Kind als Filmstar : Helene kommt groß raus

Das eigene Kind – ein Filmstar? Mutter und Kind riskieren es. Gedreht wird an der stürmischen Nordsee. Hier wird vom großen Abenteuer erzählt.

Christine Deggau
Helene während einer Drehpause.
Helene während einer Drehpause.privat

Viele kleine Mädchen möchten Schauspielerin werden. Meine achtjährige Tochter ist eine von ihnen. Nicht weil wir zu Hause viel Fernsehen gucken, nein, all die Casting-Shows und Doku-Soaps, die andere Eltern zur Verzweiflung treiben, sind an meiner Tochter vorübergegangen. Helene liebt das große Kinderkino: die Cornelia-Funke-Verfilmung „Hände weg von Mississippi“ von Detlev Buck, „Sergeant Pepper“ von Sandra Nettelbeck und die Bilderbuch-Verfilmung „Wilde Kerle“. Die Namen der Schauspieler kennt sie auswendig, sie beneidet sie um ihre Abenteuer und träumt davon, einmal auf einem Vollblut durch Berg und Tal zu jagen. Auf ihrem Wunschzettel vergangenes Jahr stand: „Ich wünsche mir, einmal in einem Film mitzuspielen.“

Was tut eine gute Mutter in solch einem Fall? Sie kümmert sich. Ich rief bei einer Agentur an, und tatsächlich wurde Helene zum Casting eingeladen. Ihre Improvisation zu dem Thema „Ich suche mein Kätzchen“ überzeugte (kein Wunder: unsere Katze war vor einer Woche von zu Hause weggelaufen), die Agentur nahm sie auf. Das heißt, Helene hatte nun ein Internetprofil und war auf dem freien Markt über die Agentur zu buchen. Die eigentlich absehbaren, von mir völlig unterschätzten Folgen waren, dass von nun an fast täglich Anfragen bei uns einliefen: Werbung, große und kleine Kinofilme, TV-Produktionen, Studentenfilme – alle suchten ein Mädchen wie unsere Tochter: acht Jahre alt, dunkle Haare, zart und frech. Mir wurde allmählich etwas mulmig.

Kann man das wollen? Das eigene Kind von Plakatwänden herunterlächeln sehen? Zur besten Sendezeit im Fernsehen eine Automarke bewerben lassen? Wie verändert sich ein Kind durch solch eine Arbeit? Wird es die Flüchtigkeit des Ruhmes (sofern es so weit kommt) begreifen?

Namen und Bilder von ehemaligen Kinderstars steigen in mir hoch: Drew Barrymore, die als Jugendliche statt einer Schauspiel- eine Drogenkarriere begann. „Kevin allein“-Star Macaulay Culkin, heute millionenschwer, doch, wie immer wieder zu lesen ist, nachhaltig gestört. Oder auch das tragische Beispiel Silvia Seidel, die kürzlich Selbstmord beging. Nur drei von vielen, denen eine goldene Zukunft als Schauspieler prophezeit wurde, die die Folgen ihres Ruhmes aber nicht verkrafteten. Auch wenn mein Kind erst ganz am Anfang steht – es sind so viele Unwägbarkeiten.

Zu drei Castings gehen wir. Während wir beim ersten Mal weder eine Zu- noch eine Absage erhalten, bekommt Helene dann den Zuschlag für einen ZDF-Krimi, „Die Zeugin der Toten“. Es ist eine Mini-Rolle, der Aufwand reduziert sich auf zwei Nachmittage, und sie ist mit großer Freude dabei. Es kommt eine Anfrage für die Verfilmung des Charlotte-Roche- Bestsellers „Feuchtgebiete“. Obwohl ich dem Regisseur David Wnendt einiges zutraue und von dem Produzenten Peter Rommel weiß, dass er verantwortlich mit Themen und behutsam mit Schauspielern umgeht, entscheiden wir uns dagegen. Schließlich sollte auch das Endprodukt einem Kind zumutbar sein.

Dann meldet sich eine Studentin der Berliner Filmhochschule DFFB. Sie schaut bei uns zu Hause vorbei und stellt ihr Projekt vor, wirkt kompetent und zugewandt. Wir beschließen, dieses Projekt als Test zu sehen, wie ernst es Helene wirklich ist. Das Thema des Films: Eine junge Mutter, die an Schizophrenie leidet, büchst aus der Klinik aus, um den Geburtstag mit ihrer kleinen Tochter Lilly an der Nordsee zu feiern. Helene soll Lilly sein. Ihre „Kolleginnen“ sind Valerie Koch und Inga Busch. Die beiden einzigen Profis am Set. Drehort: Norderney.

Ich lasse Helene in der Schule beurlauben (bei Eintritt in die Agentur musste die Schule bestätigen, dass sie damit einverstanden ist), vereinbare mit ihr, erst mal niemandem außer der Klassenlehrerin vom Film zu erzählen, und lege selbst alle Termine um. Zwei Tage bevor es losgehen soll, ein Anruf: Die Dreharbeiten werden um 14 Tage verschoben. Gedreht werden soll nun in den Ferien, die wir bereits mit der Familie verplant haben.

Ich ahne weitere Komplikationen, die so ein Studentenprojekt birgt, doch sehe ich mich der Regisseurin gegenüber in der Pflicht und sage nicht ab. Obwohl ich es allein aus Ärger über die Selbstverständlichkeit, mit der über meine Zeit verfügt wurde, am liebsten getan hätte. Auch will ich meinem Kind die Enttäuschung ersparen. Der erste Film, er soll kommen.

Das gesamte Filmteam, mit uns 22 Menschen, ist in einem Apartmenthaus in Norderney-Stadt untergebracht. Es gibt eine große Küche, in der gemeinsam gegessen und gekocht wird. Jeder hat seine Aufgabe. Meine sehe ich darin, Helene zu schützen, darauf aufzupassen, dass sie ihre Kraft zusammenhält, ihren Platz findet zwischen all den Erwachsenen, und natürlich, dass die Drehzeiten am Set nicht überschritten werden. Die gesetzliche Regelung besagt: Von fünf Stunden am Set dürfen Kinder nicht mehr als drei Stunden arbeiten. Das Jugendamt ist weit weg, niemand kontrolliert, wie lange das Kind eingespannt ist.

Wer am Meer dreht, muss genau wissen, was, wann und wie lange. Sonst ist die Sonne weg und nicht nur die: womöglich auch das Wasser. Ebbe und Flut diktieren den Ablauf. Dieses Filmteam aber ist ein Anfängerteam – von der Regie bis zur Produktion heißt es learning by doing und wir mittendrin. Nicht nur einmal bekniet man mich, Helene „für ein oder zwei Stunden auszuleihen“, weil man im Drehplan hinterherhinkt und sonst der ganze Film wackelt. Es ist schwierig, jedes Mal wieder. Jeden Tag will ich nicht der Spielverderber sein.

Der Wind fegt über die Insel hinweg, er peitscht die Wellen vor sich her, eine Frau steigt in die Kälte des grauen Wassers, ein Kind auf dem Rücken, und wankt durch die See. Es ist der Abend des ersten Drehtags, die Szene, vor der Helene am meisten Angst hatte. Die verwirrte Mutter hat ihr Kind vergessen und rettet es nun vor der nahenden Flut. Die Nordsee hat zwölf Grad. Nur einmal wird diese Szene gedreht, mehr ist beiden Darstellerinnen nicht zumutbar. Als das Wasser in ihre Gummistiefel lief, die Kleidung sie nach unten zog, eingezwängt in einen zu kleinen Neoprenanzug, habe sie sich kaum halten können auf dem Rücken von Valerie Koch, erzählt Helene am Abend, heiß geduscht und erschöpft im Bett liegend. „Anstrengend“ fand sie es, „aber auch total cool“.

Die nächsten Tage haben es in sich. Der Wind pfeift über die Dünen, immer wieder regnet es, die Schauspieler sitzen in Decken gehüllt im Windschatten des Busses und trinken heißen Tee. Die Regisseurin macht mit Helene kleine Dauerläufe zum Aufwärmen. Auch die Unterstützung durch die beiden Schauspielerinnen ist enorm. Während Inga Busch fürs Lachen und Erzählen zuständig ist, hilft Valerie Koch mit Tipps. Keine Selbstverständlichkeit, dass man sich so viel Zeit für die kleine Debütantin nimmt.

Wenn sie ein Drehbuch bekomme, in dem ein Kind mitspielt, habe sie immer ein ungutes Gefühl, sagt Valerie Koch. „Vor allem am Profi-Set, da geht es noch mal ganz anders zu als hier. Da haben die Kinder zwar professionelle Betreuer, aber genauso schnell bekommen sie Schokoriegel verabreicht, damit sie wieder mitmachen, wenn sie nicht mehr können. Ich kann da nicht zusehen und gehe dann weg. Mir tun die Kinder leid.“

Nach fünf Tagen am Set sitzen wir wieder auf der Fähre zurück ans Festland. Da entdecken wir ein paar Robben auf einer Sandbank. Helene kann sich vor Begeisterung kaum halten. Ihre Freude über die Tiere bringt auf den Punkt, was mich die letzten Tage irritiert hat: Kindliche Bedürfnisse und Befindlichkeiten haben keinen Platz beim Film. Kindsein ist nur erwünscht, wenn es die Rolle verlangt.

Für Helene war es eine tolle Zeit. Sie hat Erfahrungen gemacht, die ihr niemand wird nehmen können. Sie hat sich als einziges Kind eingefügt in eine Gruppe Erwachsener, man hat sie ernst genommen. Dabei hat sie eine Disziplin und ein Engagement aufgebracht, für die ich sie bewundere. Alles andere, die Kälte, die nassen Füße und die Warterei, sind schon vergessen, als wir zu Hause ankommen. Und nicht nur das. Als sie ihrer Freundin wenige Tage später von den Ferien erzählt, staune ich: Die Dreharbeiten werden nur beiläufig erwähnt.

Den fertigen Film haben wir noch nicht gesehen. Aber wir freuen uns darauf, auch darauf, das Team wieder zu treffen. Helene hat nicht nach weiteren Filmen gefragt. Ihre Neugierde ist offensichtlich befriedigt. Nach unserem Norderney-Abenteuer habe ich aus unterschiedlichen Gründen Casting-Angebote abgelehnt. Die Agentur legte uns die Trennung nahe. Helene würde anderen Kindern, die so gern schauspielern möchten, den Platz wegnehmen. Sie hat recht. Dafür ist die Sache zu ernst.

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