„Nebel im August“ spielt hauptsächlich in der zweiten Phase …
Man spricht von dezentraler Euthanasie.
… und eine Krankenschwester taucht auf, die in die Klinik versetzt wurde, um zu töten. Sie flößt den Kindern das in hohen Dosen tödliche Schlafmittel Luminal ein. Gab es solche „Todesengel“ tatsächlich?
Auch diese Figur basiert auf einer realen Person. Faltlhauser hatte in Berlin beantragt, dass ihm in der Tötung erfahrenes Personal geschickt wird. Und so kamen 1944 zwei Schwestern nach Kaufbeuren, eine davon war Pauline Kneissler. Sie hatte von 1939 bis 1941 in Hadamar gearbeitet, dann in einem Konzentrationslager und bekam in der Kaufbeurer Zweigstelle Irsee schließlich eine eigene Tötungsstation. Faltlhauser entwickelte noch eine andere Methode, um Patienten zu töten: die Hungerkost. Die Leute bekamen nur noch dünne Suppe – in Wasser gekochte Gemüsereste – und waren nach wenigen Monaten so geschwächt, dass sich aus der kleinsten Erkältung eine tödliche Lungenentzündung entwickelte.
Im Film leistet eine Nonne Widerstand. Doch die offizielle Haltung der Kirche war: Wir müssen durchhalten, bis der Albtraum vorüber ist, und die Sterbenden so lange begleiten. Eine Form von Mittäterschaft?
Natürlich hätten sie durch eine Kündigung ein Zeichen setzen können. Die Nonnen waren nicht informiert worden, aber als die ersten Transporte in die Tötungsanstalten abgingen, wunderten sie sich, warum die Patienten ohne ihre Wertsachen verlegt wurden. Wenige Tage später brachte ein Auto die Kleidung der Leute in Wäschesäcken zurück. Angehörige, die eine Todesnachricht bekommen hatten, riefen an und wollten über die Umstände informiert werden. Nun wussten die Nonnen Bescheid und kamen dadurch in einen großen ethischen Konflikt, der noch größer wurde, als sie in der Küche, die von ihnen geleitet wurde, die Hungerkost kochen mussten.
Der Historiker Götz Aly sieht die Angehörigen als Komplizen. Insgeheim, so argumentiert er, seien viele froh gewesen, dass ihnen das Mordprogramm die Last psychisch kranker oder behinderter Familienmitglieder abgenommen habe.
Das kann ich nicht bestätigen. In Kaufbeuren haben wir einen Ordner mit 150 Briefen von Angehörigen an den Direktor gefunden, die gerade vom Tod ihres Kindes, ihrer Mutter oder ihres Bruders erfahren haben. Diese Briefe zeigen: Alle wussten, was passiert war, und die überwiegende Mehrzahl der Angehörigen ist erschüttert und vorwurfsvoll.
Warum haben dann nicht mehr Leute versucht, ihre Angehörigen aus den Kliniken herauszuholen?
Das muss man aus der Praxis der damaligen Psychiatrie verstehen. In den Anstalten wurde zu dieser Zeit – auch schon vor dem Nationalsozialismus – alles getan, um Angehörige zu entmutigen, allzu engen Kontakt zu den Patienten zu halten. Außerdem hatten die Menschen regelrecht Angst vor diesem Ort. Die Patienten, die oft jahrelang in den Kliniken lebten, wurden so von ihren Familien entfremdet.
- Der stille Massenmord
- Schon im 19. Jahrhundert hat es eine Euthanasie-Debatte gegeben
- Die Mehrzahl der Angehörigen zeigte sich erschüttert
- In Kriegen sind psychisch Kranke oft die ersten Opfer

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