Meine Frau, ihr Garten und ich : Mit erhobenem Zeigefinger

Leider bin ich im Moment meiner Frau im Garten keine große Hilfe.

von
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ich habe mir beim Gemüseraspeln ein kleines Stück vom Zeigefinger weggehobelt. Küchenarbeit kann ganz schön gefährlich sein, haben sie im Krankenhaus gesagt, und die Küchenreibe sei eines der gefährlichsten Geräte überhaupt. Gleich nach der Brotschneidemaschine.

Ich habe mich deshalb zu Hause auf der Terrasse weisungsgemäß in den Schatten gesetzt – Finger ruhig und kühl halten, hat man mir eingeschärft – und mich der Lektüre hingegeben – ein globetrottender Kollege hatte mir aus London einen „Independent on Sunday“ mitgebracht. „Steht was über Gartenarbeit drin“, hatte er mir noch gesagt. Ja, die Engländer, die verstehen was von Gärten.

„Gärten sind die neuen Fitnessstudios“, stand da. Im Verlauf des Artikels führten diverse Ärzte aus, dass intensives Gärtnern, der Artikel erschien zu Beginn der „nationalen Gärtnerwoche“ Mitte April, nicht nur Patienten nutzt, sondern auch den chronisch unterfinanzierten Nationalen Gesundheitsservice entlasten könne.

Im Einzelnen wurde dann die gesundheitsfördernde Wirkung von selbst angebautem Gemüse ausgeführt – was mich schmerzhaft an meinen Finger erinnerte. Außerdem bekomme man bei der Arbeit unter freiem Himmel eine Menge Sonnenlicht und damit Vitamin D ab, die Muskeln würden beim Umgraben trainiert und selbst Schlaganfall-Patienten hätten schon eine wohltuende Wirkung verspürt, wenn sie einfach nur ins Blattwerk schauten, das ja jetzt, zu Beginn der Grünperiode, besonders zart und frisch schimmert.

Das war der Moment, in dem sich meine Frau schwer auf den Stuhl neben mir fallen ließ. „Ich kann nicht mehr“, klagte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Sie hatte erst ganz allein den Rasen vertikutiert – das war wirklich höchste Zeit. Vorher musste sie noch ihre neueste Errungenschaft in eine bessere Position ruckeln – es handelt sich um einen kiloschweren Pflanzkübel mit Osterschneeball viburnium burkwoodii, was ebenfalls dringlich war, weil der gerade jetzt seine große Zeit hat. Dann war da noch die neue, extragroße Biotonne, die sie zur Straße schaffen musste. „Ich glaube, ich habe es im Kreuz, ich habe mich verhoben“, meine Frau blieb in ihrer gebückten Haltung, offenkundig unfähig, sich aufzurichten.

„Schatz“, versuchte ich sie ein wenig abzulenken, „ich hätte dir wahnsinnig gern geholfen, aber in Gartenerde lauern die gefährlichsten Erreger, da fängt man sich eins-fix-drei eine schlimme Blutvergiftung ein.“ Um meine Worte mit einem Ausrufezeichen zu versehen, reckte ich den bandagierten Finger in die Höhe. Meine Frau hielt sich immer noch den Rücken.

Hoffentlich ist ihr da nichts rausgesprungen! Komisch, über die Gefahren beim Gärtnern verliert der „Independent“ kein Wort. Dabei weiß doch jeder: Natur hat auch ihre Risiken. Andreas Austilat

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