Handwerkerkurse : Frauen in Leitungspositionen

Schleifen, schrauben, sägen – die Domäne des Mannes? Inzwischen setzen Baumärkte auf weibliche Kundschaft und bieten für sie extra Handwerkerkurse an. Ein Abend zwischen Rohrzangen, Tombola und Sekt.

Mounia Meiborg
Fummelarbeit. Gar nicht so einfach, ein funktionierendes Waschbecken zu installieren.
Fummelarbeit. Gar nicht so einfach, ein funktionierendes Waschbecken zu installieren.Thilo Rückeis

Aus den Lautsprechern tönt Abba. Es gibt rosafarbenen Sekt aus Plastikbechern. Eine stark geschminkte Dame drückt mir einen Zettel für die Tombola in die Hand. Willkommen nachts im Baumarkt. „Guten Abend, liebe Heimwerkerinnen!“ ruft Jan-Dierk Meyer, der Filialleiter. Er steht auf einer Bühne, die bei den Gartenmöbeln aufgebaut ist. Gerade hat er einer älteren Dame mit russischem Akzent die Antwort auf die Preisfrage verraten (Mallorca), jetzt heizt er die Stimmung an: „Die wie vielte Women’s night ist das?“ Eine Frau ruft: „Die vierte!“ Es ist die fünfte.

Vor ein paar Jahren fiel Baumarktketten auf, dass die meisten ihrer Kunden Männer sind. Dass sich Frauen selten zwischen die hohen Regale mit Sechskant- und Senkschrauben verirren. Und wenn doch, dass sie oft frustriert wieder abziehen, weil sie nicht wissen, welche Schraube die richtige ist?

Deshalb bieten Baumärkte jetzt Gratiskurse für Frauen an. Bauhaus nennt das „Women’s night“, Hornbach „Women at Work“, Obi „Hammerfrauen Workshop“. Das Konzept: Die Frauen lernen in einem Abendkurs Löcher bohren, Laminat verlegen oder tapezieren. Zur Belohnung gibt es Drinks, Schnittchen und Präsente.

Ich bin im Bauhaus Spandau. Bohren kann ich einigermaßen, deshalb habe ich mich für den Workshop „Tropfender Wasserhahn? Sanitärprobleme schnell gelöst!“ angemeldet. Zuerst gibt es Sekt. Rund 300 Frauen sind gekommen, einige davon Stammgäste, viele mit Freundin. Zwei ältere Damen begrüßen sich mit den Worten: „Fliesen legen? Ich auch.“ Auf den Plakaten hielten junge Frauen in Karohemd und Latzhose lässig Bohrmaschine oder Schaufel. Karo trägt hier niemand. Stattdessen sehe ich Pullis unter Outdoorjacken, Jeans, Sneakers, dezentes Make-up. Vom ersten Semester bis zur Frührente ist altersmäßig alles dabei.

Herr Meyer stellt die acht Workshopleiter vor, sieben davon sind Männer. „Trockenbau: klingt trocken, ist es aber nicht“, sagt er. Oder: „Diesen Kurs leitet unser allseits beliebter Womanizer.“ Der Womanizer – graue Haare, Brille, Bäuchlein – steht hinter Meyer und hält ein Schild vor sich wie ein Nummerngirl. Zwei Frauen neben mir, beide um die 40, schwärmen vom Baumarkt als Singlebörse. „Da lernst du den Mann in seinem natürlichen Umfeld kennen.“

Endlich stellt sich meine Workshopleiterin vor. Sie ist jung, rot gelockt. „Das Quotengirl“, lästern Frauen neben mir. „Ich möchte Ihnen heute von Frau zu Frau zeigen, wie man selbst Hand anlegen kann – nicht an den Mann“, sagt sie. Alles lacht. Das letzte Wort hat der Filialleiter: „Bevor es losgeht, noch etwas, was für viele Frauen sehr wichtig ist.“ Und er beschreibt den Weg zum Klo.

Wir gehen zu unserem Workshop, die Leiterin mit einem großen Schild vorweg. Damit sich niemand verläuft, haben wir zusätzlich einen Lageplan bekommen. 40 Teilnehmerinnen sind wir, angemeldet hatten sich nur 20. Schnell werden noch ein paar Bänke geholt, dann geht es los. Auch wenn zwischendurch der Sektwagen vorbeikommt: Jetzt wird erst mal gearbeitet.

Zunächst gibt es einfache Tipps: Die normale Höhe für ein Waschbecken beträgt 80 Zentimeter. Bevor man anfängt, bitte kontrollieren, ob alle Teile der Armatur in der Packung sind. Die Leiterin schraubt nun ein Waschbecken an und erklärt die einzelnen Arbeitsschritte. Sie benutzt dabei Wörter, die ich noch nie gehört habe: 19er Maulschlüssel, Wasserpumpenzange, Hebelmischer.

Einige Frauen wollen wissen, seit wann es biegbare Rohre gibt, wie man zwei Waschmaschinen gleichzeitig anschließt und ob die billigen Armaturen mit Plastikteilen schneller kaputtgehen. Mir dämmert: Ich bin im Profikurs gelandet. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, allein ein Waschbecken zu montieren, die anderen schon. Viele haben ein eigenes Haus; Heimwerken ist für sie ein Hobby.

„Frauen brauchen etwas Anleitung, sind dann aber sehr interessiert und stellen viele Fragen“, sagt Filialleiter Jan-Dierk Meyer. Auf die Idee mit der Women’s night kam er wegen der Männer. Die machten in den gemeinsamen Kursen nämlich blöde Sprüche, mehrere Frauen beschwerten sich. „Die Mädels trauen sich viel mehr zu, wenn sie unter sich sind“, sagt Meyer. Er ist stolz, dass seine Filiale viele weibliche Kunden hat. „Wir haben ja auch eine große Tapetenabteilung.“ Er gibt zweimal im Jahr einen fünfstelligen Betrag für die Women’s night aus. Es scheint sich zu lohnen.

Etwa eine Stunde lang erklärt die Leiterin im Sanitärworkshop, wie das Waschbecken, die Armatur und das Abflussrohr befestigt werden. Zwischendurch gibt es Werbung für hauseigene Produkte („14,95 – das ist ein super Preisleistungsverhältnis!“) und am Ende noch eine beruhigende Nachricht für alle: „Im Notfall haben wir auch einen Montageservice.“

Dann dürfen wir selbst ran an die Waschbecken. Ich mache mich mit Gabi und Melanie an die Arbeit. Gabi, 49, schnappt sich die Anleitung, ich hänge mich unters Waschbecken, um die Unterlegscheiben anzuschrauben. Ein ziemliches Gefummel, man sieht ja nichts, so über Kopf. Und anstrengend. Erst tun mir die Beine weh, dann der Nacken.

Immer wenn ich mir ein neues Teil nehme und überlege, wo es hin soll, hat Gabi es auf der anderen Seite schon angeschraubt. Sie hat zwar noch nie ein Waschbecken ausgetauscht. Dafür repariert und montiert sie in ihrem Haus beinahe alles. „Mein Mann pfuscht immer, da mache ich es lieber selbst“, sagt sie. Nur vorm Winkelschleifer mit der scharfen Drehscheibe hat sie Respekt.

Für Gabi ist es schon der achte oder neunte Frauenkurs. Die Women’s night gefällt ihr, nur über die billige Armatur, mit der wir probieren, ärgert sie sich. „14,95, kann ja nicht funktionieren.“ Tatsächlich: Der Hebel für den Abflussstopfen klemmt. Auch bei den anderen Gruppen schließt der Stöpsel nicht richtig. Trotzdem schaffen wir es. Ich weiß jetzt, dass ich nie allein ein Waschbecken montieren möchte. Gabi sagt: „Ich hab’s mir schwerer vorgestellt.“

Ina und Judith, Mitte 30, waren im Kurs „Bohren, dübeln und sägen wie die Profis“. Sie haben gelernt, dass man sich mit einer Bohrmaschine nicht verletzen kann. „Schlimmstenfalls bricht die Bohrspitze ab“, sagt Ina. Sie ist keine Hobbyheimwerkerin, sondern gekommen, weil sie es satt hat, für jedes Loch in der Wand ihren Freund zu fragen.

Das muss sie nun nicht mehr: Sie gewinnt in der Tombola ein Handwerkerset. Als Präsent für alle gibt es noch einen Zollstock, der so groß ist, dass man mit ihm maximal eine Hundehütte (Dackel, nicht Dobermann) vermessen könnte.

Es ist halb zwölf. Nur wenige Frauen laufen durch die Gänge, um das Sortiment in Augenschein zu nehmen. Ein paar Frauen – sehr angeheitert, sehr blond, Mitte 40 – tanzen zu „Girls just wanna have fun“. Die Women’s night, das sei ihr Mädelstreff, erklären sie mir. Dann reden sie wieder über Augenringe und das Älterwerden.

Zu Hause, im Bad, fällt mein Blick sofort auf das Waschbecken. Es hat einen Riss.

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