Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Kiss me, I’m cute!

Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Seit Wochen gehe ich in der Postfiliale an der Torstraße ein und aus. So gut wie täglich ziehe ich neue gelbe DHL-Zettel aus dem Briefkasten: Ich soll etwas abholen kommen, aber „nicht heute“, sondern allerfrühestens „morgen ab 14 Uhr“.

Wieder ein Paket mit gebrauchter Babykleidung. Ich kann nicht mehr. Die Frau hinterm Schalter und die „Straßenfeger“-Verkäuferin, die immer im Vorraum auf den Stufen sitzt, gucken auch schon ganz betroffen.

Früher stellte ich mir ganz gerne vor, dass kleine Menschen in blütenzarte Petit-Bateau-Jäckchen gehören, die vorn mit Satinbändern geschlossen werden. Da hatte ich auch den Hebammenklassiker „Speikinder sind Gedeihkinder“ noch nie gehört. Der bedeutet: Kind trinkt mehr als reinpasst. Kind erbricht den Überlauf aus Muttermilch in mehreren Portionen, ankündigungslos, wenn ihm gerade danach ist.

Die meisten Babys machen das – zusätzlich zum Schlabbern, und dann schlabbern die Eltern noch Rotwein und Caro-Kaffee auf sie drauf. Aus diesem Grund sind auch die meisten Strampler und Bodys, ja, sogar Babysocken dieser Welt, voll mit diesen und jenen Flecken.

Wenn die nächste Kleidergröße fällig ist, wandern die alten Klamotten – abgesehen von einzelnen Erinnerungsstücken – in eine Tüte von der Biocompany, die an irgendeinem unwirtlichen Ort gelagert wird. Es muss permanent aussortiert und neu beschafft werden, denn das Baby wächst erstaunlich schnell, sogar mitten im dunklen Winter.

Irgendwann hört man dann von einem neuen Kind, das irgendwo im weiteren Familienkreis geboren wird. Hurra! Schnell das alte Babyzeugs ins Paket gepackt und weg damit. Endlich wieder Platz an unwirtlichen Orten, der bald mit weiterem Ausgemustertem gefüllt werden kann.

Überflüssig zu erwähnen, dass der Kreislauf der Babysachen auch bereits von mehreren Säuglingen durchwachte Schlafanzüge enthält. Deshalb liegt den Paketen immer eine Karte bei, auf der steht: „Guck nach, was Du gebrauchen kannst. Den Rest wirf bitte einfach weg. LG Bine“.

Danke schön!

Jetzt kann ich folgende Schlüsse ziehen: Entweder Bines Familienplanung ist ein für alle Mal abgeschlossen, oder sie hat mir nur die B-Ware untergejubelt, weil die A-Ware bereits bei ihrer besten Freundin lagert. Ich kriege also den Schrott, der übrig geblieben ist. Das Ausgemusterte vom Ausgemusterten.

Ein oder zwei Teile pro Lieferung kann ich im Schnitt sehr gut gebrauchen. Den Rest nicht.

Ich mag zum Beispiel keine Bodys, auf denen steht: „Meine Mama ist hübscher als deine“, „Kiss me, I’m cute“ oder gar „Ritter in Ausbildung“. Warum müssen Plüschoveralls in Größe 62 Teddyohren haben? Das Kind ist doch bereits im Besitz zweier lustig-fleischiger Hörhilfen links und rechts am Kopf, die ihm von der Natur geschenkt wurden – warum sollte ein Mensch, der eines Tages hoffentlich in Freiheit und Würde seine Entscheidungen fällt, zum Kuscheltier degradiert werden?

Aber wegwerfen? Kann ich auch wieder nicht, obwohl ich es mir schon oft vorgenommen habe. Es fühlt sich verboten an. Wahrscheinlich frühkindliche Konditionierung. Sicherheitshalber schaue ich im Fotoalbum nach und stelle fest: Nein. Meine Mutter hat mich nicht zum Teddy gestylt, sie war mehr für beigefarbene Schimanski-Jacken, Latzhosen und Strick, viel Strick.

Mit diesen Paketstramplern ist es wie mit Atommüll: Unsere Wohnung wird langsam aber sicher zum Endlager für ausgeleierte Pu-der-Bär-Babysachen. Sie verstopfen Kleiderschrank, Bettkästen und Schuppen, sogar ganz hinten im verschließbaren Putzmittelregal fand ich neulich eine Pu-Tüte. Gorleben ist überall.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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