Ginger Hair : Warum uns rothaarige Menschen so sehr faszinieren

In der Schule war er die angespitzte Möhre, in Teheran drehten sich die Menschen plötzlich begeistert nach ihm um. Ein Betroffener über Fluch und Segen einer ungewöhnlichen Haarfarbe.

Jesko zu Dohna
Sexsymbol. Prinz Harry, rothaarig im Gegensatz zum Bruder, hat die Verlobung mit der US-Schauspielerin Meghan Markle verkündet.
Sexsymbol. Prinz Harry, rothaarig im Gegensatz zum Bruder, hat die Verlobung mit der US-Schauspielerin Meghan Markle verkündet.Foto: dpa

Italien ist das gelobte Land für Rothaarige. Zumindest fühlte sich das für mich als Sechsjährigen so an. Im Sommer 1994 kletterte ich jeden Tag mit meinen Eltern auf die Kuppeln und Campanili von Florenz, spielte in den Uffizien mit anderen Jungs Verstecken und wurde überall von Italienern wie ein exotisches Haustier am Kopf gestreichelt. „Bello“, sagten sie und zerzausten mein kupferfarbenes Haar. Bald ging ich, die Hände in den Hosentaschen, in die Eisdielen der Stadt, lächelte, nahm meine Baseballmütze ab und bestellte Sahneeis mit Amarenakirsche – ohne eine einzige Lira in der Tasche. Bezahlen musste ich nie. „Non c’è nessun problema, bello.“ Denn rothaarige Kinder bringen Glück in Italien.

Zurück in Deutschland war alles anders. Bei meiner Einschulung ein paar Wochen später war ich als einziger Rothaariger in der Klasse zwar wieder etwas Besonderes, aber nicht so wie ich es aus Italien kannte. Schnell lernte ich, dass ich in der Schule aufpassen musste. Ob Schneebälle werfen oder Schwatzen im Unterricht, als Rotschopf fiel ich immer sofort auf. Was bei mir oft mit dem Rauswurf aus dem Klassenzimmer endete. Mit meinen Mitschülern hatte ich weniger Probleme, ich war mal der Pumuckl oder die angespitzte Mohrrübe, wirklich gelitten habe ich unter den Spitznamen nie.

Erst vor fünf Jahren dämmerte mir, dass es für Rothaarige auch schlimmere Zeiten gegeben hat. Ich trank damals mit Freunden Bier in einer Schöneberger Kneipe. An der Theke hockte ein etwa 45-jähriger Mann mit bleicher Haut, Sommersprossen und strohblonden Haaren. Ich sprach ihn an: „Bist du nicht rothaarig? Färbst du deine Haare?“

Judas und Maria Magdalena werden als Rothaarige dargestellt

Der Mann umarmte mich, dann sprudelte es aus ihm heraus: Als Jugendlicher in West-Berlin sei er früher wegen seiner Haarfarbe regelmäßig verprügelt, in Schränke gesperrt und sogar an den roten Locken gezogen worden. Von seinem Lehrer durfte er keine Hilfe erwarten. Er schmähte ihn mit Sprüchen wie „Rote Haare, Sommersprossen, sind des Teufels Volksgenossen“. Mit 15 Jahren ertrug der Mann die ewigen Drangsalierungen nicht mehr und wechselte auf eine andere Schule in einem anderen Bezirk. Seitdem gießt er sich bis heute alle zwei Wochen Wasserstoffperoxid über den Kopf, um blond zu wirken.

Joel Meyerowitz reiste für seine Porträtserie „Redheads“ zehn Jahre lang durch die USA.
Joel Meyerowitz reiste für seine Porträtserie „Redheads“ zehn Jahre lang durch die USA.Foto: © Joel Meyerowitz/Courtesy Howard Greenberg

Wie sollte er sich normal fühlen, wenn er um sich herum nur von Vorurteilen hörte. Mark Twain, ein intelligenter wie scharfzüngiger Schriftsteller, soll gesagt haben: „Während der Rest der Spezies vom Affen abstammt, stammen Rothaarige von Katzen ab.“ Diese galten je nach Geschlecht als jähzornige Trottel (Männer) oder sexbesessen (Frauen). Die Klischees stammen aus dem Mittelalter. Auf unzähligen Gemälden sind Judas, der Verräter Jesu, und Maria Magdalena mit roten Haaren dargestellt. Eine Aussage von Papst Gregor dem Großen (540 bis 604 n. Chr.), der Maria Magdalena als rothaarige Prostituierte bezeichnet hat, die von Jesus gerettet worden sei, genügte, um den Verdacht der Nymphomanie jahrhundertelang zu nähren. Gruselgeschichten über Hinrichtungen von rothaarigen Hexen schürten weitere Vorurteile.

Das schlechte Image hat lange überlebt. Als meine schwangere Cousine vor 20 Jahren einen Ultraschalltermin hatte, sagte der Arzt: „Oh Gott, es wird ein Junge, und dann noch einer mit roten Haaren.“ Sinngemäß dasselbe soll Thronfolger Prince Charles gesagt haben, als er seinen zweiten Sohn, Harry, zum ersten Mal nach der Geburt sah. Lady Di nahm ihm das übel, weil es in ihrer Familie, den Spencers, mehrere Rothaarige gab, oder wie man in England sagte: Ginger.

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