Hitlers Tag der Arbeit : Die Mai-Ergreifung

Ein raffinierter Coup: Für Jahrzehnte war der 1. Mai Kampftag der Arbeiter – 1933 wird er zum Nazi-Feiertag. Tags darauf beginnt die Zerschlagung der Gewerkschaften. Aus unserem Archiv.

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Albert Speer fand die Entwürfe für die Maifeier auf dem Tempelhofer Feld nicht gigantisch genug und entwarf die Riesenfahnen. Damit begann seine Karriere als Monumentalarchitekt im Dienst der Nazis. Fotos: pa/akg-images (2), bpk/Heinrich Hoffmann, bpk/Kunstbibliothek, pa/KPA
Albert Speer fand die Entwürfe für die Maifeier auf dem Tempelhofer Feld nicht gigantisch genug und entwarf die Riesenfahnen....Foto: picture-alliance / akg-images

Montag, der 1. Mai 1933 versprach für Berlin ein schöner Tag zu werden. Joseph Goebbels notierte zufrieden in seinem Tagebuch: „Gestern drohte noch Regen, heute strahlt die Sonne. Richtiges Hitlerwetter! Nun wird alles zum Besten verlaufen.“ Goebbels stand seit wenigen Wochen an der Spitze des neu geschaffenen Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda und war zuständig für die Inszenierung von Großereignissen.

Das galt für die Reichsparteitage, aber auch für Erntedankfeste, den jährlichen Gedenkmarsch am 9. November und andere Massenaufmärsche, ganz besonders aber für den 1. Mai, der in der Vergangenheit der „Kampftag der Arbeiterklasse“ gewesen war. Wollten die Nationalsozialisten den nunmehr von ihnen beherrschten Staat als Volksgemeinschaft erscheinen lassen, in der Klassengegensätze angeblich der Vergangenheit angehörten, dann kam den Arbeitern eine zentrale Bedeutung zu.

Bis zuletzt hatte die NSDAP in der Arbeiterschaft, die nach wie vor die größte Bevölkerungsgruppe stellte, nur unterdurchschnittliche Zustimmung gefunden. Noch bei den letzten halbwegs freien Reichstagswahlen am 5. März 1933, als Hitler bereits Reichskanzler war, erreichte die NSDAP in Berlin 31,3 Prozent der Stimmen, während die SPD auf 22,5 und die KPD auf 30,1 Prozent kam, so dass die beiden Arbeiterparteien elf Abgeordnete in den Reichstag entsandten, die Nationalsozialisten dagegen nur sechs.

Wer am 1. Mai mit einer roten Krawatte erschien, riskierte seinen Job

Der 1. Mai hatte eine lange Tradition. Als am 14. Juli 1889 die Vertreter der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften aus zahlreichen Ländern in Paris zusammenkamen, um den 100. Jahrestag des Sturms auf die Bastille zu feiern, übernahmen sie eine Idee des amerikanischen Arbeiterbundes. Der hatte im Kampf um den Achtstundentag am 1. Mai 1886 erstmals einen großen Streik organisiert. In Deutschland war gerade erst das gegen die SPD gerichtete Sozialistengesetz ausgelaufen und die Unternehmer drohten Arbeitern, die der Arbeit fernblieben, mit Aussperrung, Entlassung und schwarzen Listen. Um die Obrigkeit nicht zu provozieren, wurden deshalb die Maifeiern zum Teil auf den ersten Sonntag im Mai verlegt. Auch in folgenden Jahren blieb das Datum umkämpft. Selbst wer am 1. Mai mit einer roten Krawatte zur Arbeit erschien, musste mit Entlassung rechnen.

In Deutschland wurde der 1. Mai 1919 zum ersten und vorerst letzten Mal Feiertag. Arbeiter, die dem Aufruf zu den Kundgebungen folgen wollten, mussten auch in der Weimarer Republik entweder freinehmen oder auf ihren Lohn für diesen Tag verzichten. In den letzten Jahren der ersten deutschen Demokratie wurden die Demonstrationen am 1. Mai zusätzlich von der politischen Feindschaft der beiden Arbeiterparteien SPD und KPD überschattet. Einen traurigen Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen 1929 in Berlin beim sogenannten „Blutmai“, als bei Konfrontationen mit der sozialdemokratisch geführten Polizei mehr als 30 kommunistische Demonstranten starben. In den letzten Jahren der Weimarer Republik riefen SPD und KPD zu getrennten Demonstrationen am 1. Mai auf.

Am 2. Mai wurden Gewerkschaftseinrichtungen besetzt, hier eine Arbeiterbank.
Am 2. Mai wurden Gewerkschaftseinrichtungen besetzt, hier eine Arbeiterbank.Foto: picture alliance / akg-images

Adolf Hitler hatte den Deutschen jahrelang eingehämmert, ihre soziale Not sei ein Resultat ihrer politischen Zerrissenheit. Hier sah er eine ideale Gelegenheit, in der Rolle desjenigen aufzutreten, der als Kanzler einer „nationalen Regierung“ das Land zu einen versprach. Am 10. April 1933 wurde ein Gesetz verabschiedet, das den 1. Mai zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ machte. Das war sehr geschickt: Was Sozialdemokraten und Gewerkschaften jahrzehntelang nicht gelungen war, setzte Hitler mit einem Federstrich um und entwand der Arbeiterbewegung zugleich ihren Tag, indem er ihm einen völlig anderen Sinn gab.

1933 führten nicht die Gewerkschaften Regie, sondern Joseph Goebbel

Immerhin war 1933 noch von Arbeit in Zusammenhang mit dem neuen Feiertag die Rede. Nur ein Jahr später legte ein neues „Gesetz über die Feiertage“ in Paragraf 1 fest: „Der nationale Feiertag des deutschen Volkes ist der 1. Mai.“ Nunmehr war die Deutungshoheit über den „Kampftag der Arbeiterklasse“ endgültig auf den nationalsozialistischen Staat übergegangen.

Am 1. Mai 1933 führten nicht die Gewerkschaften Regie, sondern Joseph Goebbels. Lange Zeit, so hieß es im Festtagsprogramm des Propagandaministeriums, habe der Marxismus den Tag für „volkszerstörende Klassenkampfhetze“ missbraucht. Jetzt gehe es darum, „die Millionenarmee der Soldaten der Arbeit so zu ehren, wie sie und ihr schweres Werk es verdienen“. Die Arbeiter waren nicht länger Subjekte sozialpolitischer Forderungen, sie wurden vielmehr von der Nation als Soldaten der Arbeit in die Pflicht genommen.

Ganz Berlin wurde mit Fahnen, Girlanden und Transparenten geschmückt. „Wir wollen gemeinsam arbeiten und aufbauen“, hieß es auf einem Transparent über der Friedrichstraße. Schon früh am Morgen marschierten Formationen von Jugendlichen aus allen Bezirken zum Lustgarten im Zentrum. Dort begann um 9 Uhr die „gewaltigste Jugendkundgebung, die Berlin je gesehen hat“, wie es in einer zeitgenössischen Darstellung hieß. 1200 Sänger wurden aufgeboten, um „Deutschland, du mein Vaterland“ zu singen. Goebbels sprach zu hunderttausenden Jugendlichen.

Währenddessen erreichte der Wagen mit Hitler und Hindenburg die Kundgebung. Der Reichskanzler wollte dem Reichspräsidenten die Begeisterung der Jugend für den neuen deutschen Staat vor Augen führen. Hindenburg war der Repräsentant einer vergangenen Epoche, dessen großes Ansehen sich Hitler erneut zunutze machen wollte.

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