Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Geschenke, Geschenke!

Es gibt Menschen, die kaufen das ganze Jahr über Geschenke für ihre Lieben.

von

Die sehen ein günstiges Buttondown-Hemd im Schaufenster – und denken sofort an Onkel Karl-Heinz, dem das prima stehen würde. Und hatte er nicht neulich erst davon gesprochen, wie sehr er Rosa mag?

So top-organisierte Menschen sind ganz klar im Vorteil. Sie dürfen sich beruhigt zurücklehnen, weil sie rechtzeitig die Wünsche der anderen erraten haben.

Ich kann das nicht. Selbst für meine eigene Familie fällt mir nichts ein. Keine Idee, nur Leere im Kopf. Wachsende Panik.

Also forderte ich vor einiger Zeit Wunschlisten an. Damit war das Problem wegorganisiert. Doch nun trudeln die Listen langsam ein. Mir scheint, sich beschenken lassen ist für viele noch schwieriger als selber schenken.

Mein Vater schickte eine erstaunlich bescheidene Mail: 

„Ich wünsche mir einen Porsche, eine Golfrunde mit Tiger Woods, Heli-Ski in Colorado und eine Villa am Comer See. Mama hätte gern ein Buch von Christine Westermann: (,Da geht noch was’).“

Meine Schwägerin antwortete ebenfalls:

„Ich wünsche mir Gutscheine von Amazon, Asos oder Zalando.“

Ansonsten keine Resonanz.

Ich rufe meine Freundin Klara an, die jedes Jahr sogar die Wünsche des Postboten und ihrer Stamm-Kassiererin bei Kaiser’s errät.

„Du bist doch fein raus“, ruft sie. „Du hast ein Kind. Bastle einen Kalender mit den schönsten Baby-Fotos 2013!“

Mich schaudert. Bin ich wirklich schon so weit, im Bastelgeschäft Do-it-yourself-Kalender und Klebestifte zu kaufen? Januar: Das Kind auf dem Wickeltisch, Februar: Das Kind im Schneeanzug? März: Das Kind mit dem Osterhasen, oder war das im April? Nein.

Keine gute Notlösung.

Spätabends scrolle ich mich auf der Suche nach passenden Kleinigkeiten durchs Netz, bis ich glasige Augen bekomme. Mir gefällt nichts. Dann doch lieber wieder am Morgen des 24. Dezember ins Kaufhaus, das Fehlende ganz spontan einholen.

Das habe ich vergangenes Jahr so gemacht. Es fehlte zwar nur eine Muskatnuss für den Kartoffelbrei zum Gulasch, aber ohne geriebene Muskatnuss schmeckt so ein Kartoffelbrei einfach nicht.

Die Lage in der Lebensmittelabteilung angespannt zu nennen, wäre untertrieben. Es herrschte so etwas wie Endzeitstimmung.

Jingle Bells, Jingle Bells …

Die Muskatnuss lag etwas verloren zwischen zwei Trennstäben auf dem Band. Dahinter und davor stapelten sich Rotweinflaschen, Fertigsalate, Kartoffelnetze, ganze Ananas, Bockwürstchengläser und Lebkuchenherzen. Die Kassiererin, eine sorgfältig geschminkte Mittfünfzigerin, putzte sich lautstark die Nase, als ich an der Reihe war. Weinte sie etwa? Tatsächlich.

„Es ist furchtbar“, schniefte sie. „Mir sind heute schon zwei Forellen vom Band gesprungen. Von wegen tot!“ Sie sei fertig mit den Nerven, richtig am Ende. Traurig schaute sie von ihrer Kassenschublade auf. „Und Geschenke hab’ ich auch noch nicht alle. Ich schaff’ das nicht.“

Jingle all the way … oh what fun it is to ride in a one-horse open sleigh …

„Oh nein“, sagte ich. „Das tut mir leid.“ Was man so sagt.

Es folgte ein echt weihnachtlicher Moment. Die Verkäuferin stand auf, drehte den Arm mit dem Kartenlesegerät zur Seite, und wir umarmten uns kurz. Sie duftete wie eine Marzipankugel. Hoffentlich ist sie dieses Jahr wieder im Dienst.

Jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss dringend ... Tiger Woods ist auf der anderen Leitung.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben