstaunlich hoch – und die Aufenthaltszeit im Ruheraum gelegentlich länger als an den Geräten.

Der Dauerbrenner

Es ist wie beim Lauf von Hase und Igel. Egal, an welchem Tag man ins Studio geht, er ist schon da: der Dauerbrenner. Jener Typ Mann, der seine Freizeit im Freihantelbereich verbringt und für seinen Sport glüht. Er hat seine Trainingsakte definitiv aus dem Ordner genommen (zu uncool) und trägt seine Gewichte penibel in ein Notizbuch ein, das er bei sich trägt. Jeden Tag stemmt er Hanteln oder schwingt schwere Kettle Bells, diese Eisenkugeln, die angeblich russische Elitesoldaten zum Muskelaufbau verwendeten. Seine No-go-Area: die Laufband-Ecke. Sein größter Spaß: das neu aufgestellte Navy-Seals-Trainingsgerät, eine Art Reck, in das sich vier Sportler reinhängen können. Gern schreit er sich mit Trainingskumpeln an, „Los! Du kriegst ihn hoch!“, und schätzt Kommunikationsformen wie Grunzen oder Stöhnen. Vor dem Spiegel posiert er in weiten Clownshosen, spannt den Bizeps an (Achtung: Spanner linsen rüber) und präsentiert diese schönen Arme, die wie pralle Traktorreifen von seinem Körper baumeln. Nach den Übungen ist definitiv ein Eiweißshake fällig, er ist aber auch Steroiden nicht abgeneigt. Hauptsache: Es macht schön.

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