Jens Mühling lernt Türkisch : „Kan“ heißt „Blut“

Jens Mühling
Jens MühlingFoto: Mike Wolff

Dass der Backladen in meiner Kreuzberger Nachbarschaft keine Nuss-Nougat-Creme im Sortiment hat, wäre mir sicher nie aufgefallen, wenn nicht neulich eine Kundin danach gefragt hätte. Bedauernd schüttelte die türkische Verkäuferin den Kopf. „Können wir nicht verkaufen. Da ist Schweineblut drin. Haben sie im Fernsehen gesagt.“

Weil die Kundin das nicht glauben wollte, die Verkäuferin aber darauf beharrte, wurde ich, der ich eigentlich nur Croissants kaufen wollte, mit einem Rechercheauftrag nach Hause geschickt: „Du bist doch von der Presse – finde das mal raus!“

Noch am selben Tag rief ich bei einem großen Hersteller für Nuss- Nougat-Creme an. Ich schilderte der Pressebeauftragten den Streit in der Bäckerei und bat um Aufklärung.

„Wollen Sie das jetzt als Journalist wissen oder als Privatperson?“, fragte die Pressefrau.

Mir fiel spontan keine Antwort ein. „Eigentlich beides“, sagte ich. „Wieso? Würden die Antworten denn unterschiedlich ausfallen?“

„Natürlich nicht“, versicherte mir die Pressefrau, bevor sie mich bat, meine Anfrage schriftlich einzureichen. Telefonisch sei sie nicht befugt, die Blutfrage zu beantworten.

Ein paar Tage später, ich hatte die Geschichte schon fast vergessen, lief ich beim Schrippenkauf wieder der türkischen Verkäuferin über den Weg. „Und?“, fragte sie gespannt.

Ich zuckte mit den Schultern. „Noch nichts gehört.“

„Siehst du? Die haben was zu verstecken, sonst hätten die sich doch längst gemeldet!“

Als ich erneut in der Pressestelle anrief, erreichte ich nur eine Sekretärin, die mich um Geduld bei der Beantwortung meiner Anfrage bat. Beim Auflegen merkte ich, dass ich langsam selbst anfing, an die Blutverschwörungstheorie zu glauben.

Mir fielen die beiden israelischen Rucksacktouristen ein, die ich einmal in einem Restaurant in China kennengelernt hatte. Vor jedem Bissen hatten sie eine SMS an ihren Rabbi in Tel Aviv geschickt, um sich bestätigen zu lassen, dass die Zutaten auf ihrem Teller koscher waren. Sie erzählten mir, dass es in Israel sogar Telefon-Hotlines gibt, die über die religiöse Unbedenklichkeit von Speisen informieren.

Auf der Suche nach einer ähnlich gelagerten Auskunftstelle für muslimische Konsumenten stieß ich im Internet auf die „Prüf- und Zertifizierungsstelle für Halal-Lebensmittel“. Ich rief an. „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Nächster Versuch: der „Diyanet Isleri Türk Islam Birligi“, Dachverband der türkisch-islamischen Gemeinden in Deutschland. „Was ich alles wissen soll!“, stöhnte die Pressesprecherin, als ich vorsichtig fragte, ob Nutella „halal“ sei. Sie versprach, mir einen kundigen Ansprechpartner zu suchen. Ich fürchte, den sucht sie noch immer.

Ich durchforstete unterdessen muslimische Online-Diskussionsforen. Dabei fand ich unter anderem heraus, dass Fruchtsaftprodukte in den Geschmacksrichtungen „Safari Fruits“, „Cola Mix“ und „Jungle Drink“ als unbedenklich eingestuft werden, während Apfelsäfte Spuren von Schweinegelatine enthalten können. Ich stieß außerdem auf eine „Halal-App“ für Smartphones, die zum Stichwort „Nutella“ folgendes Ergebnis ausspuckt: „Tierische Stoffe nein, Alkohol nein.“

Als nach einer Woche schließlich auch der Nuss-Nougat-Creme-Hersteller die Schweineblutgeschichte dementierte, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Ich ging zum Bäcker und übergab der Verkäuferin das Zertifikat eines deutschen Lebensmittelinstituts, in dem bestätigt wird, dass im Laufe mehr als 30-jähriger Überprüfungen „keinerlei Tierblut“ festgestellt werden konnte.

Mein Nuss-Nougat-Croissant ging an diesem Tag aufs Haus.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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