Dann tauchte Ned Buntline im Westen auf. Und weil seine Heftromane mit Buffalo Bill so gut liefen, machte er ein Theaterstück daraus, überredete Cody, auf den Bühnen der amerikanischen Ostküste gleich selbst aufzutreten. Die Kritiker verrissen das Stück, aber dieser Bill, er sah blendend aus und wirkte so echt. Mit ihm mochten sich alle identifizieren, die Buchhalter und Sekretäre, die Verkäufer und Industriearbeiter, die zwar alle weder Grizzlybären noch Indianer kannten. Aber trugen sie als Amerikaner nicht das gleiche Pionierblut in sich?
Als schließlich der russische Großherzog Alexis, Sohn des Zaren, die USA besuchte, wurde Bill sogar zur Staatsaffäre. Gute Beziehungen zu Russland waren damals schon wichtig. Und wer sonst außer Buffalo Bill konnte dem Zarewitsch ein Amerikaerlebnis bieten? Die beiden gingen mit gewaltiger Entourage auf Bisonjagd. Natürlich gab es Fotos, berichtete die Weltpresse. Jagdausflüge mit Bill – oder wenigstens in einer Lederjacke wie er sie trug – wurden der letzte Schrei.
Die Fotografie, damals ein neues Medium, dürfte ungeheuer zu Buffalo Bills Popularität beigetragen haben. Der verstand sie zu nutzen, vor allem, weil er zwei gute Berater hatte: einen Fachmann für Public Relations – und einen Experten fürs Showgeschäft. Dazu kam sein Naturtalent, zu erkennen, was das Publikum wollte.
Er hat viele Indianer vor Deportation und Gefängnis bewahrt
Den Höhepunkt brachte ab 1883 die Wild-West-Show. Es gab durchaus Konkurrenten, die mit ähnlichen Programmen tourten. Doch Cody bemühte sich um den Anschein von Authentizität. Es mussten echte Indianer sein, echte Cowboys, echte Postkutschen, die bereits schwer zu finden waren.
1888 brach „Buffalo Bill’s Wild West“ zur ersten Europatournee auf, weitere sollten folgen. In England gehörte Queen Victoria zu den Zuschauern und erhob sich von ihrem Platz, als die US-Fahne hereingetragen wurde. Ob es wirklich so war, spielte keine Rolle, die Zeitungen berichteten entsprechend, und das zählte.
In Berlin soll die Kunstschützin Annie Oakley – die Show machte sie zu Amerikas erstem It-Girl – dem jungen Kaiser Wilhelm die Zigarre vielleicht nicht aus dem Mund, aber doch aus der Hand geschossen haben. Unwahrscheinlich, die Geschichte wurde jedoch so erzählt. Die Show gastierte im Sommer 1890 allein 30 Tage lang auf einem Gelände an der Augsburger, Ecke Joachimsthaler Straße.

Nur Karl May, der Erfinder Winnetous, haderte mit Bill als Bisonschlächter und Indianertöter. Was dessen eigene Schuld war, immer wieder skalpierte er in der Arena den bedauernswerten Cheyenne Yellow Hand. Die Tat hatte er tatsächlich 1876 begangen. Aber wie so vieles war seine Rolle als Indianertöter aufgebauscht worden, solange das opportun erschien. Später zeigte er sich als Indianerversteher. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass der berühmte Häuptling Sitting Bull nur widerstrebend in der Wild-West-Show mitmachte. In Wirklichkeit gelang es Cody, viele Indianer vor der Deportation oder dem Gefängnis zu bewahren, wenn er sie stattdessen für seine Show anforderte.
Die Zeitungen machten sich lustig über den gefallenen Helden
Der Niedergang begann, als Bill sich für größer hielt als er war und nicht mehr auf seine Berater hörte. Er hatte Millionen verdient, verlor sie nun in dubiosen Bergwerksgeschäften – und in der Karriere von Katherine Clemmons, einer minderbegabten Schauspielerin. Schließlich strebte er nach fast 40 Jahren Ehe die Scheidung von seiner Louisa an und verwickelte sich in eine öffentlich ausgetragene Schlammschlacht, in der er Louisa sogar beschuldigte, ihn vergiften zu wollen.
Die Zeitungen machten sich lustig über den gefallenen Helden, die Richter lehnten sein Scheidungsansinnen als unbegründet ab. Buffalo Bill war dazu verurteilt, seine Ehe fortzusetzen, während seine Schauspielerin sich dem Sohn eines Eisenbahnmagnaten zuwandte.
Buffalo Bill ritt fortan als Darsteller seiner selbst durch die Show, in der er mittlerweile nur noch angestellt war, nachdem er 1913 hatte Insolvenz anmelden müssen. Beinahe bis zum Schluss trat er auf, bis zu seinem Tod am 10. Januar 1917. Begraben wurde er nicht seinem Wunsch gemäß in Cody, Wyoming, der Stadt, die er gegründet hatte. Seine Frau verkaufte das Begräbnis nach Denver, Colorado. Ein Zeitungsverleger bezahlte viel Geld dafür.
- Der Erfinder des Wilden Westens
- Buffalo Bill wird zur Staatsaffäre

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