Die Reportage : Die vertauschten Kinder von Espirito Santo

Dimas ist der einzige Blonde seiner Familie. Er wird gehänselt. Als Erwachsener lässt er einen Test machen – und bringt zwei Familien durcheinander.

Ruedi Leuthold
Aliprandi (links), doch er wuchs bei Adelson und Niusa Plaster auf (rechts).
Aliprandi (links), doch er wuchs bei Adelson und Niusa Plaster auf (rechts).Foto: RENZO GOSTOLI/AUSTRAL FOTO

Tief in Brasilien, im tropischen Bergland des Bundesstaates Espirito Santo, in der lutheranischen Kirche von Barro de Rio Claro eröffnet Pastorin Iracia Wutke den Hochzeitsgottesdienst mit einem Lied an den Heiligen Geist: Verbinde uns, in allen Sprachen versammle uns.

Die Sprache, die das Brautpaar und die meisten Hochzeitsgäste sprechen, ist das Pommeranische, eine Form des Plattdeutschen, die in der ehemaligen Heimat an der Ostsee ausgestorben ist. Hier aber, in Brasilien, verbindet sie 150 Jahre nach der Flucht aus der verarmten preußischen Heimat noch immer die Nachkommen der Auswanderer.

Dimas Aliprandi, einer der Hochzeitsgäste, wurde am gleichen Tag geboren wie Elton Plaster, der Bräutigam, am 19. Oktober 1985. An seinem Hemd trägt Dimas ein violettes Stoffband, das ihn für alle Gäste als Bruder des Bräutigams kennzeichnet. Tatsächlich hat sich Dimas angewöhnt, Elton als Bruder zu bezeichnen, obwohl er das nicht ist. Dimas ist bleich, dünn und so blond wie der Rest der Kirchenbesucher. Aber er spricht kein Pommersch. Elton dagegen, der jetzt mit feuchten Augen seine Silvana Hoffmann zum Altar führt, spricht Pommersch. Doch er ist klein und schwarzhaarig, er sieht aus wie ein italienischer Fliegengewichtsboxer, nicht wie ein Nachfahr preußischer Stallknechte. Dimas Aliprandi und Elton Plaster, die sich Brüder nennen, wurden bei der Geburt vertauscht.

Die Kirche von Barra do Rio Claro liegt über einem grünen Tal voller Gemüsegärten. Zwischen 1859 und 1874 kamen etwa 2200 Einwanderer aus Pommern nach Espirito Santo. Mit harter Arbeit bezahlten sie die Überfahrt. Wegen ihres lutheranischen Glaubens wurden sie diskriminiert. Die Siedler zogen sich in abgelegene Bergtäler zurück, lernten kaum Portugiesisch, dafür vermehrten sie sich kräftig. Heute gibt es in Espirito Santo etwa 200 000 Pommeraner, und eine Hochzeit ist immer Anlass, die gemeinsame Identität zu stärken. 450 Familien sind zu Elton und Silvanas Hochzeit eingeladen.

Die vorderste Bank ist für die Eltern des Brautpaars reserviert. Dort haben, anders als je zuvor bei einer pommerschen Hochzeit, nicht vier, sondern sechs Personen Platz genommen: die Eltern der Braut; die Zieheltern des Bräutigams, Niusa und Adelson Plaster; und seine biologischen Eltern, Zilda und Antonio Aliprandi.

In der Familie Aliprandi haben sich, bis auf wenige Brocken Italienisch, die Erinnerungen an die Heimat verloren. Aus Norditalien kamen die Auswanderer ungefähr gleichzeitig mit den Pommeranern nach Espirito Santo, sie ließen sich in benachbarten Tälern nieder. Antonio Aliprandi, eben 60 geworden, war eins von zehn Kindern eines Kaffeepflanzers, er ging nie zur Schule, heiratete ein Nachbarmädchen. Als seine Frau zum dritten Mal schwanger war, fuhr er sie in die nächstgelegene Stadt Santa Teresa, ins Spital „Zur Mutter vom guten Rat“. Noch am gleichen Abend, um 20 Uhr, kam ein Sohn zur Welt, sie nannten ihn nach dem Arzt, der die Geburt begleitet hatte: Dimas.

Antonio wunderte sich ein bisschen, dass der Sohn blaue Augen hatte und einen Schädel, der so kahl war wie sein eigenes Knie. Je größer das Kind wurde, desto weniger glich es seinen dunkelhaarigen Schwestern. Doch nie zweifelte Antonio an der Treue seiner Frau.

Die Vorbereitung der Hochzeit hat eine ganze Woche gedauert. 400 Kuchen wurden gebacken, 425 Kilogramm Huhn verarbeitet, ein Ochse von 450, ein Schwein von 150 Kilogramm. Für ihren Sohn, den sie erst 24 Jahre nach der Geburt wiedergesehen hat, stand Zilda Aliprandi täglich in der Küche. Als sie all das Fleisch sah, fragte sie sich, ob das nicht Verschwendung sei. Nein, sagte man ihr, bei einer pommerschen Hochzeit dürfe es nicht an Fleisch fehlen, sonst komme Unglück über die Brautleute.

Schon wenige Monate nach der Geburt war ihr Mann zu Zilda gekommen, um zu berichten, was seine Schwester flüsterte: Ob ihr Kind nicht ein Vertauschtes sei? Aber Zilda, die schon zwei Mädchen geboren und sich so sehr einen Jungen gewünscht hatte, sagte: Das ist mein Sohn! Damit war die Diskussion beendet. Und wenn der Junge, der böse wurde, wenn die Schwestern den Bleichling hänselten, wenn dieser Junge ihr mit seinen Zweifeln in den Ohren lag, sagte sie: Gott weiß, was er tut. Und umarmte ihn.

Der Hochzeitsgottesdienst ist beendet, die grünen Berge sind wolkenverhangen, die Hochzeitsgesellschaft kehrt zurück zum väterlichen Hof. Hier wird Kuchen serviert, die Brautleute nehmen Glückwünsche entgegen, sie bekommt ein Küsschen auf die Wange, er einen Geldschein in die Hand, so ist es Brauch bei den Pommeranern. Die Mütter des Bräutigams, beide, stellen sich zum Fotografieren neben ihren Sohn. Dona Niusa, die Pommeranerin, die den dunklen Elton nicht geboren, aber aufgezogen hat, spricht nicht über das, was damals geschehen ist. Es sei, sagt sie, eine zu große Last.

Für Dimas, ihren bleichen, leiblichen Sohn, holt sie jetzt eine Kopfwehtablette. Sie weiß, obwohl sie es nicht miterlebt hat, dass in der Kindheit seine Kopfschmerzen oft unerträglich waren. Seit er denken kann, hatte Dimas das Gefühl, nicht in die Familie Aliprandi zu gehören. Nicht nur, weil seine dunklen Schwestern ihn hänselten. Er selbst spürte, dass er anders war als der Rest der Familie, es brachte seinen Schädel fast zum Platzen. Als er 14 war, bat er seine Eltern um einen DNA-Test. Die Mutter war dagegen, der Vater sagte, für so etwas hätten sie kein Geld. Mit 16 verließ Dimas die Schule, er arbeitete in einer Autowerkstatt, mit 22 verliebte er sich, aber erst nach einem Jahr erzählte er Vanessa, seiner heutigen Frau, von den Zweifeln an seiner Identität. Mit 24 versammelte er die Familie am Küchentisch, er sagte, er habe Geld für einen DNA-Test gespart. Die Mutter weinte. Sie fragte, ob er sie, wenn das Ergebnis sei, wie er denke, verlassen werde. Wie könnte ich, sagte Dimas, du bleibst meine Mutter. Zu dritt gingen sie ins Labor.

Als eine Zeitung vom Ergebnis des Tests erfuhr, waren es die Medien, die auf Aufklärung drängten. Dimas hat die Zeitungsausschnitte von damals gesammelt: 4. 2. 2009 – Spital untersucht Kindertausch. 17. 2. 2009 – Spital findet die alten Archive. 31. 4. 2009 – Spital identifiziert Babies, DNA bestätigt Kindertausch. 11. 5. 2009 – Muttertag vereinigt vertauschte Kinder. 17. 6. 2010 – Vertauschte Kinder wollen eine große Familie gründen.

Der Hof füllt sich mit immer mehr Gästen, bleiches, bäurisches, kräftiges Volk, unablässig tönt das Concertina, ein Bandoneon, das die Pommeraner mit über den Atlantik genommen haben. Gerne erzählt Adelson Plaster, der Vater des Bräutigams, wie alles begann. Mit nichts als einem alten Fahrrad ist er in dieses Tal gekommen, hat sich als Arbeiter verdingt und die Tochter des alten Brun geheiratet, reichster Bauer der Umgebung. Nach überliefertem Brauch gehen die Mädchen leer aus beim Verteilen des Erbes, und so war es allein Adelsons Geschick, das ihn zu einem wohlhabenden Mann machte. 30 Hektar Land bewirtet er, viel mehr als die meisten Bauern der Gegend.

Obwohl niemand in der Familie Plattfüße hatte wie er, kam es Elton nie in den Sinn, dass er nicht auf diesen Hof gehöre, nicht zu diesem Volk, nicht zu diesem Vater. Er trägt ein Muttermal auf der Brust, sein Vater ein ähnliches auf dem Bauch, das war immer ihr Zeichen der Zusammengehörigkeit. Er sei vom gleichen Blut wie der Onkel Franzl, sagte ihm der Vater, auch der sei dunkelhaarig gewesen. Elton war ein guter Schüler, aber statt ein Studium zu beginnen, arbeitete er auf dem elterlichen Hof, sein Fleiß und Arbeitseifer werden weithin gerühmt.

Elton erinnert sich noch genau an den Tag, an dem ein fremdes Auto vorfuhr, es war ein Montag, die Sonne stand tief, die Unbekannten fragten nach Niusa Bruna. Elton wunderte sich, denn kaum jemand kannte den Mädchennamen seiner Mutter.

Insgesamt fünf Kinder waren am 19. Oktober 1985 im Spital „Zur Mutter vom guten Rat“ zur Welt gekommen: drei Mädchen, zwei Jungen. 24 Jahre später ergab ein DNA-Test, dass einer der Jungen vertauscht worden sein musste. Die Suche nach dem zweiten Jungen zog sich hin, weil dessen Mutter im Spital nur ihren Mädchennamen hinterlassen hatte. Der wies auf eine deutsche Abstammung hin. Emissäre des Spitals gingen im Land der Pommern von Hof zu Hof, bis sie auf Niusa Plaster stießen, geborene Brun.

Die Medien hatten über die Suche berichtet. Auch Elton hatte in der Zeitung Bilder gesehen, auf denen ein blonder Junge, der seinen vier dunklen Schwestern nicht glich, seine Eltern suchte. Aber dass er selbst das fehlende Puzzleteil war, der Bruder der vier hübschen Mädchen, kam ihm nicht in den Sinn. Die Abgesandten des Spitals baten um einen Labortest. Eltons Mutter war nicht erfreut, aber sie widersetzte sich nicht.

Als der DNA-Test bestätigte, dass Elton Plaster ein geborener Aliprandi war, fiel dessen leiblichem Vater Antonio ein Stein vom Herzen. Denn er hatte sich, seit er wusste, dass nicht Dimas sein Sohn war, die bange Frage gestellt: Was ist wohl aus meinem Sohn geworden? Trägt er Schmuck an den Ohren? Ist er den Drogen verfallen? Alles gibt es auf dieser gottlosen Welt, Männer, die es zu Männern zieht. Antonio fand erst wieder Schlaf, als er einen jungen, arbeitsamen Mann namens Elton kennenlernte, der seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten ist und Plattfüße hat wie sie.

Das Spital hat, um den Schaden zu begleichen, an die Familien 25 000 Euro bezahlt. Die Hälfte davon überließen Zilda und Antonio Aliprandi ihrem Ziehsohn Dimas, mit der anderen Hälfte kauften sie ein Haus im Tal der Pommern, um Elton nahe zu sein, ihrem wiedergefundenen Sohn. Der freute sich. Aber er sagte, dass er sich den Eltern, die ihn aufzogen, immer noch näher fühle. Alle einigten sich darauf, dass dies wohl normal sei.

Dimas wiederum war im Traum oft einem Mann begegnet, der ihn ansah und sagte: Das ist mein Sohn. Und so war es, als er am Muttertag 2009 seine echte Familie kennenlernte: Der Mann, groß, bleich und bärtig, sah ihn an und sagte: Das ist mein Sohn. Dimas fühlte sich wie neu geboren. Das Kopfweh war weg. Er verließ die Autowerkstatt und zog in das Tal, wo die Leute aussahen wie er. Der Vater gab ihm ein Stück Land, wo er Kaffee anbauen konnte, und seine Mutter offenbarte ihm ihr Drama. Wie sie behandelt worden war vom katholischen Personal des Spitals, sie, die protestantische Deutsche, die kaum Portugiesisch sprach. Erst sieben Stunden nach der Geburt habe man ihr das Kind übergeben, mit einem Bändchen am Arm, auf dem ein fremder Name stand. Aber das habe sie erst später von einer Verwandten erfahren, denn sie selber konnte nicht lesen.

Mittlerweile sind über tausend Gäste eingetroffen. Die Reihe der Leute, die zum Abendessen anstehen, ist noch lang, aber auf der Bühne fängt schon der Hochzeitstanz an. Er wird begleitet von jungen Burschen, die mit langen Holzstangen unablässig den Fußboden behämmern, um böse Geister zu vertreiben.

Als Dimas Vanessa kennenlernte, war er 22 und sie 17. Sie arbeitete in einem Supermarkt, abends studierte sie, um Lehrerin zu werden. Zuerst zog er alleine ins Haus seiner wiedergefundenen Eltern. Er hatte Mühe, die Frau, die ihn geboren hatte, mit „Mutter“ anzureden, deshalb hielt er es wie Elton: Er nannte sie „Alte“. Viel Besuch kam, um den verlorenen Sohn zu sehen, und erst mit der Zeit fiel Dimas auf, dass viele Mädchen im heiratsfähigen Alter dabei waren, und dann ahnte er auch, wer die Besuche arrangierte. Sowieso sprach die Alte viel vom „Blut“, davon, dass „die anderen“ anders seien, dass es nicht gut sei, sich mit ihnen zu mischen. Dimas liebte Vanessa. Er fuhr mit dem Motorrad zurück in die Stadt, wo sie sich eilig vermählten. Als er mit seiner Frau ins Elternhaus zurückkehrte, begannen die Magenschmerzen. Nicht mehr der Kopf, sein Bauch brannte jetzt. Es gab Leute, die den Kopf wegdrehten, wenn sie Vanessa begegneten. Einmal hörte er sie flüstern: „Eine Schwarze...“ Das war es. Dimas und Vanessa verließen das Tal seiner Ahnen, er ging zurück in die Autowerkstatt, sie in den Supermarkt. Eine Zeitlang besuchte Dimas einen Psychologen. Danach verschwanden die Magenschmerzen.

Der Hochzeitstanz dauert Stunden, unablässig drehen sich Elton und seine Frau im Kreis. Dimas hat Kopfweh, er will nach Hause. Vanessa begleitet ihn.

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