Hauptstadt von Turkmenistan : Aschgabat - eine Stadt voller bizarrer Architektur

Sie ist das Zentrum eines abgeschotteten, rätselhaften Landes, das vom Erdgas lebt. In Turkmenistans Hauptstadt verwirklicht ein Diktator seine architektonischen Träume. Unser Autor, Architekt und Verleger Philipp Meuser, war dort

Philipp Meuser
Hochzeitspalast: In dem würfelförmigen Bau bekennen sich Mann und Frau zur Ehe. Sechs turkmenische Sterne bilden einen Käfig für die Erdkugel im Zentrum. Der jungen Generation mag der Palast als gesellschaftliche Mahnung dienen, in jungen Jahren mit der Familienplanung zu beginnen – ganz im Sinne des Staates.Alle Bilder anzeigen
Foto: Philipp Meuser
27.05.2015 10:15Hochzeitspalast: In dem würfelförmigen Bau bekennen sich Mann und Frau zur Ehe. Sechs turkmenische Sterne bilden einen Käfig für...

Diese Stadt könnte der Fantasie eines Kinderzimmers entsprungen sein, wo die Jüngsten mit ihren Buntstiften und Bauklötzen Häuser erfinden. Die Boulevards von Aschgabat sind breit, an ihrem Rand stehen weiße Marmorbauten mit bis zu 20 Geschossen. Auf einem Hügel über der turkmenischen Hauptstadt thront der neue Hochzeitspalast, und entlang der Berge zum benachbarten Iran, dem schiitischen Gottesstaat, reihen sich Regierungs- und Verwaltungsbauten. Das Außenministerium ist von einer großen Weltkugel gekrönt, Turkmenistan in glänzendem Gold markiert. Die örtliche Zahnklinik formt einen Backenzahn nach, der im grünen Rasen wurzelt.

Das Teppich- und Pferdemuseum der Stadt dürfte ebenso einzigartig sein wie die beleuchteten Zebrastreifen (die es allerdings nur in der Nähe des Präsidentenpalasts gibt, wo ohnehin kein öffentlicher Verkehr zugelassen ist) und die klimatisierten Bushaltestellen (ebenfalls nur in Sichtweite des Amtssitzes von Präsident Berdimuhamedow).

Aschgabat entwickelte sich im 19. Jahrhundert um einen russischen Militärstützpunkt. Ein schweres Erdbeben zerstörte die Stadt 1948 fast vollständig – danach wurde sie wieder aufgebaut, die entscheidenden Jahre der Umgestaltung waren aber die nach der Unabhängigkeit Turkmenistans von der Sowjetunion 1991.

Unter Präsident Saparmurat Nijasow, der sich „Turkmenbaschi“ (Vater aller Turkmenen) nennen ließ und einen Kult um seine Person etablierte, begann sich Aschgabat in ein baukünstlerisches Panoptikum zu verwandeln. Nijasow prangte auf Geldscheinen und im Logo des Staatsfernsehens, im ganzen Land ließ er Statuen von sich selbst und von seinen Eltern aufstellen, selbst die Monate wurden umbenannt – der Januar nach ihm, der April nach seiner Mutter.

Der plötzliche Tod des Diktators 2006 bedeutete für den abgeschotteten Wüstenstaat, dessen rigide Visa-Politik mit der Nordkoreas vergleichbar ist, keine wesentlichen Änderungen. Nachfolger Gurbanguly Berdimuhamedow gibt sich als „Mann des Volkes“ und als Pferdenarr – die Tiere sind nach Erdgas und Teppichen die Nummer drei auf der Exportliste. Vor knapp zwei Jahren überlebte der Präsident den Sturz bei einem Pferderennen nur mit Glück. Seine Gegner, die aus Ehrfurcht kein Überholmanöver gewagt hatten, konnten einen Bogen um ihn machen. Als die Gäste das Hippodrom verlassen wollten, kontrollierten Ordnungskräfte ihre Mobiltelefone – Videos von dem Ereignis haben es trotzdem auf Youtube geschafft. Politisch blieb Berdimuhamedow zunächst unauffällig. Heute eifert er „Turkmenbaschi“ mit dessen Architektur der Superlative nach.

Umgesetzt werden die Visionen von Baufirmen aus Frankreich und der Türkei. Sie buhlen mit gefälligen Entwürfen um Aufträge, die meist durch Kredite im Gegengeschäft mit Abbau- und Förderrechten für Bodenschätze finanziert ist.

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