Meine Frau, ihr Garten und ich : Diagnose: Frühblüher-Panik

Montag bin ich am Gartencenter vorbeigekommen, habe nur mal so durch die Tür gespickt, und was muss ich da sehen? Leuchtend gelbe Forsythienzweige! Ganze Bündel. Unfassbar.

Andreas Austilat
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ich bin nach Hause und habe meine Frau zur Rede gestellt. „Schatz“, sagte ich, „überall ist Frühling, die Menschen sitzen schon in Biergärten, was ist bei uns?“ Meine Frau verstand nicht ganz. Also habe ich sie wortlos zu unseren Forsythien geführt, und da war nichts. Keine Blüte, nicht mal eine anständige Knospe.

Ja, ich war enttäuscht. Überall wurde schon vom Frühling geredet, wir aber blicken ins immergleiche Graugrün. Das heißt, ich will nicht ungerecht sein, die Schneeglöckchen sind natürlich da, seit drei Wochen schon, und die Krokusse haben sich vor dem Zaun zu einem lila Teppich ausgebreitet. Und dann war da noch so etwas Weißes, das war die Woche davor noch nicht da: Kleine Dolden, immer sechs Blätter mit jeweils einem blauen Mittelstreifen formen sich zu einem Kelch, die Kelche stehen in kleinen Büscheln zusammen unter der Hortensie. „Was ist das?“, fragte ich meine Frau, auf deren botanische Weisheit ich doch so große Stücke halte. „Weiß nicht,“, hat sie geantwortet und mich stehen lassen. Ich glaube, sie war ein bisschen beleidigt, dachte wohl, ich würde den Garten zu gering schätzen. Heimlich habe ich einen kleinen Kelch abgezwackt und bin damit wieder ins Gartencenter.

„Milchstern“, hat eine Verkäuferin ohne zu zögern geantwortet, als ich ihr die Blüte zeigte, „so haben wir den aber nicht, nur den orangefarbenen dahinten“. Ornithogalum dubium stand an besagtem Topf, sah natürlich viel imposanter aus als der Zwerg in meiner Hand. „Und warum sieht meiner so mickrig aus, während der hier so strahlt?“ – „Weil Ihrer von draußen ist, wo es unser orangefarbener im Moment noch gar nicht aushalten würde.“

Darauf habe ich mir die versammelte Pracht einmal genauer angeguckt. Nicht nur, dass der Ornithogalum, den sie hier haben, draußen sofort erfrieren würde, die Forsythienbündel, die ich einen Tag vorher gesehen hatte, waren nicht einmal echt, sondern aus Stoff und Plastik. Und die Polsterstauden, die gerade im Frühlingsangebot sind, die Gänsekresse mit den violetten Spitzen, das Moossteinbrech und der Goldlack, sie alle tragen zwar das Schild „winterhart“, abends kommen sie aber in die Halle, gestand mir die Gärtnerin auf Nachfrage. Und wie man inzwischen sieht, machen die paar schönen Tage, die wir zu Beginn der Woche hatten, noch keinen Frühling.

„Milchstern“, habe ich zu Hause nachgelesen, „wird auch Gärtnertod oder Gärtnerschreck genannt.“ Leider stand da nicht, warum. Offensichtlich hat dieses kleine Ding noch irgendeine dunkle Seite. Eine, die man bestimmt nicht im Gartencenter findet. Ich sollte diesen Stern im Auge behalten, echte Natur ist oft unberechenbar.

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