Häuser aus Stroh : Da ballt sich was zusammen

Strohballenhäuser gab es in den USA schon in den 1930er Jahren. In Berlin und Brandenburg stehen jetzt die ersten.

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Die Aussparung in der Wand zeigt das Stroh dahinter.
Die Aussparung in der Wand zeigt das Stroh dahinter.Foto: privat

Schimmelt das nicht durch? Brennt das nicht wie Zunder? Knabbern nicht Mäuse die Wand an? Hey, Bauherr, was raschelt im Stroh?

Es sei jetzt nicht gerade schmeichelhaft, sagt Friederike Fuchs, die Architektin, aber besonders schätzten ihre Bauherren im brandenburgischen Liepe, ein paar Kilometer hinter dem Schiffshebewerk Niederfinow, Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, die Vorstellung, dass ihr Haus in unbestimmter Zeit nach ihrem Ableben kompostierbar sein wird. Nicht, dass es bei richtiger Pflege nicht auch die nächsten 100 Jahre hielte – aber der eigene ökologische Fußabdruck, der sei doch um einiges kleiner in so einem Haus aus Ballen von Stroh.

Kay Hoffmann steht in seinem neuen Wohnzimmer, überragt von einem beeindruckenden Lehmofen, und sagt, die größten Überraschungen als Bauherr dieses Hauses waren für ihn nicht statischer oder finanzieller, sondern menschlicher Natur. Er sei eigentlich ein scheuer Mensch von 46 Jahren und habe durch diesen Bau noch einmal eine Persönlichkeitsveränderung erlebt.

Stroh, wenn es „Baustroh“ werden soll, ist langhalmig, kompakt gepresst und trocken. Idealerweise drückt eine Hochdruckpresse den Ballen durch einen 35-auf-50-Presskanal, die Länge schneidet man auf 80 bis 100 Zentimeter ab. Dann werden die Ballen passgenau zwischen ein Holzständergerüst gefacht.

Aber nicht nur die Wände, sagen die Bauherren, alles war anders als bei einem normalen Bau: Der Umgangston auf der Baustelle, die Handwerker, die Rolle des Bauherrn. Keine Lobby drückt ja diesen nachwachsenden Baustoff in den Markt. Kein Vertreter hat am Verkauf ein Interesse, keiner dreht es einem an. Ein Strohballenhaus verdient man sich.

Die meisten Baustellen werden als Seminare angelegt, die Szene ist international und findet sich über die Webseiten der Fachverbände. Freiwillige rücken an, der Bauherr muss sie beherbergen und bekochen und als Lohn nehmen sie allein ihr Wissen mit nach Haus: Wie man die Ballen schneidet, passend macht und mit langen Nadeln so vernäht, dass sie ihre Dichte nicht verlieren. Hinterher spürt man die Arbeit tagelang in den Muskeln.

Kay Hoffmann und seine Partnerin Annette Fink mieteten also im vergangenen Sommer alle Ferienwohnungen im Umkreis. Hoffmann nahm sich zwei Monate frei. Plötzlich sprach der aus Berlin Zugezogene mit allen Dorfbewohnern, die sich wunderten, dass auf dieser Baustelle zu 60 Prozent Frauen arbeiteten. Kaum jemand fluchte. Und das Wunder geschah: Zehn Freiwillige stellten in nur einer Woche den Rohbau hin.

Hauptsächlich emotionale, auch irrationale Gründe beeinflussten ihre Entscheidung fürs Stroh. Hoffmann war durch Zufall auf einen Flyer zum Thema gestoßen. Und Finks Lieblingsgeruch ist Heu. Stroh, findet sie, ist ja so weit davon nicht entfernt. Ihnen wurde klar: Hier geht es um den Erhalt von Wärme, auch atmosphärischer. Der Strohballenbau fördert gesellschaftlichen Zusammenhalt.

In der Kombination dieser Eigenschaften ist es durchaus möglich, sein Haus eher politisch als ästhetisch zu verstehen. Es sind ganz eigene Kategorien, nach denen es als gelungen bezeichnet wird. Die Bauherren vergleichen nicht Fassade, Fenster und Fantasie des Architekten, sondern „innere Werte“: Ökobilanz der Baustoffe, Innenraumklima, die Freiheit von Schadstoffen, die Dampfdurchlässigkeit der Putze und die Dämmeigenschaften der Wand. Die Häuser bekommen sogar die günstigen KfW-Kredite, weil das Stroh so gut isoliert.

Einziges Problem: das extrem wollsockige Image. Dabei ist es eigentlich überhaupt nicht nötig, dass das Haus irgendwie „ökig“ aussieht, sind die Wände einmal verputzt. Das älteste Strohballenhaus Europas von 1921 steht komplett efeuberankt in Montargis, 90 Kilometer vor Paris. Aus dem Grün klappen weiße Fensterläden, und wer es nicht wüsste, vermutete niemals Stroh.

Hauptsache, der Putz ist im Oktober durchgetrocknet, sagt Friederike Fuchs, die Architektin. Deshalb beginnt man mit dem Bau am besten im frühen Sommer. Am Ende wird der Lehmputz „einmassiert“, denn anwerfen darf man ihn nicht: Stroh federt und wirft ihn gleich zurück. Einmal angebracht, absorbiert er im Haus sogar Gerüche und sorgt für ein behagliches Klima.

„Gar nichts raschelt dann mehr,“ sagt Fuchs. Das Stroh ist vollkommen versteckt. Da kann auch nichts mehr brennen. „Der Telefonbuch-Effekt.“ Denn die Ballen sind so kompakt gepresst, dass kein Sauerstoff hineingelangt und die Werte für den Brandschutz hervorragend sind.

Friederike Fuchs hat sich seit 2005 auf ökologisches Bauen spezialisiert. Sie ist auch verantwortlich für das erste Strohballenhaus in Berlin, fertiggestellt 2012: Das Gemeinschaftshaus einer Ökosiedlung in Johannisthal, Treptow-Köpenick, wo ein Bau gelang, der im Vergleich zu allen konventionellen Bauweisen nur gut die Hälfte gekostet hat, weil die Bauherren es schafften, auch andere Baustoffe günstig zu erstehen.

Wer sich jetzt fragt, warum es bei der Summe dieser Vorteile nicht längst mehr dieser Häuser gibt, kann sich die deutsche Bauordnung ansehen. Etwa seit der Jahrtausendwende arbeitet der Fachverband daran, die empirischen Grundlagen für die erforderlichen Tests zusammenzubekommen: Tests in Bezug auf das Brandverhalten, Schimmel, statische Belastbarkeit. Ämter und Versicherungen mussten begutachten. Seit 2007 erst sind Strohballen in Deutschland offiziell als Baustoff anerkannt. Das ist vielen zu „unsicher“.

Etwa 80 Bauten stehen in Deutschland, das Interesse wächst. Im niedersächsischen Verden entsteht ein Haus mit acht Geschossen. Öfter aber melden sich auch klamme Interessenten: Also das Stroh, das hätten sie schon. Leider, muss Fuchs dann sagen, liegt der Anteil des Strohs an der gesamten Bausumme meist nur bei etwa einem halben Prozent. Weil Bauherren dieses Kalibers meist echtes Holz wollen, kein Laminat, und weil sie Heizsysteme mit hohen Anschaffungskosten wählen, die sich erst spät amortisieren.

Wer kennt sie schon, die tollen Vorbilder in Nebraska und in Frankreich? Wer weiß schon, wie flexibel diese Bauten bleiben, wie gut sie halten, was die Architektin verspricht? Tatsächlich, sagt Fuchs, hätten sie bei einem amerikanischen Strohballenhaus aus den 1930er Jahren in Nebraska, wo der Strohballenbau seinen Ursprung hat, unlängst nachträglich ein Fenster gewollt. Da nahmen sie einfach eine Motorsäge und schnitten es hinein – „bei welchem Haus ist das schon möglich?“ Das Stroh war nach über 80 Jahren noch so tadellos, dass sie es den Tieren geben konnten.

Am „Tag der Architektur“, am 29. und 30. Juni, sind beide Häuser geöffnet. Führungen in Berlin am Samstag, in Liepe am Sonntag. Infos unter: www.tag-der-architektur.de und www.fasba.de

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