Kolumne: Meine Frau, ihr Garten und ich : Ein Fuchs ohne Quartier

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle über den Frühling fabuliert. Und vor dem Hotel, das hier um die Ecke vom Tagesspiegel neu eröffnete, hatten sie sogar schon mehr als 100 Stiefmütterchen gepflanzt.

Andreas Austilat
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Damit waren sie wohl ein wenig früh dran. Vielleicht wäre eine Weihnachtsdeko passender gewesen. Nun, konnte ja keiner ahnen, dass der Winter so heftig wiederkommt.

Ein noch viel größerer Schock dürfte das für den Fuchs gewesen sein, der dieser Tage bei mir zu Hause vor der Tür auftauchte. Der arme Kerl hatte wahrscheinlich ebenfalls bereits auf Frühlingsmodus umgestellt.

Der Fuchs ist mir nicht zum ersten Mal begegnet. Ich nehme deshalb mal an, er wohnt irgendwo bei uns im Dreh, und ich habe auch einen konkreten Verdacht, wo. Es gibt hier nämlich ein paar Häuser weiter ein sehr großes Grundstück, bestimmt 3000 Quadratmeter, da stand nur ein kleiner Flachbau drauf, in dem eine ältere Dame lebte. Um ihren Garten hatte sie sich schon lange nicht mehr kümmern können, weshalb der vollkommen verwildert war. Er hatte sich in eine Art Urwald verwandelt, in dessen Mitte der Bungalow wie ein Hexenhäuschen lag. Als die alte Dame dann vor einiger Zeit starb, schien sich niemand mehr um das Grundstück zu scheren. Jedenfalls sah ich dort nie einen Menschen, wenn ich gegenüber an der Bushaltestelle stand. Weshalb ich glaube, dass ziemlich viele der Eichhörnchen und Igel, die ich im Sommer bei uns im Garten sehe, dort irgendwo im Unterholz ihr Winterquartier hatten. Und auch der Fuchs dürfte die Ruhe dort geschätzt haben. Doch damit war es vor ein paar Wochen abrupt vorbei. Solch große Grundstücke in der Großstadt stehen unter extremem Verwertungsdruck.

Tatsächlich informierte eines Tages ein großes Schild darüber, dass hier demnächst drei Stadtvillen entstehen würden, jede mit acht Wohnungen. Dann kamen Bauarbeiter und rodeten sehr schnell das ganze Grundstück. Es sah ein bisschen so aus, wie man es von Fernsehbildern aus Brasilien kennt, wenn dort Planierraupen Schneisen durch den Regenwald schlagen. Natürlich gab es hier keine Indianer, die vertrieben wurden. Aber die Bäume, die fielen, waren 60 Jahre und älter, also groß genug, um von Baumriesen zu sprechen.

Ziemlich hart, dass die Arbeiter das ausgerechnet im Winter tun mussten. Wenn so ein Igel vorzeitig aus dem Winterschlaf geholt wird, hat er nämlich nur sehr begrenzte Überlebenschancen. Und auch der Fuchs, der da plötzlich vor mir stand, sah ziemlich traurig aus. Geradeso, wie unsereins gucken würde, wenn er im Winter obdachlos würde.

Ich war kurz davor, ihn reinzubitten – was natürlich Unsinn ist. Stattdessen hat der Hund den Fuchs angeknurrt. Da habe ich ihn ein wenig gröber als nötig zurückgezogen. Ein bisschen Solidarität wenigstens unter Tieren wäre schon angemessen.

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