Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Kinderfreie Tage

Drei Tage ohne Kind. Danach sehnen sich Eltern. Endlich lange duschen, beim Essen nicht hetzen und eventuell sogar geduldeter Zaungast des glamourösen Lebens der Kinderlosen sein!

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Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Für uns ist diese Holodeck-Fantasie jetzt wahr geworden. Eigentlich sollten wir uns freuen.

Der Mitsorgeberechtigte übertönt seine zwiespältigen Gefühle, indem er aus dem Häuschen ist und ambitionierte Pläne schmiedet.

„Erst mal“, sagt er und legt klirrend ein paar Flaschen Club-Mate in den Kühlschrank, „schauen wir uns in Neukölln um. Dort lange frühstücken und ausführlich Zeitung lesen, danach Dampfbad im Hotel de Rome. Ein wenig durch die Geschäfte, mal sehen, ach ja, unbedingt diese Bar besuchen, in die man nur durch eine Telefonzelle kommt. Später ins Picknick.“

Ich lehne erschöpft an der Küchenwand und schäle aus Gewohnheit eine Banane – ganz träger Wellensittich, dessen Volierentürchen man überraschend geöffnet hat. Eine Mischung aus Transatlantikflug und ganz leichtem Liebeskummer.

Von überall her schallt es: „Tolle Großeltern hat der Kleine! Nutzt das aus! Die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder!“

Ich will erst mal nur ungestört schlafen. Die Dauerkümmer-Funktion steht auf stumm, aber ich bin zu müde, meinen Kopf zu bewegen. Trotzdem schrecke ich nachts mehrfach vom Kissen hoch. War da ein Geräusch? Ist jemand von der Matratze gerollt? In der Wohnung ist es still und auf gruselige Weise ordentlich. Obwohl ich jetzt Krach machen könnte, meide ich die knarrende Diele und husche umher. Der Schlaf bleibt leicht, und ich wache um sechs Uhr enttäuscht mit pochenden Kopfschmerzen auf.

Der Mitsorgeberechtigte und ich gehen frühstücken. Nur wirft niemand einen Milchbecher um, verteilt Konfitüre in seinen Haaren und will den Bären in der Zeitung suchen. Niemand schlingt seine speckigen Arme um mich und sagt „meine Mama“. Wir schlucken tapfer unsere Eier runter, doch der Kloß bleibt im Hals stecken.

„Wollen wir anrufen?“, fragte ich mit erstickter Stimme. „Er muss glauben, wir wollen ihn nicht mehr.“ Wir entscheiden, noch ein bisschen auszuhalten.

Auf der Straße – überall Kinderwagen. Ich bin das Schieben so gewohnt, dass ich ohne Wagen vornüber zu kippen glaube. Ich muss die Balance neu justieren. Die Augustsonne scheint auf einen Spielplatz. Nesteln nach dem Telefon. Hat jemand angerufen? Nein. Oh Gott!

Der Mitsorgeberechtigte gesteht, dass er bereits seit Stunden Unglücksfantasien hat. Oma, Opa und Kind inmitten einer Massenkarambolage auf der A2. Er sieht ADAC-Hubschrauber auf Krankenhausdächern landen. Unter seinem Bart zuckt es bedenklich, dann stampft er entschlossen auf die Weserstraße. „Wir müssen lockerer werden! Am besten viel Bier, jetzt gleich“, ruft er.

Eine Gruppe junger Spanier in filzigen Strickpullovern zieht vorbei. „Los alemanes beben cerveza en las mañanas“, erklärt einer seinen Freunden und zeigt auf uns. Blicke. Anerkennendes Gemurmel. Wir hatten es ja schon gehört: Neukölln hat sich irgendwie verändert in den letzten Jahren. Ebenso wie wir. Locker bleiben – das funktioniert nicht mehr. Etwa nie mehr? Eine Vorahnung beschleicht uns.

Anruf bei den Großeltern. Oma klingt etwas angeschlagen. Im Hintergrund der Junge: „Esel! Esel!“ Die Verdauung sei regelmäßig, berichtet Oma. Keine größeren Verletzungen. Nur sie selbst sei etwas müde.

Der Kleine scheint auch ohne uns überlebensfähig zu sein.

Sind wir es auch ohne ihn? Sieht ganz und gar nicht danach aus.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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