Kattas im Tierpark : Die Alphaweibchen von Madagaskar

Gekringelter Schwanz, gut gelaunt, größenwahnsinnig: Im Trickfilm "Madagaskar" war King Julien ein echter Draufgänger. Doch in freier Wildbahn haben bei den Kattas die Königinnen das Sagen.

Florian Niedermann
Die Anführerin. Katta-Weibchen dominieren ihre Männchen und setzen ihr Matriarchat auch mit Hieben und Bissen durch.
Die Anführerin. Katta-Weibchen dominieren ihre Männchen und setzen ihr Matriarchat auch mit Hieben und Bissen durch.Foto: imago

Ein denkwürdiger Auftritt machte die Kattas weltbekannt. Im Trickfilm „Madagascar“ treffen vier ausgebüxte Zootiere auf eine Gruppe Lemuren. An ihrer Spitze steht Katta-Männchen King Julien: gekringelter Schwanz, gelb leuchtende Augen, gut gelaunt, größenwahnsinnig. So absurd und gefährlich seine Ideen auch sein mögen, sein Wort ist den Lemuren Befehl. Ein Besuch im Winterlager der Kattas im Berliner Tierpark zeigt: Für den heimlichen Star des Films haben die Drehbuchautoren die Wirklichkeit arg verdreht.

Es riecht streng im kleinen Holzpavillon am Rande eines künstlichen Sees. Kaum tritt Primatenkurator Andreas Pauly durch die vergitterte Tür, bricht im Inneren Hektik aus. Eddy, Mandy und Tochter Charlene flüchten sich vom Boden in die Höhe. Klicklaute sind zu hören. „Das ist Mandy“, sagt Pauly, „ein Zeichen der Neugierde.“ Eddy wirkt dagegen eher scheu.

Das 27 Jahre alte Männchen bleibt selbst dann auf einem Brett an der Wand sitzen, als der Kurator einen Eimer mit zerkleinertem Fenchel, Tomaten, Roter Bete, Äpfeln und Karotten aus dem Vorraum holt. Mandy und Charlene stürzen sich sofort auf die süßesten Stücke: die Apfelschnitze und Betewürfel. Eddy hockt nur da und wartet. Dann wagt er doch einen zögerlichen Versuch, einen Apfel zu ergattern. Doch Mandy ist schnell zur Stelle. Ein Griff, ein entrüsteter Aufschrei, schon ist Eddy den Apfel wieder los. Katta-Männchen müssen sich hinten anstellen.

Paarungskämpfe: Der größte Stinkstiefel gewinnt

Und das nicht nur beim Essen: In den Gruppen von bis zu 25 Tieren sind die Frauen dominant. Sie setzen ihr Matriarchat, wenn es sein muss, auch mit Hieben und Bissen gegen aufmüpfige Männer durch. Einen King Julien gibt es in freier Wildbahn nicht. Im Süden der Insel Madagaskar, wo die Lemuren leben, führt jeweils eine „Königin“ eine Gruppe an. Sie gibt vor, wo ihre Untergebenen sich hinbewegen sollen, und verteidigt sie aggressiv gegen fremde Artgenossen. Die tieferen Ränge in der Hackordnung machen die anderen Weibchen in Kämpfen unter sich aus, parallel dazu auch die Männchen.

Doch dabei geht es nicht um das Recht des Stärkeren. Die Kerle tränken ihre Schwanzspitzen mit einem Sekret, das sie aus Drüsen am Unterarm ausscheiden, und wedeln ihrem Gegner damit um den Kopf. Der größte Stinkstiefel gewinnt. Zu diesen Kämpfen kommt es vor allem während der Fortpflanzungszeit im April und Mai. Damit klären sie, wer zuerst zum Zug kommt. Die Anführerin, und später die untergeordneten Weibchen, paaren sich zuerst mit dem Sieger der Wedel-Duelle. Danach lassen sie sich auch auf die Verlierer ein.

Eddy hat im Tierpark keine Konkurrenten

Bei den Berliner Kattas gibt es keine Paarungskämpfe. Aus Platzgründen leben hier nur drei Exemplare der bedrohten Tierart. Erst wenn Charlene die Vorherrschaft ihrer Mutter anzweifeln wird, ist Zoff vorprogrammiert. Eddy hat zwar keine Konkurrenten – aber auch nichts zu melden. Glücklich sieht er nicht aus, wie er in seiner Ecke sitzt und auf einem Fenchelstück kaut. Niemand würde bei dem Anblick an King Julien denken.

Doch ob „Die Schöne und das Biest“, „Arielle, die Meerjungfrau“, oder „Madagascar“: Überholte Geschlechterrollen haben in Kinder-Trickfilmen Tradition. Für Alpha-Weibchen wie Mandy ist da kein Platz.

KATTA IM TIERPARK

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