Ken Loach : „Ich starrte zwischen ihren Beinen hindurch“

Im Ballett war er eine Niete, und bei Shakespeare wurde er ohnmächtig. Ken Loach über Gerechtigkeit und warum er Schauspieler gerne überrascht.

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Ken Loach Foto: AFP
Ken LoachFoto: AFP

Mr. Loach, Sie haben ja die kleinste Produktionsfirma der Welt. Das Zimmerchen hier im Büro von „Sixteen Films“ hat eine extrem niedrige Decke, gefühlt zwei Meter. Und das Klo ist auf halber Treppe.

Ja, es ist ein altes Haus, aus dem 18. Jahrhundert, wie viele Gebäude hier in Soho. Leider haben sie das wunderschöne Treppenhaus zerstört. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen! Sehen Sie den eleganten Bogen, den die Treppe hier früher machte? In den 50er und 60er Jahren wurde sie einfach zertrümmert, jetzt sieht man nur noch die Spuren.

Sie sind vielleicht der altmodischste Filmemacher der Welt …

… der Altmodischste? Der Älteste!

Manuel de Oliveira ist 105! Ich wollte wissen, warum Sie immer noch analog schneiden. Neulich haben Sie einen Aufruf veröffentlicht, weil Ihnen die Kodierstreifen ausgingen, mit denen man Bild und Ton synchronisiert.

Wir bekamen Post mit Kodierstreifen nicht nur aus England, sondern aus der ganzen Welt, aus Australien und sogar vom Pixar-Studio aus Hollywood. Es war sehr nett, sie schickten ein großes Paket, mit freundlichen Grüßen. Jetzt haben wir einen Vorrat.

Warum halten Sie an der veralteten Technik fest?

Von wegen veraltet, der analoge Schnitt ist gut! Man kann nicht so viel hin- und herspringen wie am Computer. Der Film entsteht linear, das gibt einem ein besseres Gefühl für den Rhythmus einer Szene. Man arbeitet etwas langsamer, aber durchdachter. Außerdem kann ich zugucken. Ich habe keine Ahnung von Technik, aber ich begreife, was mein Cutter am Schneidetisch macht.

Sie sind ein Dinosaurier in der digitalen Welt.

Manchmal schon, denn die Infrastruktur verschwindet. Noch haben wir Schneidetische, aber sie sind wie Oldtimer. Zum Sichten brauchen wir ein Filmstudio mit zwei Projektoren, einem für den Film, einem für den Ton. In London gibt es nur noch ein einziges Studio dieser Art.

„Jimmy’s Hall“, Ihr nächster Film, handelt von einem Kommunisten, der aus Amerika zurückkehrt, um einen Tanzklub wiederzueröffnen. Stimmt es, dass es Ihr letzter Spielfilm wird?

Ich fürchte ja. Die Arbeitstage sind lang, man braucht viel Energie. „Jimmy’s Hall“ ist ein aufwendig inszenierter Kostümfilm, da stellt man die Kamera nicht einfach auf die Straße. Ich weiß nicht, ob ich so einen Kraftakt noch mal hinkriege.

Was hassen Sie beim Filmemachen?

Um halb sechs aufstehen, schrecklich! Ich bin erst ab halb zehn richtig wach, aber ich drehe gern schnell, in sechs, sieben Wochen, also muss ich früh raus. Wenn alle immer nur warten, geht die kreative Energie flöten. Der entspannte Teil kommt im Schneideraum, wo man die Geschichte nur zusammenfügen muss. Im Sommer drehen, im Winter schneiden, so ist es mir am liebsten.

Sie sind seit bald 50 Jahren Filmemacher ...

... schockierend, nicht wahr?

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