Hollywood-Star Martin Sheen : „Mein Ziel: Pro Lebensjahr eine Verhaftung“

Politische Demonstrationen besucht Martin Sheen gern – da gibt’s was zu lachen. Seine Filme dagegen findet er meist schrecklich. Und um Martin Luther King anzusprechen, war er zu schüchtern.

Marco Schmidt
Martin Sheen.
Martin Sheen.Foto: dpa

Mr. Sheen, wissen Sie noch, wann Sie vom Schauspiel-Virus infiziert wurden?

Es mag seltsam klingen, aber ich habe mich zeit meines Lebens immer als Schauspieler gefühlt. Schon als sechsjähriger Knirps dachte ich im Kino: „Ich gehöre zu denen da oben auf der Leinwand.“ Ein Mysterium! Damals hatte ich natürlich keinen blassen Schimmer von der Schauspielerei, aber ich wusste instinktiv, dass dies der Schlüssel zu meinem Glück sein würde. Und als Jugendlicher war mir klar: Nach dem Schulabschluss ziehe ich von Ohio nach New York und verfolge meinen Traum.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?
Meine Mutter war da schon tot. Und mein Vater war strikt dagegen. Wissen Sie, ich bin das siebte von zehn Kindern, und bei meiner Geburt ging etwas schief – von daher habe ich einen verkrüppelten, verkürzten linken Arm, den ich nur sehr eingeschränkt bewegen kann. Darum traute mir mein Vater nicht zu, mit körperlicher Arbeit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er meinte, ich müsste stattdessen mein Hirn benutzen und studieren. Er hatte jahrelang gespart, um mir mein Studium zu finanzieren.

Stimmt das Gerücht, dass Sie die Uni-Aufnahmeprüfung absichtlich vermasselt haben?
Ja. Mit 3 von 100 möglichen Punkten halte ich bis heute den Rekord der Universität von Dayton für das schlechteste Testergebnis aller Zeiten. Der Rektor verriet meinem Vater, dass selbst ein debiler Affe mit Boxhandschuhen eine höhere Punktzahl erzielt hätte. Mein Vater hat die Botschaft verstanden. Als ich ihm versicherte, ich würde mich mit Leib und Seele meinem Berufsziel widmen, gab er mir seinen Segen.

Sie haben es geschafft und mit vielen berühmten Regisseuren gearbeitet: Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Steven Spielberg, Oliver Stone … Mit wem würden Sie am liebsten noch einmal drehen?
Mit Martin Scorsese. Er hat eine reizende, entwaffnende Art – und er liebt seine Schauspieler auf eine Weise, wie ich es nie wieder bei einem anderen Regisseur erlebt habe.

Sie hatten das Aussehen, die Leinwandpräsenz und das Charisma für klassische Heldenrollen. Stattdessen haben Sie vorwiegend in kleinen, kommerziell weniger erfolgreichen Filmen mitgespielt. War das eine bewusste Entscheidung?
Nein. Ich war immer miserabel darin, mich zu verkaufen. Ich bin extrem schüchtern, gehe nie auf Partys und schon gar nicht aktiv auf Leute zu. Ich dachte: „Wenn du gute Arbeit leistest, dann wird das registriert, und du bekommst tolle neue Aufträge.“ Das hat leider nicht so richtig geklappt. Die attraktiven Angebote blieben aus. Ich musste nehmen, was kam, und das war meist ziemlicher Mist.

Bereuen Sie es, manche Filme gedreht zu haben?
Manche? Die allermeisten! Geben wir es ruhig zu: Die meisten meiner Filme sind schrecklich. Ich habe sie nur wegen des Geldes gedreht. Schließlich musste ich eine Familie mit vier Kindern ernähren. Jahrelang konnten wir uns in New York keine anständige Wohnung leisten; wir hatten kein Auto, nichts Ordentliches zum Anziehen und nicht genug zu essen. Ich war oft arbeitslos und durfte nur hier und da mal im Fernsehen auftreten. Insgesamt gibt es vielleicht ein Dutzend Filme in meiner Karriere, auf die ich stolz sein kann.

Welcher ist Ihnen der liebste?

„Dein Weg“. 2003 pilgerte ich mit meinem Enkelsohn Taylor auf dem Jakobsweg von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela. Bei unserer Übernachtung in einer Pilgerherberge in Burgos lernte er die Frau seines Lebens kennen – die Tochter der Wirtsleute! Er heiratete sie und blieb in Burgos. Sein Vater, mein Sohn Emilio, ließ sich davon zu „Dein Weg“ inspirieren: eine Vater-Sohn-Geschichte, die er extra für mich geschrieben hat. Wir haben den Film selbst finanziert und dafür sogar Hypotheken aufgenommen. Ein zutiefst persönlicher, berührender, spiritueller Film, wie ich finde.

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