Ilke Wyludda im Interview : „Ich habe zwei Löwen, mit denen ich rede“

Ilke Wyludda gewann 1996 im Diskuswerfen Olympisches Gold. 2010 verlor sie ein Bein. Nun hat sie für Rio trainiert – für die Paralympics. Einblicke in ein Sportlerherz.

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Ilke Wyludda bei den London Paralympics 2012
Ilke Wyludda bei den London Paralympics 2012Foto: dpa

In der Turnhalle wärmen sich junge Athletinnen auf, daneben schleudert ein junger Olympionike einen Diskus ins Netz. Hier im Leistungszentrum Kienbaum hat die DDR ihre WM- und Olympiasieger trainiert, hier
bringen sich noch immer deutsche Spitzensportler in Form. Am Rand der Halle steht Ralf Otto, Landestrainer Paralympics, und kommentiert die Technik seiner Kugelstoßerin. Ilke Wyludda, 47 Jahre alt, ist auf einem metallenen Podest fixiert, bei den Stößen hält sie die Kugel seitlich an ihren Hals, biegt ihren Körper weit nach hinten, bis fast in die Waagrechte, schnellt dann wieder hoch und schleudert die Kugel von sich. Die Ärztin Wyludda hat nur noch ein Bein, das andere wurde 2010 nach einer Infektion oberhalb des Knies amputiert. Im August wollte sie in Rio bei den Paralympischen Spielen 2016 im Kugelstoßen antreten. Sie galt als eine der Favoritinnen, denn: In den neunziger Jahren gehörte sie zur Weltspitze einer verwandten Sportart, dem Diskuswurf. 1990 und 94 gewann sie die Europameisterschaft, 1991 und 95 Platz zwei bei der Weltmeisterschaft. Dann, 1996, holte sie in Atlanta Olympisches Gold. Ihr Ziel: in Rio Gold zu gewinnen und die erste Athletin zu werden, die sowohl Olympisches als auch Paralympisches Gold erringt.Ist das ihr Ziel? „Natürlich will ich gewinnen“, sagt Wyludda im Interview – nüchtern, direkt und beherrscht, wie immer. Eine akute Schulterverletzung verhinderte das.

Frau Wyludda, während Ihrer Karriere als Leistungssportlerin wurden Sie zehn Mal an der Achillessehne operiert. Sie rissen sich die Kreuzbänder und den Brustmuskel, wurden als Schmerzensfrau der deutschen Leichtathletik bezeichnet. Sie müssen viel gelitten haben.

Nein. Wer leidet, kann sich nicht auf sein Ziel konzentrieren. Für mich war der Schmerz immer ein Begleiter. Ich habe gelernt, mit ihm umzugehen.

Sie reden von Masochismus.

Um meine Leistung vorwärtszutreiben, muss ich meinem Körper neue Reize geben. Das kann ich nur, wenn ich statt 80 Prozent mal 100 Prozent oder 102 Prozent gebe. Es ist die Kunst des Leistungssportlers, das zu beherrschen und zu steuern. Wenn ich etwa Rückenmuskeltraining mache, und das tut nicht weh, die Muskeln arbeiten nicht bis ins Letzte, schreien nach Sauerstoff, dann habe ich nicht genug getan. Aber wenn ich meine Grenzen neu ausgelotet habe, bin ich glücklich.

Hatten Sie je das Gefühl, zu weit gegangen zu sein?

Nein.

Kann man zu weit gehen?

Natürlich. Wie viele haben aus gesundheitlichen Gründen ihre Karriere abbrechen müssen? Ich habe mein Maß immer gekannt. Wenn sich die Qualität des Schmerzes verändert hat und er mir sagte, dass etwas kaputtgeht, dann habe ich aufgehört.

Dennoch haben Sie viele Verletzungen in Kauf genommen.

Sport auf meinem Niveau ist kein Gesundheitssport. Leistungssport ist harte Arbeit, ist Geldverdienen. Leistungssport heißt mit dem Körper etwas bringen. Fragen Sie mal einen Bergarbeiter oder eine Krankenschwester, wie es nach 20 Jahren bei denen aussieht. Da ist das nicht anders.

Ilke Wyludda
Ilke WyluddaFoto: Thilo Rückeis

Als Sie 1998 in Budapest zum Dopingtest mussten, gaben Sie 63 zugelassene Medikamente an, die Sie zu diesem Zeitpunkt nahmen.

Das war natürlich in den Medien ein Riesenthema. In Wirklichkeit waren unter diesen 63 Präparaten etwa Vitamin C und D. Weil ich nicht wusste, wie zwei dopingfreie Mittel im Körper miteinander reagieren, habe ich einfach alles angegeben, was unter die Rubrik Zusatzernährung fällt.

2001 hörten Sie mit dem Hochleistungssport auf. 2003 zogen Sie sich bei einem Treppensturz eine Verletzung zu, die später zu Knocheninfektion und Amputation führte. Als klar war, dass Sie sterben könnten: Wie lange haben Sie gezögert, der Amputation zuzustimmen?

Das Bein wollte einfach nicht heilen. 2010 hatte ich wieder eine OP und eine schwere Blutvergiftung. Die Ärzte versetzten mich ins künstliche Koma. Sie wussten, dass das Bein amputiert werden muss, wollten die Entscheidung aber mir überlassen. Als die Blutvergiftung im Griff war, holten sie mich aus dem Koma. Wenn Sie derart auf Messers Schneide stehen und nicht wissen, ob Sie noch mal eine OP überleben würden, treffen Sie so einen Entschluss relativ schnell.

Waren Sie dankbar, dass Sie die Wahl hatten?

Ja. Damit war es meine Sache. Das macht es einfacher, die Konsequenzen zu akzeptieren.

Sind die Schmerzen heute andere als früher?

Seit der Amputation habe ich Phantomschmerzen. Mir tut der rechte Fuß weh.

Wie muss man sich das vorstellen – er ist doch weg?

Der Nerv, der für den Fuß verantwortlich ist, wurde abgeschnitten. Wie ein elektrischer Draht, der jetzt blank liegt. Er bekommt an der Abschnittsstelle elektrische Impulse und denkt, dass der Auslöser im Fuß liegt. Der Schmerz ist tatsächlich da – er ist nur fehlgesteuert. Wenn er schlimm wird, versuche ich den Fuß zu bewegen. Das geht zwar faktisch nicht, im Kopf habe ich trotzdem das Gefühl, dass ich es mache.

Von Ihnen kommt kein Jammern und kein Klagen. Ihr Trainer Ralf Otto sagt: „Die Ilke macht einfach.“ Gibt es Momente, in denen Sie mit dem Schicksal hadern?

Was bringt mir das? Was bringt mir Hadern? Es hört einem sowieso keiner zu, wenn man jammert.

Noch während Ihrer aktiven Sportlerzeit hatten Sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin absolviert. Nach Ihrem Ausstieg folgte ein Medizinstudium. Jetzt, im Krankenhaus, arbeiten Sie in der Rehabilitationsmedizin viel mit Schmerzpatienten. Was geben Sie denen mit?

Einem normalen Arzt glauben die nicht, wenn er sagt: Ich kenne diesen Schmerz. Mir glauben sie. Weil sie sehen, dass ich weiß, wovon ich spreche, und dass ich den Schmerz bewältigen kann.

Dennoch hört sich das alles ziemlich belastend an. Wann haben Sie das letzte Mal herzlich gelacht?

Wer nicht mindestens einmal am Tag richtig lacht, der lebt nicht. Gestern zum Beispiel hat mir meine Mutti erzählt, wie sich meine Möpse – also meine vierbeinigen Möpse – mal wieder verhalten haben. Sehen Sie, Sie lachen! Die beiden hatten ihre fünf Minuten, haben rumgetobt und sich gegenseitig geneckt. Das fand ich ziemlich komisch.

Erstaunlich, dass Sie für die Hunde noch Zeit finden. Ihren normalen Tag beschrieben Sie einmal so: 4.30 Uhr klingelt der Wecker, sieben Uhr auf Arbeit, 16 Uhr Feierabend, nach der Arbeit und am Sonnabendvormittag wird trainiert. Brauchen Sie Stress?

Dafür habe ich keine Familie. Das ist mein Leben, und so macht es mir Spaß.

Ilke Wyludda beendete 2002 in Chemnitz nach 20 Jahren Leistungssport ihre Karriere.
Ilke Wyludda beendete 2002 in Chemnitz nach 20 Jahren Leistungssport ihre Karriere.Foto: Uwe Meinhold/ddp

Bei Ihrem Lebenslauf fragt man sich: Woher kommt dieser Ehrgeiz? Sie waren Juniorenwunderkind, 1996 in Atlanta Olympiasiegerin. Dann Physiotherapieausbildung, eine eigene Praxis, Medizinstudium.

Der Sport hat mich gelehrt, wichtige Dinge von unwichtigen zu unterscheiden. Er hat mir Disziplin beigebracht.

Sie haben mit dem Leistungssport wieder begonnen, um Ihren Alltag zu bewältigen. Sie sagen, er tue Ihnen gut. Wie war das in Ihrer Zeit ohne den Sport?

Anfangs hatte ich das Medizinstudium, darauf war mein Fokus. Als ich anfing, als Anästhesistin zu arbeiten, merkte ich, wie fordernd das ist. Ich musste stundenlang im OP stehen und von null auf hundert kommen, wenn plötzlich etwas passierte. Denn dann ist es dringend, dann hängt das Leben des Patienten am seidenen Faden. Das ist das, woran viele Anästhesisten kaputtgehen.

Hätte Gesundheitssport nicht gereicht, um einen Ausgleich zu finden?

Ich bin ’ne faule Sau. Ich gehe nicht in ein Fitnessstudio und mache meine Übungen. Ich brauche jemanden, der da ist, der auf mich wartet, sodass ich eine Verpflichtung habe, zum Training zu gehen

Ihr Trainer sagt, Sie würden es nicht überleben, keinen Sport zu machen.

Mir würde es dreckiger gehen. Durch den Sport bewege ich meine Gelenke, die Muskulatur wird stabilisiert. Und psychisch bringt mir dieses Regelmäßige, diese Forderung, diese Konzentration viel.

Sie haben in der dritten Klasse mit Schulsport angefangen, in der vierten sind Sie ins Trainingszentrum gekommen. Was hat Sie als Kind daran gereizt?

Ich war ein Hansdampf in allen Gassen, hatte einen enormen Bewegungsdrang und wollte als Kind schon immer gewinnen. Werfer zu werden ist zwar nicht das, was sich alle kleinen Mädchen wünschen, doch mit dem Erfolg kam der Spaß daran. Und der Erfolg kam schnell. An meiner ersten Europameisterschaft habe ich mit 16 teilgenommen.

Da gewannen Sie den Titel im Diskuswerfen und im Kugelstoßen die Silbermedaille. Dafür kam doch sicher vieles zu kurz. Familie, Freunde, die normale Jugend …

… was ist eine normale Jugend? Auf der Straße abhängen oder jeden Abend in die Disko gehen? Für mich war meine Jugend eine normale Jugend.

Früher hatten Sie als Maskottchen einen Stoffbären beim Wettkampf dabei. Sie sagten, er schimpfe mit Ihnen, wenn Sie etwas nicht gut machten. Sie waren 25 Jahre alt. Haben Sie versucht, sich damit Kindlichkeit zu bewahren?

Das hat damit nichts zu tun. Mit so einem Maskottchen kann man während des Wettkampfes reden, um sich selber zu analysieren. Wenn ich jemandem meine Fehler erzähle, mache ich sie mir bewusst und kann sie so abstellen

Haben Sie den Stoffbären immer noch?

Der ist mir leider verloren gegangen. Ich habe aber noch zwei Löwen aus der Zeit, die ihre Arbeit machen und immer dabei sind.

In den 90er Jahren wurden Ihnen schwache Nerven nachgesagt. Damals arbeiteten Sie mit Ihrer langjährigen Betreuerin Christa Wegener mehrmals wöchentlich an der Stabilisierung Ihrer Psyche.

Wir waren nur die Vorreiter von dem, was heute alle Sportler machen: psychische Wettkampfanalyse, Gegneranalyse. Wie spiele ich mit den Konkurrenten? Welche Selbstsicherheit bringe ich rüber, auch wenn ich sie nicht unbedingt habe?

Wie konnte das aussehen?

Zum Beispiel den Einwurfplatz spielerisch tänzelnd entlanglaufen, sich unbeschwert die Schuhe zuschmeißen, so wirken, als könnte man Zäune umrennen. Das verunsichert den Gegner.

Diese psychische Wettkampftaktik wurde skeptisch beobachtet.

Das war mir egal. Der Erfolg heiligt die Mittel.

Ilke Wyludda bei den Paralympics in London 2012
Ilke Wyludda bei den Paralympics in London 2012Foto: dpa

Wurde nach der Wende an Ihren vorherigen Leistungen gezweifelt, angesichts von Dopingskandalen im DDR-Staatssport?

Viele haben uns unterstellt, wir hätten gedopt. Ich weiß, dass ich nicht gedopt habe.

Es gab in der DDR nachweislich systematisches Doping. Sie konnten nicht wissen, was in all den Pillen war, die Ärzte und Trainer Ihnen gaben.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man mir so etwas nicht gesagt hätte.

Warum trafen Sie 2001 den Entschluss, mit dem Leistungssport aufzuhören?

Ich habe mir den Brustmuskel gerissen. Ohne den können Sie kein Diskuswerfer sein.

Konnten Sie nicht aufs Kugelstoßen umsatteln?

Ich war ja nie eine richtige Kugelstoßerin. Als ich bei den Junioreneuropameisterschaften 20,23 Meter geschafft habe, hatte ich vorher nur 23 Stöße gemacht. 20 zur Übung, zwei Einstoßer und einen Wettkampfstoß. Damit hatte ich den Weltrekord und danach keine Kugel mehr angefasst.

2011 haben Sie nach der Beinamputation wieder mit dem Sport begonnen. So wie damals, nur eben ganz anders – und mit der Kugel statt dem Diskus.

Das ganze Training ähnelt ja dem von früher. Klar, das Auseinandersetzen mit der Kugel, die neuen Stoßpositionen, das war eine Herausforderung.

Bei den Paralympics 2012 in London sagten Sie „Dabei sein ist alles“. Das war vorher nicht Ihr Motto.

London kam schon ein halbes Jahr nachdem ich wieder angefangen hatte. Ich qualifizierte mich sehr schnell. Das war eine einmalige Leistung. Doch zu dem Zeitpunkt wusste ich weder, wie ich international stehe, noch, was ich bringen kann. Da war wirklich erst einmal dabei sein alles.

Nehmen Sie noch immer viele Medikamente?

Ich nehme, was nach der Dopingliste zugelassen ist, und von dem ich denke, dass es für meine Leistung und Gesunderhaltung notwendig ist.

Das Ziel für Rio: Sie könnten die erste Sportlerin werden, die bei Olympia Gold gewinnt – und auch bei den Paralympics.

Der Doppelsieg ist nicht der einzige Grund für mich, zu trainieren, gewinnen will ich trotzdem. Eine Medaille sollte es schon werden.

Es gab 2014 eine Regeländerung. Vorher starteten Sie als amputierte Rollstuhlfahrerin in der Klasse F58, danach F57. Was ist jetzt anders?

Vorher konnte ich mein linkes Bein normal wie beim Kugelstoßen am Ring haben und den Stumpf des rechten Beins auf einen Stuhl legen. Es war quasi ein Standstoß. Jetzt sitzen wir alle in einer relativ gleichen Position, gar kein Bodenkontakt mehr, richtig festgeschnallt. Es soll das Ganze vergleichbar machen. Aber 100-prozentig vergleichbar kann es nie sein.

Für Sie ist Ihre neue Startklasse fürs Kugelstoßen gut, für den Diskuswurf hingegen rechnen Sie sich keine Chancen aus, das machen Sie einfach so mit.

Das Hauptproblem ist, dass ich nicht mehr die Rotationsmöglichkeiten in der Wirbelsäule habe, sie ist ein bisschen eingesteift. Beim Diskus kann man nur über die Rotation in der Wirbelsäule den langen Wurfweg erzielen

Beim Kugelstoßen können Sie sich dagegen ziemlich weit zurücklehnen, Sie sind ja festgeschnallt.

Wir müssen irgendwo die Beschleunigung herkriegen. Normal macht man das übers Angleiten oder über den Drehstoß.

Es heißt, man braucht 11,5 bis zwölf Meter, um bei den Paralympics eine Chance zu haben. Können Sie das schaffen?

Wenn ich nicht optimistisch wäre, würde ich nicht trainieren. Mit 11,5 Metern rechne ich. Nach aktuellem Stand wäre das Weltrekord.

Nach dem Gespräch verletzte sich Wyludda an der Schulter. Bis zuletzt hoffte sie, sich für Rio zu qualifizieren – es ging nicht. Bei den Weltmeisterschaften kommendes Jahr will sie dabei sein.

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