Fotograf Stefan Moses : Ein Menschenfänger

Stefan Moses hat Berühmtheiten wie Adorno und Loriot fotografiert, aber auch den deutschen Alltag. Zu Besuch bei einem großen, melancholischen Chronisten in München.

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Auf einem Betriebsfest in der Bonner SPD-Baracke tanzt Willy Brandt 1965 mit der Sekretärin des späteren Wirtschaftsministers Karl Schiller.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Stefan Moses
27.04.2015 14:32Auf einem Betriebsfest in der Bonner SPD-Baracke tanzt Willy Brandt 1965 mit der Sekretärin des späteren Wirtschaftsministers Karl...

So, ja, ziemlich genau so hat man sich Schwabing immer vorgestellt, in der guten alten Zeit der Bohemiens, als Künstler, Literaten und Originale in den Kneipen saßen und in ihren Wohnungen Künstler-Partys feierten. Damals, als die Welt noch nicht durchglobalisiert, -schickimickisiert und -kommerzialisiert war. Vielleicht ist es so nie gewesen, aber egal: Stefan Moses lebt noch heute in einer alten, aufs Herrlichste unrenovierten Schwabinger Villa, in der von der Türklinke über den holzgetäfelten Erker bis zum Nachkriegsbad alles so ist, wie es irgendwann mal war. In der Mietwohnung herrscht un-minimalistisches Chaos, überall stehen, hängen, hocken Erinnerungsstücke herum, Fotos, Zeichnungen, Gesammeltes und Geschenktes aller Art, hier ein großes Lederschwein, dort Porzellanfigürchen. Und auf und unter Tischen, Stühlen und Sesseln: Schachteln. Stapelweise graue Schachteln, gefüllt mit Willy Brandt und Ernst Jünger, Adorno und Kluge, Erich Kästner und Käthe Kruse, Ilse Aichinger und Loriot. Aberhunderten von Moses-Bildern, analog und Schwarz-Weiß. Wer blickt da noch durch? Der Meister seufzt. Mit dem Versuch, zu finden, verbringt das Ehepaar viel Zeit. Gastfreundschaft wird im Hause Moses praktiziert, nicht zelebriert. Auf dem Wohnzimmertisch werden Lücken gefunden, ein ganzer Kuchen für die einzelne Besucherin, eine Schale frischer Beeren und Sahne in einem Kännchen, das, wie alles hier, wie kein anderes ist. Der Hausherr, der eben noch Stühle durch den großen, verwuschelten Garten geschleppt hat, welcher ihm wie "das einzig übrig gebliebene Paradies auf Erden" erscheint, rührt selber das Süße nicht an. Er ist Diabetiker. Moses, so heißt er wirklich, 86 Jahre ist er inzwischen alt, der Körper zieht mit Schwerkraft an ihm. Dass er müde ist, müde auch dieser finsteren Welt, von der er immer wieder mit großem Pessimismus spricht, hält den Fotografen nicht davon ab, hellwach und quicklebendig zu sein, voller Neugier, Staunen und Begeisterung für Menschen, Filme, Literatur. Er bereitet Ausstellungen vor, Bücher - selbst wer glaubt, sein Werk wirklich gut zu kennen, erlebt Überraschungen. So wie jetzt bei der Kultur-Zeitschrift "du", deren März-Heft Peggy Guggenheim gewidmet ist, wo man plötzlich Stefan Moses in Farbe entdeckt. Sein berühmtes Portrait der passionierten Kunstfreundin auf dem Boot in Venedig, eine exorbitant-extravagante Sonnenbrille als Schutzschild auf der Nase, ist unzählige Male, auch auf Postkarten gedruckt worden.

Stefan Moses
Auf einem Betriebsfest in der Bonner SPD-Baracke tanzt Willy Brandt 1965 mit der Sekretärin des späteren Wirtschaftsministers Karl Schiller.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Stefan Moses
27.04.2015 14:32Auf einem Betriebsfest in der Bonner SPD-Baracke tanzt Willy Brandt 1965 mit der Sekretärin des späteren Wirtschaftsministers Karl...

Und plötzlich sieht man: Peggy Guggenheim trägt rote Strumpfhosen! Kein Interview!, sagt er, als wir uns an den Kaffeetisch setzen. Der Schock sitzt. Kein Interview?! Wir werden mehr als drei Stunden plaudern, aber richtige Interviewfragen möchte er lieber per Fax beantworten, in Großbuchstaben auf der Schreibmaschine getippt. Einen Computer hat er nicht, will er nicht, das digitale Zeitalter mag er nicht. Da Moses zwar noch immer radelt, auf einem bekorbten uralten Damenfahrrad ("alles, was wir zum Leben brauchen, passt in meine zwei Körbe"), aber nicht mehr reist, nahm seine Frau, die Teppichkünstlerin Else Bechteler-Moses, jetzt für ihn den Lovis-Corinth-Preis in Regensburg entgegen. (Die begleitende Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie läuft bis zum 31. Mai, dazu erschien ein Katalog im Kehrer Verlag.) Die jüngste von unzähligen Ehrungen, zu denen auch das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse gehört.

Die Laudatio hielt Christoph Stölzl, ein alter Freund, der auch etliche Vorworte zu Moses’ Büchern geschrieben hat. Als Direktor des Deutschen Historischen Museums in historischen Zeiten, hat Stölzl ein geniales Projekt initiiert: Er hat den Fotografen, der in den 60er Jahren schon Menschen unterschiedlichster Berufe in der BRD abgebildet hatte, gleich nach der Wende durch die ostdeutschen Lande geschickt. Um sie vor dem Verschwinden einzufangen, in diesem Moment des Dazwischenseins, der bei Moses ein heiterer ist.

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