IS-Terror : Grenzerfahrungen bei Kobane

Kurden und IS-Milizen kämpfen seit Wochen um die Stadt Kobane. Zwei deutsche Fotoreporter erzählen hier von ihren Eindrücken aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet.

Björn Kietzmann,Ruben Neugebauer
Straßenschlacht in Diyarbakir: Kurz nach dieser Szene werden drei deutsche Fotoreporter von Polizisten festgenommen.Alle Bilder anzeigen
Foto: Kietzmann/Neugebauer/Grodotzki
28.10.2014 13:33Straßenschlacht in Diyarbakir: Kurz nach dieser Szene werden drei deutsche Fotoreporter von Polizisten festgenommen.

Nur 300 Meter weiter beginnt der Islamische Staat. Wir befinden uns auf der türkischen Seite der Grenze zu Syrien auf der Veranda eines Wohnhauses, näher kann man Kobane nicht kommen. Die Mauer bietet ein wenig Schutz, falls von drüben geschossen wird. Rußflecken im Boden sind leicht als Einschläge zu identifizieren.

Mitte Oktober, die Grenze wird durch einen Drahtzaun markiert. Ein Minenfeld soll es geben. Die Befestigungen stammen noch aus der Zeit, als das Assad-Regime auf der syrischen Seite die Kontrolle hatte. Neu sind die Schützengräben. Türkische Soldaten sichern damit ihren Checkpoint an der Straße nach Kobane. Doch von dort kommt niemand mehr.

Manche Einwohner von Kobane, die zu Beginn der Offensive des IS in die Türkei geflohen sind, kamen mit schwerem Gerät: Lastwagen, Baumaschinen, landwirtschaftliche Fahrzeuge wurden vor den Angreifern in Sicherheit gebracht. Benutzen dürfen ihre Besitzer sie hier nicht mehr, die Fahrzeuge stehen sinnlos im wüstenähnlichen Terrain herum.

An der türkisch-syrischen Grenze
Straßenschlacht in Diyarbakir: Kurz nach dieser Szene werden drei deutsche Fotoreporter von Polizisten festgenommen.Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Kietzmann/Neugebauer/Grodotzki
28.10.2014 13:33Straßenschlacht in Diyarbakir: Kurz nach dieser Szene werden drei deutsche Fotoreporter von Polizisten festgenommen.

Auf türkischem Gebiet, etwa fünf Kilometer vor der Grenze, liegt die Stadt Suruç. Am Ortseingang sehen wir – drei deutsche Fotojournalisten – Notunterkünfte, aus Brettern und Plastikplanen zusammengenagelt. Es gibt organisierte Camps, doch dort stehen die Zelte eng beieinander. Für eine Kuh, wie sie die Familie mit rübergebracht hat, die wir hier treffen, ist da kein Platz. Die Familie, das sind ein älterer Mann, seine Frau, eine etwas jüngere Frau und sehr viele Kinder bis etwa 14 Jahre, wahrscheinlich die Enkel. Wir fragen den Mann auf Englisch, wo die anderen sind. „Kobane“, sagt er, „kämpfen“.

Die Frauen spielen bei den Kurden eine wichtige Rolle

Unser ursprüngliches Ziel war nicht die Grenze bei Kobane. Wir begleiteten einen Hilfskonvoi für das syrische Aleppo. Der Konvoi wird an der Grenze syrischen Helfern übergeben. Und wir beschlossen, die Grenze bei Kobane aufzusuchen, eigentlich zur Erkundung für eine spätere Berichterstattung. 2013 besuchten wir die Region um Aleppo, es war vollkommen klar, dass wir diesmal keinen syrischen Boden betreten werden. Das Risiko ist derzeit zu groß.

Bei Kobane hat die Lage etwas Surreales. Viele Menschen, Journalisten, vor allem aber Flüchtlinge, Männer und Frauen, versammeln sich dort zwischen dem türkischen Suruç und der Grenze nach Syrien auf einem Hügel. Die Frauen spielen bei den Kurden, anders als in vielen Teilen der Region, auch in der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle. Man kommt noch näher an die Grenze heran, doch die Sicht von dort oben über das trockene, baumlose Land ist besser.

Der Krieg ist als ständiges Hintergrundgeräusch präsent. Gedämpft, als würde man bei geschlossenem Fenster ein Silvesterfeuerwerk hören. Es gibt kaum Feuerpausen, geschossen wird zwar nicht die ganze Zeit in allen Stadtteilen, aber im Grunde immer irgendwo. Das Tackern von Maschinenpistolen und Gewehren weht herüber, die Kurden verfügen kaum über schwere Waffen. Hin und wieder hört man Explosionen, kleine Wölkchen stehen am Himmel, wenn ein Kampfjet eine Rakete abgefeuert hat.

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