Fußballmagazin "Kicker" : Walther Bensemann: Der Spielmacher der Nation

Walther Bensemann gründete die Zeitschrift „Kicker“ und baute den Deutschen Fußball-Bund mit auf. Vor 80 Jahren starb der Fußball-Pionier im Exil.

Jesko zu Dohna
Die erste Kicker-Ausgabe
Die erste Kicker-AusgabeFoto: Tsp

Der Zug in die Schweiz ist pünktlich. Wenn schon abtreten, dann erster Klasse, denkt Walther Bensemann. Er hat nur einen Koffer dabei, den Rest muss er zurücklassen: Pokale, Wimpel, stapelweise Fotos, die blaue Collegemütze. Georges Richert, der Besitzer des Nürnberger Grand Hotel Fürstenhof, in dem Bensemann seit acht Jahren lebt, hat ihm beim Abschied versprochen, auf die Sachen aufzupassen, solange er fort ist.

Wenige Tage vorher, am 28. März 1933, hat Walther Bensemann in seinem „Kicker“ den vorläufigen Abschied verkündet. Wegen gesundheitlicher Probleme fahre er zur Kur, schreibt er. Und dann einen Satz, der sich nachträglich wie eine böse Prophezeiung liest, die weit über die Zukunft seiner eigenen Zeitung hinausgeht: Die Sportpresse werde künftig „eine mehr referierende als kritische Aufgabe“ haben. Dass der 60-Jährige sein Lebenswerk aufgibt, weil er Jude ist und die Nazis ihn loswerden wollen, schreibt er nicht.

Seine Redakteure machen weiter, als sei nichts gewesen. Dabei hat Bensemann den „Kicker“ 13 Jahre lang geprägt, er hat ihn gegründet, war zeitweise Herausgeber, Autor und Vertriebsleiter in einer Person, viele sagen: Bensemann ist der „Kicker“. Und noch mehr. Er habe den Fußball nach Deutschland gebracht, wird Sportfeuilletonist Richard Kirn später schreiben. Bensemann hat den Deutschen Fußball-Bund mitaufgebaut, die ersten Länderspiele organisiert, mehrere deutsche Klubs gegründet, darunter die Vorläufer von Eintracht Frankfurt und Karlsruher SC sowie mit dem MTV die Keimzelle des FC Bayern München.

Fußball gilt zunächst als undeutsch

Den ersten gründet der Sohn eines Bankers im Sommer 1889, da ist er 16 und geht in die Unterprima des Bismarckgymnasiums in Karlsruhe. Für zehn Mark hat er einen Fußball für die Klasse gekauft. Die Schüler treffen sich nach dem Unterricht auf einer Wiese an der Moltkestraße direkt neben der Schule. Ihre Trikots, ebenfalls von Bensemann gesponsert, liegen nebenan im Feuerwehrturm versteckt. Die Eltern sollen nichts davon wissen. Denn während Fußball in England seit Jahrzehnten gespielt wird und bereits 1888 eine Profiliga gegründet wurde, die zehntausende Zuschauer ins Stadion lockt und Arbeitern den sozialen Aufstieg ermöglichen kann, gilt die Sportart hierzulande noch als exotisch und undeutsch.

Als Bensemann im September den „International Football Club“ ins Leben ruft, den ersten Verein in Süddeutschland, droht ihm sein Klassenlehrer Julius Keller, ein Anhänger der Turnbewegung, mit Karzerhaft. Die Turner, 1807 von Friedrich Ludwig Jahn gegründet, bemühen sich um die korrekte Ausführung ihrer Übungen, ohne leistungsorientiert zu sein. In der Schrift „Fußlümmelei – über Stauchballspiel und englische Krankheit“ hetzt ein Turnlehrer 1898 gegen „sinnloses Getrete“. Das hat Folgen: Fußballer werden verprügelt, Spiele von aufgebrachten Bürgern systematisch gestört.

Walther Bensemann
Walther BensemannFoto: Tsp

Besonders stört Klassenlehrer Keller, dass in Bensemanns Klub Engländer mitspielen. Der Schüler gibt dem Druck schließlich nach, alle deutschen Spieler treten aus und gründen mit dem KFV, genannt die „Bensemann-Kickers“, einen neuen Klub. Der existiert noch heute, die Mannschaft spielt derzeit in der Kreisklasse C, Staffel 1. Alle Fußballvereine, die ein „Kickers“ im Namen tragen, beziehen sich auf Bensemann.

Eine Zeitschrift ohne journalistische Erfahrung

Er selbst hat den Fußball als Zehnjähriger entdeckt; da ist er Internatsschüler in der französischen Schweiz. Weil dortviele Briten leben, ist Fußball bereits etabliert. Mit 14 gründet Bensemann den FC Montreux, wird dessen „Clubsekretär“. Mitglieder rekrutiert er auf der Straße. Als Tore dienen Äste, Kappen oder Kleidung. Bei der ersten Partie gegen La Villa spielt mangels Mitspielern der Schulleiter mit.

Der Fußball wird Bensemann von da an nicht mehr loslassen, fortan wird er sein ganzes Leben auf den Sport ausrichten. Für einen guten Fußballer ist Bensemann selbst zu langsam und ein bisschen zu dick. Im Spiel bei den „White Rovers Paris“ spielt er im Winter 1898 als Mittelstürmer so schlecht, dass Andrew Pitcairn-Knowles, der englische Herausgeber der „Sport im Bild“, ihn kritisiert. Das macht Bensemann wütend, seine Reaktion wird ebenfalls abgedruckt: „Durch unsere Worte in seinem Ehrgefühl gekränkt, besaß Herr Bensemann die seltene Unverfrorenheit, dem Verfasser eine Forderung auf Säbel ohne Binden und Bandagen zu überbringen“, schreibt Pitcairn-Knowles. Ein Säbelduell ist lebensgefährlich und verboten. Die Forderung wird verweigert.

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