Magazin : Großwildjäger Der

Früher drehte er Clips für Michael Jackson, heute wollen Metal-Bands seine Motive: Nick Brandt ist ein besonderer Tierfotograf. Warum er schlechtes Wetter bevorzugt und „Breaking Bad“ mit auf die Pirsch nimmt.

FISCHADLER, NATRONSEE, 2012

Im Norden Tansanias, im Niemandsland zwischen der Serengeti und dem Ngorongoro-Krater, liegt dieser See. Das Wasser hat einen hohen Soda- und Salzgehalt. Offenbar verwirrt die spiegelglatte Oberfläche die Vögel, sie rasen in das seichte Wasser hinein und sterben, weil der Aufprall dem gegen eine Fensterscheibe ähnelt. Der hohe Natriumcarbonatgehalt mumifiziert die Kadaver sehr gut. Dieses Bild habe ich in der Trockenzeit im Oktober aufgenommen, wenn viele Kadaver ans Ufer geschwemmt werden. Wie dieser Adler, der noch die Flügel aufgespannt hat, rund einen Meter. Ich habe ihn auf einem Ast platziert, neun Tage lang habe ich ihn 15 Mal bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen aufgenommen. Das war anstrengend, denn ich fotografierte von unten. Ich musste einen Plastikanzug tragen, füllte einen Sandsack, baute ein Plastiktablett darauf auf und nahm so die Bilder auf. Oft lief das Wasser in den Anzug hinein, wenn ich nur die kleinste Wunde hatte, brannte das Salz. Ich habe inzwischen E-Mails von neun HeavyMetal-Bands bekommen, die dieses Bild für ihr Cover benutzen möchten.

LÖWEN-TROPHÄE, CHUYULU HILLS, 2012

Ich wollte eine Bilderserie von Tieren machen, die von Menschenhand getötet wurden – in jenem Land, in dem sie einst herrschten. Als Motiv habe ich den Berg in Kenia ausgewählt. Diese Weite erinnert an die Prärie in Nordamerika, nur dass ein Stück weiter links der Kilimandscharo liegt – ein wunderschöner Flecken, in dem viele Löwen lebten. Ich habe nach langem Suchen diesen ausgestopften Kopf gefunden, er hing bei jemandem zu Hause, der beinahe traurige Ausdruck des Tieres hat mir gefallen. Das war übrigens leichter, als einen Löwen lebendig zu fotografieren. Dafür braucht man unglaubliche Geduld. Löwen verbringen fast den ganzen Tag damit, zu schlafen. Es vergehen Tage, an denen ich nur herumliegende Tiere vor der Kamera hatte. Ich lag im Gras, wartete, und wenn ich wusste, es passiert ein paar Stunden nichts, schaute ich mir auf dem Computer mehrere Folgen „Breaking Bad“ an.

RANGER, AMBOSELI, 2011

Diese Stoßzähne gehörten Elefanten, die zwischen 2004 und 2009 von Wilderern rund um den Park getötet wurden und die der Kenya Wildlife Service dann den Wilderern abnahm. In China würde man auf dem Schwarzmarkt dafür rund eine halbe Million Dollar bekommen. Es ist das Bild einer kontinentweiten Zerstörung und eine Erinnerung, dass einst Herden von Elefanten durch das Land zogen. Das ist alles, was von ihnen geblieben ist. Die Ranger sind aus unserem Stiftungsreservat. Sie mussten sechs Tage lang warten, bis der Himmel sich ordentlich zugezogen hatte und ich das Foto machen konnte. Sie dachten bestimmt, ich sei verrückt. Momentan arbeiten 310 Ranger im Park, wir sind der größte Arbeitgeber der Region und erhalten Dutzende Bewerbungen auf freie Stellen. Die Wilderei ist zum Glück etwas zurückgegangen, bisher hat niemand die Seiten gewechselt. Ich glaube, sie sind stolz, Teil einer großen Aufgabe zu sein.

NICK BRANDT

Der Brite ist ein Missionar – unterwegs für das Überleben der afrikanischen Tiere. In spektakulären Schwarz-Weiß-Bildern hält der 47-Jährige die aussterbenden Elefanten, Löwen oder Giraffen fest. Vor drei Jahren gründete er die Big Life Foundation und richtete ein Reservat an der Grenze zwischen Kenia und Tansania ein, 8000 Quadratkilometer groß. In diesen Landstrich kam er 1995 durch einen Zufall: Als Regisseur drehte er hier für Popstar Michael Jackson den Videoclip „Earth Song“. Er war sofort wie elektrisiert und wurde bald zu einem der bekanntesten Tierfotografen.

Die Fotos dieser Seite stammen aus dem Bildband „Quer durch wüstes Land“ (Knesebeck Verlag, 120 Seiten, 68 Euro). Die begleitende Ausstellung läuft noch bis zum 30. November in der Berliner Galerie Camera Work (Kantstraße 149).

ELEFANT, AMBOSELI, 2011

Das ist mein Lieblingselefant – so ein majestätisches Tier, diese fantastischen Stoßzähne. Ein mächtiger Bulle, der leider einen unpassenden Namen trägt: Er heißt Craig. Ein Allerweltsname, wie ich finde, Ulysses würde ihm viel besser stehen. Aber wenn die Forscher im Nationalpark den Tieren ihre Namen geben, sind sie noch klein und niedlich, keiner denkt an den Kerl, der sich daraus entwickelt. Er ist ein toller Elefant, wie er sich mit Dreck bewirft oder mit anderen Bullen rangelt, das ist pure Lebensfreude. Drei Wochen war ich ihm für dieses Bild auf den Fersen. Ich hatte drei Fahrer, die nach ihm suchten und mir per Funk Bescheid gaben, wenn sie ihn fanden. Ich fotografiere ohne starken Zoom, also musste ich ihn an meine Nähe gewöhnen, abwarten, bis er sich in meine Richtung dreht. Niemals habe ich ihn mit Obst oder Brot bestochen, das wäre schlechtes Karma für das Foto. Fünf Meter stand ich für dieses Bild vor ihm. Ein paar Minuten Zeit hatte ich. Das Problem war nicht nur die Distanz, sondern auch das Wetter. Ich hasse Sonnenschein und strahlend blauen Himmel, für meine Fotografien will ich einen nordeuropäisch zugezogenen Himmel haben, allerdings in einer afrikanischen Landschaft. Dieses Bild entstand in der Regenzeit im Juni. Jedes Mal, wenn ich im Nationalpark anrufe, erkundige ich mich nach Craig. Noch lebt er. Ein kleines Wunder: in so einer armen Gegend herumzuwandern mit solch auffallenden Stoßzähnen, die zehntausende Dollar wert sind.

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