Interview mit Anne-Sophie Mutter : „Mit Ärmeln würde ich sterben“

Schlüsselbein und Kieferknochen übertragen die Vibrationen ihrer Stradivari. Ein inniges Gefühl: Anne-Sophie Mutter ist mittendrin im Klang.

von und
Braucht eine gewisse Armfreiheit: Anne-Sophie Mutter.
Braucht eine gewisse Armfreiheit: Anne-Sophie Mutter.Foto: Tom Schulze/dpa

Frau Mutter, Sie waren ein Wunderkind, sind als 13-Jährige mit dem Stardirigenten Herbert von Karajan aufgetreten, dann kam die Weltkarriere. Haben Sie einen Tipp, wie Eltern ihre Kinder für den Instrumentalunterricht begeistern können?
Man beginnt am besten im Alter von fünf Jahren, ohne große Erklärungen. Drücken Sie dem Kind eine kleine Fiedel in die Hand, eine Blockflöte oder eine Trommel. Diese Instrumente kann man sich auch leihen! Das Allerwichtigste aber ist, dass Musik im Alltag eine Rolle spielt: Das Kind muss erleben, dass Mama und Papa das cool finden. Wenn Klassik beim Frühstück im Radio läuft, geht davon die Welt nicht unter. Man muss ja nicht immer dabei still in der Ecke hocken und die Hände falten.

Das genügt?
Für mich ist es selbstverständlich, kleine Kinder mit in die Oper zu nehmen. Manche trauen sich ja nicht, aus Angst, das Kind könnte stören. Bedenken, denen man in Osteuropa oder auch in Fernost nicht begegnet. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder das Kind schläft ein – oder es ist begeistert. Oper, das kann so selbstverständlich sein wie spazieren gehen oder basteln.

Gut, das Kind schnappt sich die Blockflöte und bläst rein. Nach einer Stunde platzt den Eltern der Schädel. Wie geht’s jetzt weiter?
Ohropax. Die Wachs-Version kann ich sehr empfehlen. Anschließend eine Musikschule aufsuchen und das Kind verschiedene Instrumente durchprobieren lassen. Bei meinen Kindern hat das funktioniert.

Erzählen Sie mal.
Mein Sohn spielt heute Klavier – und Tennis. Meine Tochter ist bei der Querflöte hängen geblieben. Ihre Beziehung zu dem Instrument wurde zwar nicht so innig, wie ich mir das gewünscht hätte, doch es hat zu einer unglaublichen Gehörschulung geführt. Neulich war sie dabei, als ich in Salzburg ein Konzert in memoriam Herbert von Karajan spielte, und erzählte mir nachher, es habe sie sehr bewegt. Warum bewegt sie das so? Nur weil ihre Mutter da vorne steht? Nein, weil sie Zugang zur Musik hat, von klein auf, weil sie dafür sensibilisiert wurde.

Das bedeutet, ein Kind ist darauf angewiesen, dass seine Eltern es aktiv an die Musik heranführen?
Wir können nicht alles auf die Politiker und auf die Schulen abwälzen. Und es gibt ja auch viele wunderbare, engagierte Musiklehrer. Nur haben die überhaupt kein Standing in unserer Gesellschaft. Sie werden nicht nur miserabel bezahlt, sondern darüber hinaus auch nicht ernst genommen, weil Musik nicht karriererelevant ist.

Es gibt ehrgeizige Eltern, die hören selber keine Klassik und wollen trotzdem, dass ihr Kind ein Instrument lernt. Als Statussymbol. Kann das klappen?
Es wäre auf jeden Fall nicht authentisch. Musik ist etwas, das man teilt. Man macht sie nicht für jemanden, sondern mit jemand anderem. Darum ist sie eben auch so ein toller Empathie-Träger. Ich habe gerade dieses Büchlein vom Dalai Lama gelesen, „Ethik ist wichtiger als Religion“. Nach seinem Verständnis werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl. Das erinnerte mich an meine Liebe zur Musik und meinen starken Glauben daran, dass Musik auch schon im Kindergarten ein großartiger Brückenbauer sein kann. Weil sie Geduld lehrt und den Respekt vor unterschiedlichen kulturellen Wurzeln. Wir brauchen das dringend.

Wie fördert man den Ehrgeiz des Kindes, ohne es zu überfordern?
Im Idealfall findet ein Kind das Instrument, mit dem es sich anfreundet. Dann läuft die Sache fast von allein. Es will gar nicht mehr aufhören. Ich hatte das große Glück, dass meine erste Geigenlehrerin den Unterricht völlig spielerisch gestaltete. So wünscht man sich natürlich überhaupt jede Art von Unterricht.

Dieses Glück hat nicht jeder.
Dann bedarf es des völligen Rückzugs der Eltern und eines sehr geduldigen Musiklehrers, der dem Heranwachsenden ganz beiläufig die Liebe zur Musik vermittelt. Wir wollen ja kein Volk von Profimusikern erziehen. Vielleicht macht es irgendwann doch noch „klick“. Vielleicht gründet das Kind eine Band, mit 13, 14. Da passt nix zusammen, die Mädels finden es natürlich super. Hauptsache, die Saat wird gelegt und gepflegt. Wenn sie aufgeht, ist es schön, wenn nie der Wille daraus erwächst, sich am Instrument zu perfektionieren, ist das auch okay. Doch schon das reine Zuhören ist selbstverständlich ganz anders, wenn man seine Sinne zuvor geschärft hat.

Gibt es einen Moment, ab dem man sagen sollte: Kind, es hat keinen Zweck, lass die Finger davon?
Das würde ich nie sagen.

Und wenn es einfach nicht vorangeht im Unterricht?
Dann ist der Lehrer schuld. Also, das eigene Kind kann doch nicht so blöd sein. Das kann nur am Lehrer liegen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben