Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Bestiarium Wimmelbuch

Mein Name ist Esther Kogelboom, und ich habe ein Wimmelbuch-Trauma. Dabei wollte ich meinen Sohn nur frühzeitig an Bücher gewöhnen!

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Esther Kogelboom. Foto: Mike Wolff
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Für das, was den Allerkleinsten vom Verlag „Ravensburger“ zugemutet wird, sind meine Nerven zu schwach.

Da ist das Büchlein „Sachen suchen bei der Feuerwehr“, das vergangenes Jahr am 23. Dezember im Adventskalender steckte. Es muss hinter ein Regal gerutscht sein, erst jetzt habe ich es wiedergefunden. Das kleinformatige Papp-Buch besteht aus drei Doppelseiten. Mit der Lupe kann man erkennen, was geschieht.

Erstes Panorama: Ein mehrstöckiges Haus brennt. Die Feuerwehr ist mit vier Einsatzwagen vor Ort, ein Krankenwagen ist auch da. Mehrere hilflose Personen warten auf den Balkonen, einer von ihnen ist wegen eines Gipsbeins behindert. Eine Katze im zweiten Stock, deren grüne Gesichtsfarbe auf eine Rauchvergiftung schließen lässt, überlegt, ob sie springen soll. Und hinter dem Absperrband beobachtet eine vierköpfige Familie das Szenario – das Jüngste noch ein Krabbelkind.

Zweites Panorama: Unfall auf einer Kreuzung. Ein Laster, der Bälle und Teddybären geladen hatte, ist mit einem blauen Pkw kollidiert. Im Einsatz sind ein Abschleppwagen, ein Feuerwehrauto, ein Polizeiwagen und zwei Rettungsfahrzeuge. Der Pkw wurde durch den Aufprall zerquetscht, die Kühlerhaube ist quasi nicht mehr vorhanden. Aus dem Kofferraum ist eine Tasche mit Schlipsen und Feinrippschlüpfern geflogen – der Insasse, vermutlich ein Handlungsreisender, wird gerade von zwei Sanitätern auf der Bahre abtransportiert, ein Arzt läuft nebenher und hält den Tropf hoch. Der Polizeireporter macht Fotos vom Geschehen, und an den Laternenpfahl, vor den der Laster gekracht ist, pinkelt diabolisch grinsend ein Rauhaardackel. Herumliegende Teddybären und bunte Bälle kontrastieren das Bestiarium.

Drittes Panorama (ich mach’s kurz): Bergung von Flutopfern. Kettensägen, verwüstete Wohnungen, verzweifelte Menschen, eine Entenmutter mit ihren vier flauschigen Küken schwimmt am Dach eines absaufenden Pkw vorbei.

Was kommt als Nächstes? Sachen suchen im Schlachthaus? Sachen suchen im Finanzamt?

Der Urheber dieser apokalyptischen Meisterwerke ist nicht etwa Hieronymus Bosch, sondern – das kann kein Zufall sein – eine Frau namens Sigrid Büsch. Die Zeichen mehren sich. Sie muss eine Nachfahrin des berühmten Niederländers sein.

Weil das Angebot die Nachfrage bestimmt, interessiert sich unser Sohn brennend für alle Belange der Feuerwehr. Auch in der Kita spielen die Kinder mit Feuerwehrautos und rufen „Tatütata!“ Wenn ich den Kleinen nachmittags umherschiebe, überholt uns jedes Mal mindestens ein echtes Feuerwehrauto. Ein Höhepunkt ist die Feuerwache in der Oderberger Straße.

Da die Gesprächsthemen mit ihm begrenzt sind, ertappe ich mich dabei, ihn extra auf die rote Pracht hinzuweisen: „Da! Guck mal, ein Feuerwehrauto“, rufe ich dann mit absolut echter Firefighter-Groupie-Begeisterung, und der Junge strahlt mit. Nur in New York kann die Feuerwehr-Verehrung größer sein.

Vielleicht hat es sein Gutes, dass er weiß, was ein Sprungtuch ist und wie ein Warndreieck funktioniert.

„Und wenn die Botschaft ist, dass man schon gerettet wird, egal was ist?“, fragt der kluge Mitsorgeberechtigte. „So nach dem Motto: Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch.“

Im Bücherschrank habe ich jetzt ein Dinosaurier-Buch entdeckt. Was ist ein brennendes Mehrfamilienhaus gegen einen angreifenden Stegosaurus mit spitzen Borsten? Gar nichts.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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