"Ich + Ich"-Sänger Adel Tawil : Meine  Lieder

Adel Tawil kennt man vom Pop-Duo „Ich + Ich“. Da macht er Musik mit Annette Humpe. Nun bringt der Berliner seine erste Soloplatte heraus. Hier erzählt er von Songs, die sein Leben prägten.

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Foto: Schneider-Press

MARIA DURCH EIN’ DORNWALD GING

Das Adventslied erinnert mich an ein krasses Erlebnis meiner Schulzeit. Weil ich vor dem Stimmbruch eine ziemlich hohe Stimme hatte, sang ich ab der dritten Klasse im Chor der Hermann- Löns-Grundschule in Siemensstadt. Jedes Jahr veranstaltete sie eine Weihnachtsfeier in einer Kirche. Der Chor sang von der Balustrade, die Menschen saßen mit dem Rücken zu uns auf den Bänken. Nur: Ich hatte noch nie zuvor eine Kirche von innen gesehen, meine Eltern sind Muslime. Als ich endlich das erste Mal darin stand, sah ich einen toten Mann an der Decke. Und zwar eine sehr lebensechte Abbildung von Jesus, keine moderne Interpretation, das Blut strömte an ihm herunter. Ich bin auf der Stelle umgekippt. Eine Lehrerin musste mich beruhigen, sie erklärte mir kurz die Geschichte von Jesus. Nach einer langen Schrecksekunde fasste ich mich wieder. Herr Behm, unser Musiklehrer, gab mit der Stimmgabel den Ton vor, ich sang „Maria durch ein’ Dornwald ging“, dann setzten die vier Klassen ein, da-da-da-da. Eine mächtige Nummer, bei der ich zum ersten Mal die Kraft von Liedern gespürt habe. Zum ersten Mal zeichnete sich ab, ich kann singen. Das war meine Feuertaufe.

PRINCE: PURPLE RAIN

Der Song bedeutet mir unfassbar viel, obwohl ich mich in den 80er Jahren auf die Seite von Michael Jackson geschlagen habe, wenn es hieß: Wer ist besser – Prince oder Michael? „Purple Rain“ erinnert mich an die ersten Partys Ende der 80er Jahre, da war ich 13, der Song war gar nicht mehr aktuell, lief aber noch auf Feten. Ich erinnere mich, wir waren eingeladen in das Riesenhaus von einem blonden Mädel, der süßen Janine. Die Eltern hatten einen Partykeller, darin war ein Teppich ausgelegt, auf dem wir tanzten. Dann fängt dieser Beat an, der Hall dröhnt auf der Stimme von Prince, alles wird dunkel, wir sehen uns kaum noch. Diese Überwindung, jetzt zu Janine zu gehen: Tanzt du mit mir? Ich schnapp sie mir, wir sind ganz eng beieinander, sie riecht so gut nach einer Creme, kein Parfüm. Was erwartet sie? Was soll ich tun? Ihr mehr Platz geben oder dichter rangehen? Alles in meinem Körper ist Feuerwerk. Wenn Prince am Ende abgeht, völlig in der Ekstase, ich als Jugendlicher mitten in der Pubertät. Das war wie Sex. Janine habe ich danach ein paar Mal getroffen, aber nach der sechsten Klasse ist sie auf eine andere Schule gegangen – und ich habe sie nie wieder gesehen.

EMF: UNBELIEVABLE

Mit 14 begann ich mich für Skateboards zu interessieren. Am Ku’damm habe ich mein erstes Board gekauft, eines mit dem Logo des 49ers-Footballteams aus San Francisco drauf. Dazu zog ich Hosen von Division an, das war eine Marke, die bei Skatern wahnsinnig beliebt war. Weite Shorts oder bunte Schlapphosen, die psychedelische oder Karomuster hatten und manchmal wie geflickt aussahen. Dazu trugen wir Sneakers: natürlich Airwalks mit der Schnalle vorne. Das war unsere Uniform. In Spandau gab es den Steig, ein Jugendfreizeitheim mit Skater-Rampen und Halfpipes, richtig gut gemacht. Nach der Schule bin ich so oft es ging hin, und unzählige Male haben wir dabei „Unbelievable“ gehört. Rave-Proll-Musik, so hat das neulich jemand genannt. Fand ich nicht. Ich dachte, das ist Musik, die in die Zukunft weist: Tanzmusik mit Gitarrenriffs.

ADVANCED CHEMISTRY: FREMD IM EIGENEN LAND

Dann erschien 1992 diese Nummer, bei der ich auf die Knie gegangen bin. Ich kannte Hip-Hop natürlich aus den USA, aber diese Härte auf Deutsch zu hören, das befreite mich. Die Jungs sprachen mir aus der Seele: „Ich habe einen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf, das ist der Grund, warum ich mir jetzt die Haare rauf’.“ Die Einstellung hat mir imponiert. Es ging nicht mehr darum, festzustellen, warum ich Ausländer bin, sondern zu sagen, dass ich hier geboren bin. Das war das erste Mal, dass sich für mich der Blickwinkel änderte. Meine Eltern hatten mir eingebläut: „Du bist ein Ausländer, in der Schule musst du besser als der Deutsche sein, sonst bekommt der einen Job – und du nicht!“ Dieses Stück zeigte mir in aller Klarheit: Ich bin Deutscher, Berliner und in der Stadt verwurzelt. Das war mein Einstieg in den Hip-Hop.

BOYZ II MEN: END OF THE ROAD

Mitte der 90er Jahre wurde ich ruhiger, die Skater-Phase ging vorüber. Ich sang eine Zeit lang in einer lustigen Cover-Band, fünf Koreaner und ich mit meinem riesigen Afro spielten den Polit-Rap von Rage Against the Machine nach. Öfter ging ich nun auf Partys, Mädchen wurden wichtiger, und ich merkte, Rappen war keine Herzensangelegenheit mehr. Zu dieser Zeit entdeckte ich diesen modernen amerikanischen Soul von Boyz II Men und habe das sofort nachgesungen. Völlig größenwahnsinnig von mir, die waren ja fantastische Sänger in der Band, das Lied hatte die heftigsten Gesangsbögen. Es war aber die Scheibe, die am besten bei den Mädchen gezogen hat. Inhaltlich passte der Titel, weil ich mich wie in einer Sackgasse fühlte. Rap funktionierte bei mir nicht, mit Hip-Hop ging es nicht mehr weiter, mit der Band hatte es nur ein paar Auftritte gegeben. Musikalisch schien ich am Ende der Straße angelangt. Ich war ein Loser. Das hat mir dieses Lied noch mal deutlich vor Augen geführt.

THE BOYZ: ONE MINUTE

Eine Weile bin ich auf Talentshows in der Universal Music Hall in Moabit aufgetreten, auf der mich Musikproduzenten entdeckten. Sie wollten mich als Sänger in eine Boyband stecken. Fand ich doof. Teenie-Band klang nach Take That, nach allem, was ich verabscheute. Sie köderten mich schließlich damit, dass ich entscheiden könne, wer in der Band mitmachen, was wir spielen würden. Als ich 1996 in The Boyz einstieg, war bald klar, dass die Produzenten das Heft nicht aus der Hand gaben. Wenn wir fünf Jungs Geld wollten, hieß es, wir sollten dankbar sein, mit ihnen arbeiten zu dürfen. Ich habe damals schon Lieder geschrieben, darunter „One Minute“. Am Anfang triefte das Album von The Boyz vor Schmalz. Diese Nummer wollte ich unbedingt auf der Platte haben, weil die ein bisschen düsterer war – der Text handelte von Drogen und nicht von ewiger Liebe. Am Ende wurde es der größte Hit. Und ich habe erst recht gemerkt, wie ich abgezogen wurde. Die Produzenten haben sich als Texter mit hineingeschrieben. 300 000 Mal hat sich das Album verkauft, Goldene Schallplatte, da kamen mir schon die Tränen. Ich sagte mir: Ich kann was, muss nur am Ball bleiben und mit den Produzenten auf Augenhöhe reden. Das wollte natürlich niemand. 1999 hat sich The Boyz schließlich aufgelöst.

DAVID BOWIE: HEROES

Dieser Song markiert für mich den Übergang vom einfachen Musikkonsum zum bewussten Hören. Ein Bowie-Album kannst du nicht einfach nebenher laufen lassen, das legt niemand auf einer Party auf, damit die Leute abfeiern können. Als Jugendlicher fand ich ihn deshalb zu künstlerisch, ein bisschen drüber, mal tritt der Typ im Weltraumkostüm auf, mal im schicken Anzug. Er war für mich nicht greifbar – was ich heute sehr an ihm schätze. „Heroes“ finde ich toll, weil es sehr ungewöhnliche Harmonien hat, es ist kein leicht konsumierbares Lied, brennt sich aber in deinen Kopf ein. Bowie driftet nie in die Avantgarde ab. Mir ist der Song auch wichtig, weil er in den Berliner Hansa-Studios aufgenommen wurde – und ich einige Male dort zu Besuch war, als ich mich für die aktuelle Platte vorbereitet habe. So ein Riesentyp kommt in den 70er Jahren nach Berlin, um hier Musik zu machen. Das imponiert mir. Ich habe mich oft mit meiner Ich+Ich-Partnerin Annette Humpe über diese Zeit unterhalten, die sie selbst miterlebt hat. Sie erzählte mir von den vielen jungen Männern auf dieser Insel mitten im Osten, die der Bundeswehr entfliehen wollten; und wie sich daraus eine spezielle Szene entwickelte. Als Kind in Siemensstadt habe ich davon nichts mitbekommen. Erst in den 90er Jahren entwickelte ich ein Bewusstsein dafür. Vor ein paar Jahren hörte ich von einem meiner besten Kumpels, dass in seiner Kindheit oft Busse vor der Haustür gehalten, dass wildfremde Menschen an seiner Tür geklingelt haben, um die Wohnung von innen zu sehen, und wie das die Eltern genervt hat. Er ist in der Hauptstraße aufgewachsen – und zwar in David Bowies Wohnung.

BOB DYLAN: LIKE A ROLLING STONE

Den Song verbinde ich mit Annette Humpe. Sie hat mir das Lied vorgespielt, als wir uns vor ein paar Jahren beschnuppert haben, um über Ich+Ich zu reden. Wir tranken Rotwein bei ihr zu Hause, sie spielte mir Rio Reiser, Albumtracks von den Beatles und eben dieses Lied vor. Ich hatte das noch nie gehört. Und musste mich ein wenig über meine Eltern ärgern. Die hatten zwar gute Platten zu Hause, James Brown, Marvin Gaye, arabische Musik, aber nie weiße Musiker. Was schade ist: Man darf solche Songs nicht vergessen. Als mir Annette den Song vorspielte, bin ich durchgedreht. Wie der Typ singt! Das war ehrlich, unfassbar kraftvoll. Ihm ging es nicht um schöne Melodiebögen und genau getroffene Töne. Er nörgelt ein bisschen. Damit würde er bei Castingshows im Fernsehen nicht weiterkommen. Den würde Bohlen direkt wieder nach Hause schicken. Mich hat Dylan seitdem als Sänger fasziniert, ich haushalte genauso wie er mit meiner Kraft, versuche nicht, jeden schiefen Ton geradezurücken. Ich war später mal mit Annette auf einem Bob-Dylan-Konzert in der Arena. Er hat sich fast die ganze Zeit mit dem Rücken zum Publikum gestellt, aber ich habe Annette selten so abtanzen sehen.

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