Interview mit Wolfgang Tillmans : "Die AfD schadet Deutschland"

Noch regiert in Deutschland überwiegend die Vernunft, sagt der berühmte Fotograf, der sich für die "Pulse of Europe"-Bewegung einsetzt.

von und
Wolfgang Tillmans, Fotograf und Künstler, lebt in Berlin und London.
Wolfgang Tillmans, Fotograf und Künstler, lebt in Berlin und London.Foto: Mike Wolff

Herr Tillmans, vor einem Jahr haben Sie sich mit einer Plakatkampagne gegen den Brexit engagiert. Auf einem stand „What is lost is lost forever“. Sie leben als deutscher Künstler seit 27 Jahren teilweise in Großbritannien. Waren Sie enttäuscht, als sich die Briten gegen die EU entschieden haben?

Ich hatte am Tag vor dem Referendum einen kurzen Zusammenbruch, als ich von einer Besprechung in der Tate Modern kam und die Sonne gerade unterging. Ist es das Ende einer Ära?

In dem Museum bereiteten Sie damals eine große Ausstellung vor, die dieses Frühjahr 150 000 Besucher anzog.

Ich ging über die Millennium Bridge, guckte auf das Museum, das 2000 eröffnet wurde, im selben Jahr, in dem ich den Turner Prize bekam ...

... die wichtigste Auszeichnung für britische Kunst ...

... und ich dachte, das ist der letzte Sonnenuntergang, bevor das Land abstimmt. Ich ahnte, es könnte zu einem Ausstieg kommen. Deswegen empfand ich diese Dringlichkeit, mich erstmals komplett hinter eine Sache zu stellen. An jenem Abend war ich sehr ergriffen. Als das Ergebnis 36 Stunden später kam, war ich nur emotionslos.

Wir treffen Sie in Ihrem Atelier in Berlin. Wie beurteilen Sie die Entwicklung hier?

Ich blicke nun auf 13 Jahre in der Stadt zurück. Als ich das Atelier 2007 in Kreuzberg fand, stand es seit zwei Jahren leer. Heute ist der viel gepriesene Freiraum unbezahlbar geworden. Einem der Spätis in der Oranienstraße droht die Schließung. Das Gebäude wurde an einen Privatinvestor verkauft, der den laufenden Gewerbemietvertrag um 300 Prozent erhöhen will. Das ist für den Betreiber natürlich nicht zu stemmen. Der Umbau Kreuzbergs hat in den letzten Jahren eine beängstigende Geschwindigkeit angenommen. Der einzige Trost ist, dass London oder New York noch viel teurer geworden sind.

Haben Sie inzwischen auch einen britischen Pass?

Nein. Hätte ich wie die drei Millionen EU-Ausländer in Großbritannien einen beantragt und über den Brexit abgestimmt, wäre es zu einem anderen Ergebnis gekommen. Nur 600 000 Menschen hätten sich anders entscheiden müssen. Allein wegen der Freizügigkeit in der Union hat niemand daran gedacht. Das ist im Nachhinein ein Wermutstropfen. Die Briten haben sich nicht starkgemacht für Europa. Kein Popstar hat etwas gesagt.

Wolfgang Tillmans

Wolfgang Tillmans, 48, sitzt in seinem Atelier nahe dem Kreuzberger Oranienplatz, Zimmerpflanzen am Fenster. „Die haben Schwestern in London“, sagt der groß gewachsene Künstler. Eine Matratze liegt auf dem Boden, und ein
Keyboard steht im Raum. Darauf will er nachher noch spielen. Seit ein paar Jahren macht er wieder Musik. Am 19. August tritt er auf dem Atonal Festival in Berlin auf.
Bis zum 1. Oktober läuft noch seine große Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel, eine von drei wichtigen Werkschauen dieses Jahr.

Tillmans ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler. Mit Fotografien der Jugendkultur wurde er Anfang der 1990er Jahre berühmt. Mittlerweile hat er sich auch der abstrakten Fotografie zugewandt. Seine Arbeiten präsentiert er oft als Installationen.

Wolfgang Tillmans auf der Kundgebung Pulse of Europe im März auf dem Gendarmenmarkt in Berlin.
Wolfgang Tillmans auf der Kundgebung Pulse of Europe im März auf dem Gendarmenmarkt in Berlin.Foto: imago/Reiner Zensen

Ihr Freund Neil Tennant, Sänger der Pet Shop Boys, hat Ihre Kampagne in sozialen Medien verbreitet.

Er hat gepostet: Registriert Euch für die Wahl. Und erntete allein dafür einen Shitstorm. Irgendwie zeigt dieses Ergebnis, dass die Briten die Idee, ein Teil von Europa zu sein, nicht genug geliebt haben. Dass man im Herzen anders ist. Eine Insel hat immer eine ganz eigene Psychologie.

Viele Engländer sagen seit jeher „Wir fahren nach Europa“, wenn sie den Ärmelkanal überqueren.

Es gibt einen gewissen englischen Egoismus. Jahrhundertelang hast du die Welt bestimmt, heute spricht sie deine Sprache. Ein gewisser Stoizismus erlaubt den Leuten aus Tradition, Verhältnisse aufrechtzuerhalten, die in Europa undenkbar wären: dass die Presse Richter, die dem Parlament eine Abstimmungsmöglichkeit über den Brexit geben wollten, als Feinde des Volkes beschimpft. 80 Prozent der britischen Printmedien werden von fünf rechten Milliardären kontrolliert, die keine Steuern in Großbritannien zahlen und ihre Interessenspolitik durchgepeitscht haben.

Theresa May hat gerade die absolute Mehrheit verloren. Hat sich die Stimmung verändert?

Ich glaube, viele merken, dass sie von einer rechten Ideologie in Geiselhaft genommen wurden. Der Wahlausgang zeigt, dass es kein Mandat für eine harte Trennung gibt. Mein Blick ist jetzt auf Deutschland gerichtet. Hier regiert noch überwiegend die Vernunft. Ich glaube, das Land ist wichtig für den Erhalt unserer westlichen humanistischen Gedankenwelt. Ich möchte nicht in einem Staat leben wie den USA, wo ein durchwobener Rassismus an vielen Stellen dominiert, wo manchmal ungeborenes Leben höher geschätzt wird als schwarzes. Das muss ich zugespitzt mal so sagen.

Was kann man tun?

Bildung! Bildung! Bildung! Hört sich jetzt erst mal bürgerlich an. Aber ich glaube, das ist die einzige Hoffnung. Meine langjährige Freundin Alex war vor ein paar Wochen in der Schule in Remscheid, auf die wir beide gegangen sind. Alles war wie vor 30 Jahren, nur die Klos haben noch mehr gestunken. Wie kann Deutschland einen Haushaltsüberschuss erwirtschaften und die Schulen verkommen lassen? Ich finde auch das Abitur nach zwölf Jahren furchtbar. Der Französisch-Leistungskurs war bei mir effektiv ein Jahr länger als bei jetzigen Schülern. Lesen die noch vier Monate Camus? Für mich war diese Lektüre von bleibendem Wert.

121 Kommentare

Neuester Kommentar