In fremden Federn : Ist das die Rezeption?

Das neue Hotel am Savignyplatz tut alles, um wie ein verrückter Berliner zu wirken. Schnoddrigkeit inklusive.

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In der Lobby können Hotelgäste an einem langen Holztisch sitzen und am Prosecco nippen.
In der Lobby können Hotelgäste an einem langen Holztisch sitzen und am Prosecco nippen.Foto: promo

Eine riesige Fahne flattert majestätisch im Wind. „The Butcher“, steht darauf, der Schlachter. Im Schaufenster hängt eine braune Kuh kopfüber und lebensgroß von einem Haken. Es ist nur eine Attrappe, der Gast fragt sich trotzdem besorgt, was dieses Hotel wohl mit ihm vorhat.

Vor 40 Jahren war der Savignyplatz der hedonistische Gegenpol zum aufrührerischen Kreuzberg: Bars, Spelunken, eine öffentliche Toilette, in der sich Männer aneinander erfreuten. Das war zwielichtig, aufregend, nur ohne den politischen Antrieb von SO 36. Heute gibt es um den Platz italienische Restaurants, schicke Cafés und Möbelgeschäfte.

Schwarze Bisazza-Fliesen? Cremefarbene Dopo-Domani-Couchgarnituren? Wo sich vor Jahrzehnten der ein oder andere Jüngling andiente, werben dieser Tage Einrichtungshäuser um Kundschaft. Darf man dazu Inneneinrichtungsstrich sagen?

Bei Sir Savigny würden sie darüber lachen. Das neue Hotel mit dem Schlachter-Banner (das hauseigene Restaurant heißt so) tut alles, um wie ein verrückter Berliner zu wirken. Schnoddrigkeit inklusive. An einem langen Holztisch sitzen lauter Menschen, plaudern, nippen am Prosecco, ein junger Mann hämmert auf einen Laptop ein. „Ist das die Rezeption?“ Natürlich, bitte setzen, Willkommensdrink, diese Herrschaften kommen noch vor Ihnen dran. Alle, die hier sitzen? Ach Berlin, Stadt der programmatischen Unterbesetzung.

Die Zimmereinrichtung erinnert an ein Boudoir

Es ist rappelvoll in der Lobby, die Bar, Empfangshalle und Coworking-Space in einem ist – und fließend in das Grillrestaurant übergeht. Die Nachbarschaft treibt sich hier herum, man hört es am Dialekt. Da ist das ältere Ehepaar, das seinen schwulen Sohn mitsamt Partner trifft, beide Jungs homogen gestylt. Schwarze Jacken, schwarze Haare, schwarze Bärte. „Ich bin Vegetarier“, sagt der Schwiegersohnaspirant. „Ach, Sie sind allergisch gegen Fleisch?“, fragt die Mutter nach.

Auf der Kantstraße rasen Taxis vorbei, Rennstrecke Zoo-Messegelände, kilometerlang stur geradeaus. Bei „Good Friends“ an der Ecke sparen sie wie eh und je an der Dekoration, dafür macht das Essen beim Chinesen enorm glücklich. Rindfleisch mit Ingwer und Paprika, scharf und süßlich, man wird grenzdebil high.

Zurück im Zimmer. Hohe Decken, Spiegelwände, ein Leuchter wie ein gläsernes Rad, Telefon mit Wählscheibe und messingfarbene Knipsschalter. Eine tolle Einrichtung. Erinnert an ein Boudoir. Es würde nicht verwundern, hänge nun eine Burlesque-Tänzerin kopfüber von der Decke.

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