Gärtnern für Nudisten : Die Nackten und die Rosen

Manche sehen in Abbey House Gardens nur einen schönen Park, andere das Paradies. Siebenmal im Jahr lassen sie hier die Hüllen fallen – wie unser Autor.

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Gärtnern wie Adam und Eva: Ian (68) und Barbara (61) Pollard in ihren Abbey House Gardens.
Gärtnern wie Adam und Eva: Ian (68) und Barbara (61) Pollard in ihren Abbey House Gardens.Foto: Rebecca Wingrave

Mrs. Wilkins lacht. Eine Garderobe? Wozu, wo ich doch sowieso gleich nackt sein werde. Ich soll einfach auf die Terrasse gehen, dort würde man mir einen Plastikbeutel für meine Sachen aushändigen und eine Nummer, auf die ich gut achtgeben solle. Damit ich nachher auch den richtigen Beutel wiederkriege. Oder überhaupt einen. Und dann lacht sie wieder.

Die Vorstellung, meine Sachen nicht wiederzubekommen, macht mir Angst. Das Auto musste ich auf dem Marktplatz zurücklassen. Wie soll ich da wohl je wieder hinkommen, wenn ich gleich nackt bin? Nackt unter Engländern, die sich hier in Malmesbury, 140 Kilometer westlich von London, ein Vergnügen leisten, das sie sonst nirgendwo auf der Insel haben können: wie Adam und Eva durch einen 20 000 Quadratmeter großes, grünes Paradies zu flanieren, das es ob seiner Schönheit schon ins Fernsehen geschafft hat. Das war 2002, als die BBC in einer Gartensendung auf Abbey House Gardens aufmerksam machte. Damals hatten die Besucher hier noch alle ihre Hosen an.

Erst vier Jahre später kamen Ian und Barbara Pollard auf die Idee mit den Clothes Optional Days, derzeit sieben Sonntagen im Jahr, an denen die Besucher frei wählen dürfen, ob sie angezogen bleiben oder die Natur lieber so genießen möchten, wie es sich für ein Paradies gehört. Die beiden zählten fortan an den Nackttagen sehr viel mehr Besucher als an normalen Tagen.

Was, wenn das Wetter schlecht wird, kommen die Besucher dann trotzdem nackt, hatte ich Geraldine Wilkins vorher am Telefon gefragt. „Bestimmt“, hatte sie geantwortet, Mrs. Wilkins kümmert sich in Abbey House Gardens um Organisatorisches. Jetzt steht sie da, in Jeans und gestreiftem T-Shirt, und lacht. Die Angestellten ziehen sich hier nicht aus, nie.

Anders Ian Pollard. Der 68-Jährige könnte mit seinem ungezähmten, ergrauten Blondhaar und dem wilden Bart gut als Wikinger durchgehen, vorausgesetzt, die alten Nordmänner hätten schon Gummistiefel gekannt. Außer seinen Stiefeln trägt Ian nichts. Früher war er ein erfolgreicher Architekt und Bauunternehmer. Aber als er merkte, dass es immer schwieriger würde, in seiner Branche die Kontrolle zu behalten, mit seinen Vorstellungen durchzudringen, erlahmte sein Interesse an der Welt da draußen. 1994 kaufte er dieses Anwesen, das Teil einer 800 Jahre alten Klosteranlage ist.

Doch warum gärtnern er und seine Frau Barbara, der man nicht zuletzt an den violetten Strähnen im Haar immer noch die Hippievergangenheit ansieht, nackt? Er wolle da keine Ideologie daraus machen, und schon gar nicht würde er irgendeinem Club angehören, versichert Pollard. Er habe es eben nur gern bequem. Und natürlich. Was aber kann natürlicher sein? Mit diesen Worten bugsiert er mich auf die Terrasse. Ich solle mich doch einfach einmal umschauen. „Darf ich wenigstens den Rucksack behalten“, rufe ich ihm noch hinterher, „ich weiß nicht, wo ich sonst den Kugelschreiber und den Block hintun soll.“ „Sie können anbehalten, was sie wollen.“

Ich habe also die Wahl. Aber angenommen, ich würde einen Besucher fragen, „wie fühlen Sie sich, so nackt im Garten“, und hätte dabei die Hosen an? Mein Blick fällt auf einen drahtigen älteren Herrn neben dem kegelförmigen Buchsbaum da vorn, der mit seinem grau umrandeten Kahlkopf und der Hornbrille gut Professor sein könnte. Falls er es wirklich ist, ich bin mir sicher, kein Student ahnt, dass er sich die Scham rasiert und überdies blau lackierte Fußnägel trägt. In Abbey House Gardens bleibt nichts verborgen.

Der Garten teilt sich in zwei Hälften: ein wohlgeordnetes Entree mit symmetrischen Hecken, Laubengängen unter einem Dach aus Goldregen, üppiger Blütenpracht, schade, dass die Tulpenzeit schon vorbei ist und die der Rosen erst beginnt. Abbey House Gardens ist berühmt für die Vielfalt der Rosen, 2000 verschiedene Sorten sollen es sein. Diese eher förmliche Eröffnung soll eine Referenz sein an die Strenge des einstigen Klosters und der Versuch, die Aufmerksamkeit der Besucher abzulenken von der Welt da draußen.

Der andere Teil des Gartens erstreckt sich entlang der Ufer eines kleinen Flüsschens. Es ist die wildere Hälfte, Farne und Rhododendren wuchern unter efeuumrankten Linden, Birken, japanischem Ahorn und Steineichen. Ein guter Platz, wenn man nicht ganz so im Blickpunkt stehen will.

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